Vinyl, CDs, Kassetten & Co.: Liste der historischen und aktuellen Plattenläden in Bielefeld

Bielefeld verfügte über viele Jahrzehnte hinweg über eine vielfältige Landschaft von Plattenläden. Wer früher einen Plattenladen in Bielefeld suchte, fand eine erstaunlich breite Auswahl – von großen Musikalienhandlungen über spezialisierte Vinyl-Shops bis zu Szene-Läden für Independent-, Metal- oder Black Music.

Rahmenbedingungen und Herkunft dieser Szeneorte waren dabei ebenso vielfältig wie letztlich nebensächlich. Neben reinen Tonträgerhändlern und Nischenspezialisten gab es beispielsweise Plattenabteilungen in Radiogeschäften, Filialen von Großhändlern sowie kombinierte Modelle mit Büchern oder Kleidung. Auch die Musikabteilungen einiger Flächenmärkte zählten zu den Anlaufstellen. Ein guter oder schlechter Ruf innerhalb der Musikliebhaber-Szene hing jedoch keineswegs von solchen Faktoren ab.

Was es ausmachte

Viel wichtiger waren andere Dinge: Beratung, Sortiment, Atmosphäre und das Einkaufserlebnis selbst. Plattenläden boten eine ganz eigene Form der Begegnung mit Musik – vom Stöbern in den Regalen über das Entdecken neuer Veröffentlichungen bis hin zur beiläufigen Erweiterung des eigenen musikalischen Horizonts. Dadurch entstand eine deutlich intensivere Bindung zu Ort und Produkt, als es jeder Streamingdienst leisten kann.

So ging es auch mir selbst – und vielen Zeitzeugen, mit denen ich gesprochen habe. Man ging nicht einfach nur einkaufen, sondern flanierte durch den Laden und verbrachte dort nicht selten mehrere Stunden. Man hörte Musik, über Kopfhörer oder laut im Raum, und führte Fachgespräche mit dem Personal oder mit Freunden. Man kannte die Verkäufer zumindest vom Sehen und wandte sich bei Fragen gezielt an seine bevorzugte Fachkraft.

Es war ein ganz eigenes Lebensgefühl, an das sich viele Musikfans bis heute erinnern – und das für jeden ein wenig anders gefärbt ist.

Veränderungen im Markt

Heute haben Streamingdienste die Musikwelt grundlegend verändert und die Szene stark umgekrempelt. Viele Plattenläden der vergangenen Jahrzehnte mussten schließen. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Impulse, die an alte Muster anknüpfen: Vinyl erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance, auch Musikkassetten werden wieder gekauft, und selbst CDs erfahren mancherorts eine neue Wertschätzung.

Dank dieser Trends stabilisiert sich der starke Sinkflug der Umsatzzahlen für physische Tonträger in Deutschland seit dem Jahr 2022 etwas, sodass zumindest eine mögliche Stagnation in Sichtweite kommt (Quelle: Bundesverband Musikindustrie). In diesem Umfeld haben sich wieder einige wenige Plattenläden in Bielefeld etabliert, die sich meist auf neues und gebrauchtes Vinyl spezialisiert haben.

Der Geruch einer neuen Schallplatte ist eben doch etwas anderes als ein Algorithmus, der den eigenen Musikgeschmack lenkt.

Was hier aufgelistet ist

Die folgende Liste dokumentiert historische sowie auch aktuelle Plattenläden in Bielefeld mit ihren Standorten, Zeiträumen und Hintergründen. Sie hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ist alphabetisch sortiert und bezieht sich – anders als bei meiner Liste der Diskotheken in Bielefeld – nicht an postalischen Adressen, sondern an den Unternehmen selbst. Diese hatten teils mehrere Standorte; gleichzeitig oder durch Umzüge.

Record Store Day

Dieser Artikel ist Teil der Dokumentation zur Musik- und Partykultur in Bielefeld und Ostwestfalen-Lippe. Das Veröffentlichungsdatum liegt bewusst zwei Tage vor dem Record Store Day 2026, der seit 2008 jedes Jahr am dritten Samstag im April stattfindet. Inzwischen wird er in über 20 Ländern gefeiert, darunter Deutschland, Großbritannien, Frankreich, die USA, Japan und Australien. Zu den offiziellen Botschaftern des Events zählten bislang unter anderem Iggy Pop, Jack White, Kate Bush, Taylor Swift, Ozzy Osbourne und Dave Grohl.

Der Record Store Day (RSD) versteht sich nicht nur als symbolische Wertschätzung für unabhängige Plattenläden, sondern auch als gemeinsame Initiative der teilnehmenden Händler. Einmal im Jahr erhalten diese eine exklusive Auswahl physischer Tonträger – darunter Sondereditionen, limitierte Veröffentlichungen und Raritäten. Letztlich verfolgt der Record Store Day damit ein klares Ziel: Aufmerksamkeit schaffen und Menschen dazu bewegen, vor Ort einzukaufen – denn nichts stärkt den stationären Plattenhandel mehr als tatsächliche Kundschaft.

Weitere Ergänzungen erwünscht

Der Inhalt dieses Blogposts ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keineswegs abgeschlossen. Er wird laufend ergänzt, sobald neue Informationen vorliegen. Meine herzliche Bitte an die Leserschaft: Ergänzungen oder Korrekturen gerne über die Kommentare mitteilen – und gern auch eigene Erlebnisse schildern.

Letzte Aktualisierung: 16. April 2026

Direkt-Links zu den Plattenläden in Bielefeld

Über die folgenden Links geht es direkt zum gewünschten Plattenladen in Bielefeld. Darunter folgt die Liste von 12″ Inch bis Ween.


12″ Inch

Notpfortenstraße 8, 33602 Bielefeld (1983 – 1986)

In der Vinyl-Ära waren Maxi-Singles etwas Besonderes – und für viele DJs sogar unverzichtbar. Das Format entstand ursprünglich in den 1970er Jahren in den Disco-Clubs von New York, wo DJs längere und klanglich druckvollere Versionen für die Tanzfläche benötigten. Auf ihnen fand sich meist nicht die im Radio gespielte Single- oder LP-Version eines Songs, sondern in der Regel ausschließlich eine verlängerte Fassung – häufig kombiniert mit einer B-Seite, die ebenfalls oft nur auf dieser Veröffentlichung erhältlich war.

Dabei unterschieden sich die Qualitäten der Maxi-Versionen teilweise deutlich voneinander. Während manche Varianten eher überflüssig wirkten und den ursprünglichen Song unnötig in die Länge zogen, erlangten andere geradezu legendären Ruf. Gute Beispiele für besonders gelungene Versionen sind etwa „Real Wild Child“ von Iggy Pop oder „You Spin Me Round (Like a Record)“ von Dead Or Alive. Im Funk- und Dance-Bereich erschienen zudem häufig spezielle Mixe, die gezielt für den Einsatz auf der Tanzfläche produziert wurden. Beispiele dafür sind „I Feel Love“ von Donna Summer in der 15-Minuten-Version oder „Good Times“ von Chic. Solche besonderen Pressungen waren allerdings nicht immer leicht zu bekommen.

Potenzial für DJs

Das Segment bot also eine große Vielfalt, und da in Clubs häufig mit solchen Versionen gearbeitet wurde, waren sie besonders für DJs interessant.

Diese Marktlücke brachte Martin Weiß – nebenbei ein Namensvetter eines Bielefelder DJs – im Jahr 1983 auf die Idee, einen spezialisierten Laden für 12″-Maxi-Singles zu eröffnen. Weiß suchte für sein Vorhaben das Gespräch mit Klaus-Dieter Gehner vom Musikhaus Niemeyer, den er schließlich als Finanzier gewinnen konnte. So entstand an der Notpfortenstraße das Geschäft 12″ Inch als eine Art Ableger des Musikhauses Niemeyer.

Im Sortiment befanden sich Maxi-Singles aus den USA, Kanada, England, Italien, den Niederlanden und natürlich auch aus Deutschland. Schwerpunktmäßig stammten sie aus den Bereichen Funk, Rap, Hi-Energy und Disco-Dance. Zusätzlich wurden eine leistungsstarke Musikanlage sowie einige Lichteffekte zur Vermietung angeboten.

Führungswechsel

Im Frühjahr 1984 wurde Martin Weiß vom Schallplattengroßhandel Discobox abgeworben und er verließ das Geschäft. Ihm folgte Burkhard „Hardy“ Stange, der den Laden bis zum Sommer 1985 weiterführte. Stange arbeitete zuvor seit 1981 als DJ in der direkt benachbarten Diskothek Circus, Circus und hatte dort nahezu jeden Samstag für die musikalische Gestaltung gesorgt. Nun brachte er seine Erfahrungen in die Beratung im Ladengeschäft ein.

Die Nachfolge von Hardy Stange trat schließlich Falk Baumgart an, der den Laden bis zu dessen Schließung leitete, die etwa im Sommer 1986 erfolgte.

Zeitleiste

  • März 1983: Eröffnung des Ladengeschäfts
  • Frühjahr 1984: Hardy Stange übernimmt die Leitung
  • Sommer 1985: Falk Baumgart übernimmt die Leitung
  • Um 1986: Schließung des Ladengeschäfts

bam-Schallplatten

Siechenmarschstraße 31, 33615 Bielefeld (um 1979 – um 1984)

In der Siechenmarschstraße, Ecke Arndtstraße, befand sich für einige Jahre der Plattenladen bam-Schallplatten. Neben dem Verkauf von Tonträgern diente das Geschäft auch als Vorverkaufsstelle für Veranstaltungen.

Weitere Hintergründe zum Laden konnten bislang nicht ermittelt werden. Hinweise, Ergänzungen oder Erinnerungen sind daher willkommen, um das Bild an dieser Stelle zu vervollständigen.

Zeitleiste

  • um 1979: Eröffnung des Ladengeschäfts
  • um 1984: Schließung des Ladengeschäfts

Beat Box Records

Ritterstraße 4, 33602 Bielefeld (1984 – 1986)
zuvor: Altmühlstraße 8-10, 33689 Bielefeld (Sennestadt) (1984)

Im Jahr 1984 machte Detlef Kybolka sein Hobby zum Nebenberuf und eröffnete in Sennestadt einen kleinen Plattenladen unter dem Namen Beat Box Records. Auf lediglich 10 bis 15 Quadratmetern Verkaufsfläche bot er vor allem Alternative Rock, Punk, New Wave, Metal, Gothic, Dark und weitere verwandte Genres an.

Bereits nach ein paar Monaten zog Kybolka, der hauptberuflich in der Metallbranche tätig war, mit seinem Geschäft in die Innenstadt um. Der neue Standort in der Ritterstraße 4 lag zentral am Klosterplatz, direkt gegenüber dem Eingang des ehemaligen alten Gesellschaftshauses. Dies erhöhte zwar die Sichtbarkeit des Ladens, ging jedoch mit einem Nachteil einher: Die Verkaufsfläche schrumpfte auf nur noch etwa sechs Quadratmeter.

Mit der Eröffnung des Medienkaufhauses Gemini in der Bahnhofstraße im Oktober 1986 verschärfte sich die Wettbewerbssituation für viele Bielefelder Plattenhändler deutlich. Ein neues, kapitalstarkes Konzept mit großer Auswahl setzte die kleineren Geschäfte unter Druck.

Kybolka nutzte diese Entwicklung für sich: Er gab seinen eigenen Laden auf und wechselte hauptberuflich zu Gemini, wo er die Leitung der Plattenabteilung übernahm.

Zeitleiste

  • Anfang 1984: Eröffnung des Ladengeschäfts in Sennestadt
  • Mitte 1984: Umzug in die Ritterstraße 4
  • November/Dezember 1986: Schließung des Ladengeschäfts

Beckmann, Rudolf

Gehrenberg 31, 33602 Bielefeld (1905 – 1906)
zuvor: Bülowstraße 35, Bielefeld, heute Deckertstraße, Gadderbaum (1904 – 1905)

Rudolf Beckmann eröffnete im Frühjahr 1904 ein Fahrradgeschäft in der Bülowstraße 35, was zugleich seine Privatanschrift war. Bereits im Dezember desselben Jahres warb er erstmals mit dem Angebot von Phonographen, Schallplatten und Walzen. Nach den bislang vorliegenden Quellen war er damit der erste Händler in Bielefeld, der Schallplatten im Sortiment führte. Diese Einschätzung gilt jedoch vorbehaltlich der Annahme, dass Johann Röthlingshöfer, der sein Geschäft 1902 gründete und erst 1905 nach Bielefeld kam, nicht bereits zuvor undokumentiert vor Ort tätig war.

Im Laufe des Jahres 1905 zog Beckmann mit seinem Unternehmen zum Gehrenberg 31 um. Bei seinem Geschäft handelte es sich allerdings nicht um einen Plattenladen im engeren Sinne, sondern eher um eine Art früher Technikmarkt. Der Schwerpunkt lag weiterhin auf Fahrrädern und Zubehör, doch ergänzend bot Beckmann auch Phonographen mit Walzen und Schallplatten sowie unter anderem Nähmaschinen, Waschmaschinen und Taschenlampen an. In dieser Mischung zeigen sich bereits Parallelen zu späteren Technikmärkten mit integrierter Musikabteilung.

Bereits im Februar 1906 kündigte er jedoch im Rahmen eines Ausverkaufs die Aufgabe seines Geschäfts an. Weitere Erwähnungen Beckmanns in der zeitgenössischen Presse lassen zumindest erahnen, warum.

„29 Jahre alt, groß, schlanker Statur, schmales blasses Gesicht, dunkelblonder Schnurrbart und blaue Augen“ – mit dieser Beschreibung wurde im Juni 1907 ein Fahrradhändler namens Rudolf Beckmann steckbrieflich gesucht, wegen Urkundenfälschung.

Namensvetter oder nicht?

Unter dem Vorbehalt, dass es sich dabei nicht um einen Namensvetter handelt, taucht der Name Rudolf Beckmann bereits Ende des 19. Jahrhunderts wiederholt in der Presse auf – als schwer erziehbarer Knabe, als beschuldigter Gewalttäter, Brandstifter, Dieb und Betrüger ohne festen Wohnsitz.

Allerdings ist mindestens ein Namensvetter eindeutig belegt: der Kohlehändler Rudolf Beckmann aus der Schillerstraße 40. Dieser sah sich im Februar 1913 sogar veranlasst, öffentlich klarzustellen, dass er nicht identisch sei mit einem Gelegenheitsarbeiter gleichen Namens, der laut Polizeibericht „einem Bekannten einen Anzug abgeschwindelt hatte“.

So bleiben am Ende viele offene Fragen – und die Vermutung, dass der erste nachweisbare Schallplattenhandel in Bielefeld zugleich der gescheiterte Versuch gewesen sein könnte, einen neuen Lebensweg zu finden.

Zeitleiste

  • Frühjahr 1904: Eröffnung des Geschäfts in der Bülowstraße 35
  • 1905: Umzug zum Gehrenberg 31
  • 16. Februar 1906: Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe

Bluesite Record Shop

Stapenhorststraße 19, 33615 Bielefeld (1997 – 2024)

Der Bluesite Record Shop bestand rund 27 Jahre in Bielefeld und handelte mit gebrauchten Ton- und Bildträgern – darunter Schallplatten, CDs, DVDs und Blu-rays –, die sowohl angekauft als auch verkauft wurden.

Trotz dieser langen Existenz von mehr als zweieinhalb Jahrzehnten sind heute nur vergleichsweise wenige Informationen über das Geschäft verfügbar. Das liegt zum einen daran, dass in der Lokalpresse nur selten darüber berichtet wurde. Zum anderen ist es auf das abrupte Ende im Juni 2024 zurückzuführen: Zunächst war von einem Umzug die Rede, tatsächlich bedeutete dies jedoch die endgültige Schließung – ein Umstand, der auch viele Stammkunden ratlos zurückließ.

Gegründet wurde das Geschäft im Jahr 1997 von Kai-Uwe Porath und Guido Mohr. Vermutlich über die gesamte Zeit hinweg – bis zur Schließung – befand sich der Laden an der Stapenhorststraße 19 im Bielefelder Westen. Dort wurden zeitweise rund 40.000 Artikel aus unterschiedlichsten Genres angeboten, darunter Jazz, Soul, Rock, Pop, Blues, Hip-Hop, Techno, House, Trance, Drum & Bass, Punk, Indie, Hardcore, Alternative, EBM, Industrial, Reggae, Soundtracks, Latin und World Music.

Ein Teil des Sortiments wurde zuletzt auch online über die Plattform Discogs vertrieben – über einen Händleraccount, der ebenso abrupt beendet wurde.

Wer weitere Informationen zu diesem typischen Plattenladen des Bielefelder Westens beisteuern kann, ist herzlich eingeladen, diese zu ergänzen.

Zeitleiste:

  • 1997: Eröffnung des Ladengeschäfts
  • 22. Juni 2024: Schließung des Ladengeschäfts

Disque

Marktpassage Bielefeld (1984 – um 1988)

Zur Eröffnung der Marktpassage gab es auch einen neuen Plattenladen in Bielefeld. Er firmierte unter dem Namen Disque und bestand dort nur etwa drei bis vier Jahre. Zu finden war er etwa 20m hinter dem Haupteingang auf der linken Seite. Weitere Details dazu bitte gerne melden.

Zeitleiste

  • 30. Oktober 1984: Eröffnung der Marktpassage und zeitgleich auch von Disque
  • um 1988: Schließung des Ladengeschäfts

Gemini

Bahnhofstraße 39, 33602 Bielefeld (1986–1993)

Bundesweites Aufsehen erregte ein neues Konzept, das hinter Gemini stand. Der in Köln ansässige Kaufhof-Konzern, zu dem damals neben Saturn-Hansa auch auch Kaufhalle gehörte, verfolgte die Ambition, insbesondere im Buchhandel die Marktführerschaft zu erlangen. Zu diesem Zweck entwickelte man ein neues Flächenmarktkonzept für Medien – also Bücher, Videospiele sowie Bild- und Tonträger. Als Standort für den Pilotstore wurde bewusst Bielefeld gewählt – mit dem Argument: Was in Bielefeld funktioniert, muss in Großstädten wie Frankfurt auch bestehen.

Die Anfänge in Bielefeld

Im Jahr 1968 hatte Kaufhalle einen eigens errichteten Neubau an der Bahnhofstraße 39 bezogen. Diese Filiale in bester Innenstadtlage wurde 1986 zum ersten Gemini-Standort umgebaut und am 1. Oktober 1986 eröffnet. Mit rund 3.000 Quadratmetern Verkaufsfläche entstand damit das bundesweit größte Medienkaufhaus.

Auf etwa 2.000 Quadratmetern wurden rund 150.000 Büchertitel von etwa 2.000 Verlagen angeboten. Auf der verbleibenden Fläche – vorwiegend im Kellergeschoss – befand sich eine umfangreiche Schallplattenabteilung sowie weitere Angebote wie Zeitungen, Zeitschriften, Videokassetten, Standardsoftware, Poster und Postkarten. Während Kundinnen und Kunden in der Buchabteilung uneingeschränkt lesen durften, konnten im Untergeschoss in gleichem Maße Videospiele ausprobiert und Schallplatten probegehört werden.

Dieses Konzept setzte neue Maßstäbe und sorgte zunächst vor allem im traditionellen Buchhandel für erhebliche Unruhe. So war die Gründung der Buchhandlungs-Kette Phönix, die sich den Maßstäben des traditionellen Buchhandels verpflichtet sah, eine direkte Antwort auf Gemini und wurde von der Bielefelder Buchhandlung Phönix initiiert.

Aber auch im Schallplattenhandel hinterließ Gemini deutliche Spuren, denn insbesondere die Plattenabteilung genoss einen guten Ruf. Einer der Gründe dafür war, dass diese von Detlef Kobylka geführte wurde, der zuvor mit Beat Box Records am Klosterplatz einen eigenen Plattenladen betrieben hatte und in der Bielefelder Szene entsprechend gut vernetzt war.

Ungewöhnliche Wege bei der Akquisition der Mitarbeiter

Auch im Bereich Personal ging das Unternehmen neue Wege. Man setzte auf eine Art „Kollektivintelligenz“ und stellte nicht ausschließlich gelernte Buch- oder Musikverkäufer ein, sondern suchte gezielt auch arbeitslose Akademiker. So schrieb das Bielefelder Arbeitsamt beispielsweise viele arbeitssuchende Lehrer an, um ihnen einen Quereinstieg bei Gemini anzubieten. Zudem hatten die Mitarbeiter viele Freiheiten, konnten sich im neuen Umfeld eigenverantwortlich weiterentwickeln und experimentieren.

Der Buch- und Schallplattenhandel sah sich plötzlich einem Wettbewerber mit erheblicher Finanzkraft gegenüber. Mit einer vollständig gestalteten Straßenbahn warb Gemini großflächig für sich und war in der Presse präsent wie kaum ein anderer Anbieter. Es wurde investiert, getestet und expandiert. In Bielefeld beschäftigte das Unternehmen – einschließlich Teilzeitkräften – knapp 100 Mitarbeitende. In Wiesbaden und Stuttgart entstanden zudem zwei weitere Filialen.

Licht und Schatten des Konzepts

Trotz großer Ambitionen entwickelte sich Gemini jedoch nicht zu einem dauerhaft tragfähigen Geschäftsmodell, sondern zu einem stark zahlengetriebenen Testprojekt mit erheblichem Erfolgsdruck aus der Kölner Zentrale. Dort konzentrierte man sich inzwischen zunehmend auf die Expansion des Kerngeschäfts in die neuen Bundesländer.

Aufgrund nicht erreichter wirtschaftlicher Ziele wurde im Dezember 1992 schließlich angekündigt, alle drei Gemini-Filialen im folgenden Jahr zu schließen. Zusammen erzielten sie im Jahr 1991 einen Umsatz von rund 58 Millionen D-Mark, verzeichneten jedoch einen Verlust von vier Millionen D-Mark. Für die Bielefelder Filiale war für 1992 eigentlich ein ausgeglichenes Ergebnis vorgesehen, das nach offiziellen Angaben jedoch nicht erreicht werden konnte. Und bei den beiden neueren Filialen in Frankfurt und Wiesbaden lief es entgegen der ursprünglichen Denkweise – was in Bielefeld funktioniert müsse dort erst recht funktionieren – deutlich schlechter.

Innerhalb der Belegschaft löste die Entscheidung große Bestürzung aus, da viele Mitarbeitende bis zuletzt den Eindruck hatten, dass sich das Unternehmen positiv entwickelte. Nach Ansicht des Betriebsrats führten vor allem Managemententscheidungen zur wirtschaftlichen Schieflage. Als Beispiel wurde der Verzicht auf die Remission nicht verkaufter Bücher genannt, um im Gegenzug günstigere Einkaufspreise zu erhalten – ein Vorgehen, das sich aus Sicht des Unternehmens später als kostspielig erwies.

Aus Gemini wird wieder Kaufhalle

Nach ersten Ankündigungen des Kaufhof-Konzerns sollte möglichst vielen Beschäftigten eine Weiterbeschäftigung bei Kaufhalle ermöglicht werden, da der Standort wieder entsprechend umgewidmet wurde. Aus Mitarbeitendenkreisen hieß es jedoch, dass sich viele nur schwer vorstellen konnten, künftig Kleidung zu verkaufen – auch weil das abweichende Tarifgefüge teilweise mit Gehaltseinbußen verbunden gewesen wäre.

Als diese Rahmenbedingungen bekannt wurden, sprach das Unternehmen mit Blick auf die Kündigungsfristen einiger langjährig beschäftigter Mitarbeitender bereits frühzeitig erste Kündigungen aus. Es gab einen Sozialplan und der Betriebsrat handelte 850.000 D-Mark an finanziellen Mitteln für die Abfindungen von rund 60 Mitarbeitern aus. Als Kaufhalle am 27. Mai 1993 eröffnete, wurden lediglich 15 Mitarbeitende der Gemini-Belegschaft übernommen. Viele andere wechselten zu Saturn-Hansa, das fast zeitgleich im Keller des Horten-Hauses eröffnete.

Das Konzept Gemini war damit gescheitert und endgültig Geschichte.

Zeitleiste

  • 1968: Bau und Eröffnung der Kaufhalle an der Bahnhofstraße 39
  • 01. Oktober 1986: Eröffnung des Medienhauses Gemini
  • 08. Dezember 1992: Betriebsversammlung, die Bekanntgabe der baldigen Schließung aller drei Filialen
  • Frühjahr 1993: Schließung von Gemini in der Bahnhofstraße 39
  • 27. Mai 1993: Wiedereröffnung als Kaufhalle

Hört Sich Gut An

Zimmerstraße 8, 33602 Bielefeld (1989 – 2025)
zuvor: Schlosshofstraße 1, 33615 Bielefeld (1984 – 1989)

Mitte der 1980er Jahre erlebten audiophile Musikliebhaber ihre Hochphase. Es war üblich, hochwertige HiFi-Komponenten zu sammeln und über Jahre hinweg eine Musikanlage zusammenzustellen, die nicht nur erhebliche Investitionen erforderte, sondern zugleich auch als Ausdruck persönlichen Geschmacks galt. Die CD wurde gerade am Markt eingeführt, und Begriffe wie Abtastrate und Bittiefe hielten Einzug in den Alltag – ebenso wie die weiterhin geschätzte Vinyl-Schallplatte. In dieser Zeit eröffnete Werner Möhring sein Musikfachgeschäft „Hört sich gut an“ an der Schlosshofstraße 1.

Das Sortiment umfasste vor allem hochwertige HiFi- und High-End-Geräte. Daneben wurden jedoch auch Tonträger angeboten.

Wechsel in die Zimmerstraße

Im Jahr 1989 erfolgte der Umzug in die Zimmerstraße 8. Der neue Standort lag zentral an einem Ausgang der City-Passage und war von der Fußgängerzone der Bahnhofstraße gut erreichbar. Im April 2000 eröffnete in unmittelbarer Nachbarschaft zudem das Kino CineStar, das zusätzliche Laufkundschaft in die Umgebung brachte.

Der Schwerpunkt blieb auch am neuen Standort im Bereich hochwertiger Unterhaltungselektronik, ergänzt durch eine gezielte Auswahl an Tonträgern. In den letzten Jahren verlagerte sich der Fokus zunehmend auf Vinyl. Werner Möhring, dessen Sohn Nicolas inzwischen ebenfalls im Geschäft tätig war, baute ein Sortiment von rund 1.500 gebrauchten Schallplatten auf. Diese wurden handverlesen, gereinigt und mit neuen Schutzhüllen versehen. Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf Jazz, Soul, Rock und Klassik.

Im Jahr 2025 fiel schließlich die Entscheidung zur Schließung des Geschäfts. Werner Möhring trat in den Ruhestand, während sein Sohn Nicolas in ein anderes Fachgeschäft nach Hamm wechselte. Ausschlaggebend waren jedoch vor allem die veränderten Rahmenbedingungen vor Ort. Über mehrere Jahre hinweg beeinträchtigten Baustellen im Zuge der Entwicklung des Einkaufszentrums Loom die Laufkundschaft erheblich. Zudem hatten mit der Zeit auch das Kino sowie weitere umliegende Geschäfte geschlossen, wodurch die Zimmerstraße deutlich an Attraktivität verloren hatte.

Zeitleiste

  • Ende 1984: Eröffnung des Ladengeschäfts an der Schlosshofstraße
  • 1989: Umzug in die Zimmerstraße
  • November 2025: Abverkauf der Restware
  • Dezember 2025: Schließung des Ladengeschäfts

JPC

Niedernstraße 41, 33602 Bielefeld (1999 – 2009)
zuvor: Jahnplatztunnel bzw. Forum Jahnplatz, 33602 Bielefeld (1991 – 1998)
zuvor: Ritterstraße 25, 33602 Bielefeld (1982 – um 1985)

Im Jahnplatztunnel, direkt am Aufgang zur Bahnhofstraße, eröffnete im November 1991 eine Filiale der Kette JPC. Auf rund 800 Quadratmetern gab es damals kein Vinyl im Angebot, sondern ausschließlich CDs und DVDs. Dafür bot das Geschäft eine enorme Auswahl sowie den unter Musiksammlern, Fachjournalisten und DJs begehrten JPC-Hauptkatalog für CDs. Dieser erschien jedes Jahr Anfang Oktober in einer Auflage von bis zu 70.000, umfasste rund 2.000 Seiten und war etwa fünf Zentimeter dick.

Weniger bekannt ist, dass JPC bereits vor der großen CD-Ära in Bielefeld vertreten war. Doch dazu später mehr.

Zunächst lohnt sich ein kurzer Blick auf das Unternehmen selbst.

Zum Hintergrund von JPC

JPC steht für „Jazz-Pop-Classic“. Hinter dem Versandhandel, der Mitte der 1990er-Jahre bis zu 15 Filialen betrieb, standen die Schulfreunde Johannes Stuckenberg und Gerhard Georg Ortmann, die das Unternehmen 1973 gründeten. Zunächst existierte nur ein Ladengeschäft in Osnabrück. Drei Jahre später erschien der erste Katalog – damals noch für Klassik auf Vinyl. Es folgten weitere Filialen sowie der Aufbau des Firmensitzes in Georgsmarienhütte.

Mit der Markteinführung der CD im Jahr 1983 begann JPC damit, das damals noch überschaubare Angebot systematisch zu katalogisieren – der Grundstein für den späteren Hauptkatalog. Gleichzeitig verabschiedete sich das Unternehmen schrittweise vom Handel mit Schallplatten.

Entwicklung bei den Filialen in Bielefeld

Um den Jahreswechsel 1981/1982 – wahrscheinlich jedoch eher im Laufe des Jahres 1982 – eröffnete die Kette JPC ihre erste Bielefelder Filiale in der Ritterstraße 25. An dieser Adresse, an der sich in den 1970er-Jahren auch Tutschners Musik-Bar befand, war JPC direkter Nachfolger von Schallplatte International und zugleich Vorgänger von Tommis Plattenladen.

Das von Gerlinde Wind geführte Ladengeschäft wurde um 1985 wieder geschlossen. In der Folge war JPC für etwa sechs Jahre nicht mehr in Bielefeld vertreten, bevor 1991 die Rückkehr mit der Filiale im Jahnplatztunnel erfolgte. Gerlinde Wind selbst wechselte zum Nachfolger Tommis Plattenladen.

Rückkehr im Jahnplatztunnel

Durch die klare Ausrichtung auf CDs und den inzwischen etablierten Katalog war die Filiale im Jahnplatztunnel vor allem für Kundinnen und Kunden interessant, die sich für digitale Tonträger interessierten. Was auf dem Markt erhältlich war, konnte hier in der Regel auch gekauft oder bestellt werden.

Umso größer war die Überraschung, als JPC im Dezember 1998 ankündigte, die Filiale innerhalb weniger Wochen zu schließen. Laut Filialleitung lag dies vor allem am Management des Forum Jahnplatz. Allerdings gestaltete sich der Betrieb an diesem Standort insgesamt schwierig: Zwischen 1993 und 1995 wurde der Jahnplatztunnel zur Einkaufspassage umgebaut. Nicht eingehaltene Versprechen, eine geringere Laufkundschaft als erwartet sowie Meinungsverschiedenheiten führten schließlich zur Kündigung.

Nur rund drei Monate nach der Schließung eröffnete JPC im März 1999 jedoch erneut eine Filiale – nur wenige Meter entfernt. Neuer Standort war die Niedernstraße 41, wo JPC als Untermieter im traditionsreichen Musikhaus Niemeyer einzog. Niemeyer war vor allem Fachhändler für Musikinstrumente, hatte jedoch über Jahrzehnte auch Tonträger verkauft (siehe separaten Eintrag). JPC nutzte dort rund 200 Quadratmeter Verkaufsfläche im Erdgeschoss und bot weiterhin ausschließlich CDs sowie digitale Videoformate an.

Über zehn Jahre ergänzten sich beide Fachhändler unter einem Dach, bis JPC im Dezember 2009 auch diesen Standort schloss. In dieser Zeit hatte sich das Unternehmen von seinen verbliebenen Filialen getrennt, um sich stärker auf den Versandhandel und den Vertrieb über das Internet zu konzentrieren. Die freigewordene Verkaufsfläche wurde anschließend wieder von Niemeyer genutzt. Der Verkauf von Tonträgern wurde dort jedoch nicht wieder aufgenommen.

Zeitleiste:

  • 1982: Eröffnung der Filiale an der Ritterstraße 25
  • um 1985: Schließung der Filiale an der Ritterstraße 25
  • November 1991: Eröffnung der Filiale im Jahnplatztunnel
  • 1993-1995: Umbau des Jahnplatztunnels zum Forum Jahnplatz
  • 31. Dezember 1998: Schließung der Filiale im Forum Jahnplatz
  • 26. März 1999: Eröffnung der Filiale in der Niedernstraße 41, (Untermieter von Musikhaus Niemeyer)
  • 24. Dezember 2009: Schließung der Filiale an der Niedernstraße 41

Kanngießer (Musikhaus Kanngießer)

Hauptstraße 117, 33647 Bielefeld (Brackwede) (1914 – 2019)
zuvor: Hauptstraße 159, 33647 Bielefeld (Brackwede) (1910 – 1914)

Das Musikhaus Kanngießer in Brackwede gehörte zu den wenigen Bielefelder Unternehmen mit einer über hundertjährigen Geschichte. Über Generationen hinweg war es eine feste Institution im Stadtteil und – wie zahlreiche Zeitzeugen berichten – lange Zeit die erste Adresse für Schallplatten in Brackwede.

Im Jahr 1910 (nach einigen Quellen bereits 1909) kam der 34-jährige Klarinettist und Musiklehrer Hermann Kanngießer nach Bielefeld und gründete noch im selben Jahr sein Musikhaus, zunächst an der Hauptstraße 159. Der aus Thüringen stammende Musiker hatte zuvor ein bewegtes Berufsleben geführt. Unter anderem arbeitete er auf dem Dampfschiff „Ems“, das regelmäßig zwischen Neapel und New York verkehrte. Sesshaft wurde er zunächst in Georgsmarienhütte, wo er seine Frau Klara heiratete. Nach einer weiteren Station in Osnabrück legte er schließlich in Brackwede den Grundstein für eine außergewöhnlich lange Unternehmensgeschichte.

Umzug in neue Räume

Bereits vier Jahre nach der Gründung erwarb Kanngießer ein Haus an der Hauptstraße 117 und verlegte sein Geschäft dorthin – an jenen Standort, der bis zur endgültigen Schließung bestehen blieb. Ab 1918 begann er, Musiker auszubilden. Bis etwa 1930 gehörten auch Radios zum Sortiment; später kamen Klaviere und weitere Musikinstrumente hinzu. Wann genau Tonträger erstmals angeboten wurden, ließ sich bislang nicht eindeutig feststellen.

Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsinhaber blieb Hermann Kanngießer stets als Musiklehrer und aktiver Musiker präsent. Er gründete unter anderem das Konzertorchester Brackwede, aus dem später das Brackweder Stadtorchester hervorging. Durch diese Aktivitäten erlangte er weit über das Geschäft hinaus große Bekanntheit im Ort. Im Oktober 1962 starb Hermann Kanngießer – nur sieben Tage nach dem Tod seiner Frau Klara.

Die Auslagerung des Ladengeschäfts

Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sein Sohn Arno Kanngießer das Unternehmen übernommen. Als Pianist und Akkordeonspieler galt seine besondere Leidenschaft jedoch der Musikschule. Das Ladengeschäft verpachtete er daher 1970 an Gisela Stender, die über viele Jahre den Platten- und Musikalienhandel führte. Die Familie Kanngießer konzentrierte sich fortan vor allem auf den Musikschulbetrieb, an dem auch weitere Familienmitglieder als Lehrkräfte beteiligt waren.

1996 zog Gisela Stender nach Süddeutschland und gab das Geschäft auf. Nach einer Umbauphase im November desselben Jahres übernahm Arnos Sohn Jörg Kanngießer das Ladenlokal mit dem Ziel, dort erneut einen Plattenladen zu etablieren. Wie sich dieses Vorhaben im Detail entwickelte, konnte bislang nicht abschließend rekonstruiert werden.

1999 übernahm Jörg Kanngießer schließlich auch die Musikschule. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde sie im September 2019 zunächst vorläufig geschlossen und kurze Zeit später endgültig aufgegeben. Nach dem frühen Tod Jörg Kanngießers im Februar 2020 wurde das traditionsreiche Gebäude im Mai 2021 abgerissen.

Zeitleiste

  • 1. Oktober 1910: Eröffnung des Musikhaus Kanngießer
  • 1914: Umzug in die Hauptstraße 117
  • Oktober 1962: Hermann Kanngießer stirbt
  • 1970: Gisela Stender pachtet das Ladengeschäft
  • November 1996: Gisela Stender gibt das Ladengeschäft auf, Jörg Kanngießer übernimmt
  • Jörg Kanngießer übernimmt die Musikschule
  • Februar 2011: Arno Kanngießer stirbt
  • September 2018: Die Musikschule schließt vorläufig
  • 2019: Endgültige Schließung
  • Februar 2020: Jörg Kanngießer stirbt mit 54 Jahren
  • Mai 2021: Abriss des Gebäudes

Karstadt

Bahnhofstraße 15-17, 33602 Bielefeld

Der Karstadt-Konzern eröffnete im April 1964 in Bielefeld seine 54. Filiale. Mit rund 1.200 Angestellten und einer Verkaufsfläche von damals 12.600 Quadratmetern wurde Karstadt nun das größte Kaufhaus der Stadt. Rückblickend wirkt dieses Großereignis, das sich lange durch den Bau des Komplexes an der Bahnhofstraße angekündigt hatte, wie ein Meilenstein auf dem Weg von der Versorgung durch Kolonialläden hin zum modernen Vollsortimenter-Kaufhaus. Manches wirkt bemerkenswert ideenreich, anderes aus heutiger Sicht durchaus befremdlich.

Im Keller gab es einen Supermarkt für Lebensmittel in Selbstbedienung – in den 1960er Jahren eine absolute Neuheit. Im Erdgeschoss befanden sich unter anderem eine Kundengarderobe und eine Kinderbetreuung. Darüber, im ersten Obergeschoss, war ein Erfrischungsraum mit 300 Sitzplätzen untergebracht, und auf der Dachterrasse gab es im Winter sogar eine Schlittschuhbahn. All das war ein klares Statement für die Moderne der Wirtschaftswunderzeit.

Ganz oben im Gebäude, im dritten Obergeschoss, befand sich die Zoo-Abteilung, an deren strengen Geruch sich viele Zeitzeugen bis heute erinnern. Dort konnte man neben Fischen und exotischen Vögeln beispielsweise auch für 295 DM ein Kapuzineräffchen erwerben – zum direkten Mitnehmen. Ein besonderes Detail der Eröffnung waren zudem zwei Männer aus Kenia, die als „Eingeborene vom Stamme der Wakamba“ angekündigt wurden und vor Ort Holzschnitzarbeiten ausführten. Es war wohl der Versuch, mit damals üblichen, aus heutiger Sicht jedoch problematischen Inszenierungen Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Im zweiten Obergeschoss gab es neben Möbeln auch viel Technik im Angebot: Autozubehör inklusive Autoreifen sowie Unterhaltungselektronik wie Fernseher und Musikanlagen. In dieser Etage war auch die Schallplattenabteilung untergebracht. Erstmals größere Aufmerksamkeit erhielt sie, als dort am 24. September 1964 Lale Andersen und am darauffolgenden Tag Roberto Blanco Autogrammstunden gaben.

In den folgenden Jahren wurde das Schallplattengeschäft kontinuierlich weitergeführt, tauchte jedoch nur sporadisch in der Werbung auf. Dennoch galt der Karstadt-Konzern lange Zeit als einer der größten Umschlagplätze für Schallplatten in Deutschland.

Erste Veränderungen des Kaufhauses

Rund zwanzig Jahre lang blieb das Konzept weitgehend unverändert, bis im Februar 1984 eine umfassende Modernisierung angekündigt wurde. Insgesamt 24 Millionen D-Mark wurden investiert, und innerhalb von 14 Monaten gestaltete man alle Etagen neu.

In diesem Zuge zog die Schallplattenabteilung vom zweiten Obergeschoss ins Erdgeschoss um und befand sich fortan direkt am Eingang zur Arndtstraße. Dort erhielt sie einen eigenen Bereich unmittelbar an der Tür – und profitierte deutlich von der höheren Laufkundschaft.

Der Zugang war jedoch geregelt: Wer Platten kaufen wollte, musste den Bereich über ein separates Drehkreuz betreten.

Den Fokus mehr auf Schallplatten gerichtet

Zum 25-jährigen Bestehen des Kaufhauses in Bielefeld entschied man sich für eine stärkere Präsenz der Tonträger im Sortiment. Anfang 1989 wurde die Schallplattenabteilung daher erneut verlegt – diesmal in einen separaten Raum im zweiten Obergeschoss, der nun „Music Hall“ genannt wurde. Der alte Standort im Erdgeschoss war jetzt für die „Junge Galerie“ vorgesehen, in der man über die folgenden Jahrzehnte beispielsweise Bilder rahmen lassen konnte.

In der „Music Hall“ gab es eine „sagenhafte Auswahl an LPs, MCs, Videofilmen und Compact Discs“, wie es in den Jahren 1989 bis 1991 beworben wurde. Tatsächlich hatte der Raum eine wertige Ausstrahlung: Man erreichte ihn über eine halbe Treppe, leicht erhöht und etwas abseits in einer der hinteren Bereiche des Hauses.

Was für viele Musikfans durchaus reizvoll war, hatte jedoch einen entscheidenden Nachteil: Jetzt fehlte die Laufkundschaft. Die „Music Hall“ wurde daher nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Vermutlich bereits um 1992 zog die Tonträgerabteilung schließlich in den Keller des Hauses, wo sie bis zur Schließung verblieb. Dort verschmolz sie mit Fernsehern, Computern und Fotoapparaten zur Multimedia-Abteilung.

Vom Aushängeschild zum Kellerkind

Offenbar lag in den folgenden Jahren kein besonderer Fokus mehr auf Tonträgern. Selbst als der Karstadt-Konzern im Jahr 1994 – zur Boomzeit der CD – durch den Zukauf von Hertie die Marke WOM (World of Music) erwarb, wurde diese nicht eingesetzt und später, im Jahr 2009, an JPC weiterverkauft.

Um das Jahr 2014 herum wurde die Multimedia-Abteilung im Untergeschoss schließlich aufgelöst.

Vor dem Hintergrund des allgemeinen Abschwungs im Tonträgermarkt in den letzten 25 Jahren sowie der zunehmenden internen Herausforderungen bei Karstadt ist nachvollziehbar, dass in diesem Bereich nicht mehr investiert wurde. Den Schlusspunkt in Bielefeld setzte schließlich die Schließung des Kaufhauses nach fast 60 Jahren Bestehens am 31. Januar 2024.

Zeitleiste

  • 23. April 1964: Eröffnung von Karstadt
  • 02. Februar 1984: Ankündigung einer Modernisierung
  • 1984: Umzug der Plattenabteilung in das Erdgeschoss
  • Anfang 1989: Umzug der Plattenabteilung und Eröffnung der „Music Hall“ im zweiten Obergeschoss
  • um 1992: Umzug der Plattenabteilung in den Keller, Verschmelzung zur Multumedia-Abteilung
  • um 2014: Auflösung der Multimedia-Abteilung
  • 31. Januar 2024: Schließung von Karstadt

Kooky Record Shop

Arndtstraße 36, 33615 Bielefeld (2018 – heute)
zuvor: Bahnhofstraße 22, 33602 Bielefeld (2017 – 2018)

Die Vinyl-Enthusiasten Lutz Reineke und Daniel Morelli eröffneten im November 2017 den Kooky Record Shop in der Bahnhofstraße. In Räumen oberhalb des damaligen Streetwear-Geschäfts „Ozone“ boten sie ein Sortiment von rund 2.500 bis 3.000 gebrauchten Schallplatten aus allen gängigen Genres an. Auf andere Tonträger wie CDs oder Kassetten wurde bewusst verzichtet, um dem aufkommenden Retro-Trend ebenso wie den eigenen Interessen gerecht zu werden. Die angebotene Ware stammte überwiegend aus Sammlungsauflösungen und gezielten Ankäufen.

Bereits ein knappes Jahr später schlossen sie ihren ersten Standort, um ein anderes Ladengeschäft in der Arndtstraße zu beziehen, das im November 2018 schließlich eröffnet wurde. Die Arndtstraße liegt im Bielefelder Westen, der seit vielen Jahren für seine Szenetreffpunkte bekannt ist. Hier fügte sich der Kooky Record Shop besonders gut ein, denn einer der ursprünglichen Bestrebungen des Unternehmens war es auch, die Bielefelder Szene über das Kulturgut Schallplatte zusammenzubringen.

Neue Inhaber, bewährtes Konzept

Im August 2019 übernahmen Chris Brauer und Oliver Appel das Geschäft und führten es nebenberuflich mit unverändertem Konzept weiter. Das Sortiment umfasst ein breites Spektrum von Pop, Rock und Metal über Soul, Folk und Rap bis hin zu Indie, Punk, Hip-Hop und elektronischer Musik. Dabei finden sich immer wieder auch besondere Raritäten im Angebot. Darüber hinaus bringen inzwischen auch einige lokale Bands ihre Werke direkt in das Ladengeschäft.

Der Kooky Record Shop besteht bis heute fort und hat sich als fester Szenetreff etabliert. Insbesondere nach der Schließung des Bluesite Record Shops in unmittelbarer Nachbarschaft gehört er zudem zu den wenigen verbliebenen Plattenläden in Bielefeld.

Der Kooky Record Shop ist auch einer der Läden, bei denen man spätestens beim Verlassen merkt, wie sehr solche Orte fehlen.

Zeitleiste

  • 22. Dezember 2017: Eröffnung des Ladengeschäfts im Ozone, Bahnhofstraße 22
  • 30. September 2018: Schließung des Ladengeschäfts in der Bahnhofstraße 22
  • 21. November 2018: Eröffnung in der Arndtstaße 36
  • August 2019: Inhaberwechsel, Chris Brauer und Oliver Appel übernehmen

Media Markt

Engersche Straße 96, 33611 Bielefeld (1992 – heute)

Im Untergeschoss des ehemaligen Gigant-Markt-Komplexes an der Engerschen Straße eröffnete Media Markt im Juli 1992 seinen 33. Fachmarkt. Geschäftsführer Diethelm Scholz kündigte damals – wie für großflächige Elektronikmärkte üblich – eine aggressive Preisstrategie an und formulierte zugleich das Ziel, die lokale Marktführerschaft zu erreichen.

Zum Sortiment gehörten vor allem sogenannte „weiße Ware“, also Haushaltsgroßgeräte, „braune Ware“ im Bereich der Unterhaltungselektronik sowie „graue Ware“, womit im Fachjargon Computertechnik bezeichnet wird. Ergänzt wurde das Angebot durch Fototechnik und eine umfangreiche Tonträgerabteilung, in der rund 100.000 CDs vorrätig waren.

Auffällig sind in den überlieferten Angaben einige Widersprüche. So ist bei der Mitarbeiterzahl zum Zeitpunkt der Eröffnung sowohl von 50 als auch von 36 Beschäftigten die Rede. Ähnliches gilt für die Verkaufsfläche: Während 1992 von etwa 3.000 Quadratmetern gesprochen wurde, nennen spätere Quellen im Zusammenhang mit Umbauten lediglich 2.100 Quadratmetern bei der Eröffnung. Die Ursachen dieser Differenzen konnten bislang nicht abschließend geklärt werden.

Starker Anfang

Der Erfolg stellte sich bereits am Eröffnungstag ein und hielt über viele Jahre an. Dies galt auch für die CD-Abteilung, die im Bereich Mainstream als gut sortiert galt und im Raum Schildesche sowie im gesamten Bielefelder Norden ein vergleichsweise großes Angebot bot. Viele Kunden schätzten die Möglichkeit, gängige Titel wohnortnah erwerben zu können, ohne den Weg in die Innenstadt auf sich nehmen zu müssen.

Der anhaltende wirtschaftliche Erfolg machte schließlich eine Erweiterung der Verkaufsfläche erforderlich. Sechs Jahre nach der Eröffnung wurde der Markt im Jahr 1998 umfassend umgebaut. Im Juni zog Media Markt mit seinen Verkaufsräumen in das neu gestaltete Obergeschoss um, während im Eingangsbereich ein zusätzlicher Anbau für Service und Verwaltung entstand. Nach damaligen Angaben wuchs die Verkaufsfläche im Zuge dieser Maßnahmen von 2.100 auf rund 3.000 Quadratmeter; gleichzeitig stieg die Mitarbeiterzahl von 36 auf etwa 55 (vgl. die oben genannten Abweichungen). Auch die Parkplatzsituation wurde in diesem Zuge verbessert. Insgesamt investierte das Unternehmen mehrere Millionen D-Mark in die Erweiterung.

Das Geschäft wuchs weiter und auch die Anzahl der Mitarbeiter. Im Jahr 2004, als Media Markt Deutschland sein 25-jähiges Jubiläum feierte, waren es in der Bielefelder Filiale 75.

Eine weitere Modernisierung der Verkaufsräume erfolgte im Jahr 2015. Während Teile der Haustechnik erneuert wurden, lief der Verkauf in eingeschränkter Form weiter; das Sortiment blieb zunächst unverändert.

Der Abschied vom Tonträgergeschäft

Im Jahr 2025 wurde die Muttergesellschaft Ceconomy AG vom chinesischen Onlinehändler JD.com übernommen. Darauf folgend gab es Anpassungen im Sortiment – insbesondere bei der CD-Abteilung, die im selben Jahr aufgegeben wurde.

Zeitleiste

  • 30. Juli 1992: Eröffnung des Ladengeschäfts im Kellergeschoss
  • Juni 1998: Umzug ins Obergeschoß und in den neuen Anbau
  • Spätsommer 2015: Modernisierung der Räume
  • 2025: Umgestaltung der Verkaufsflächen und Abschaffung der Tonträger-Abteilung

Moritz Records

Siechenmarschstraße 4, 33615 Bielefeld (1990 – 1995)
zuvor: Stapenhorststraße 13, 33616 Bielefeld (1989 – 1990)

Der Bielefelder Verein Kurz Um e.V. unterstützt seit 1983 Menschen mit geringeren Chancen am Arbeitsmarkt. Eines seiner zahlreichen Projekte war der Plattenladen Moritz Records, der im Mai 1989 in der Stapenhorststraße eröffnet wurde. In einer Zeit steigender Jugendarbeitslosigkeit richtete sich das Projekt insbesondere an Jugendliche aus der subkulturellen Szene.

Konzeptionell basierte das Sortiment zunächst hauptsächlich auf Reggae, Afro, Hip-Hop und Soul sowie Worldmusic. Um dies in der Szene bekanntzumachen, veranstaltete man am 13. Mai 1989 anlässlich der Eröffnung des Plattenladens eine große Reggae-Party, die allerdings im ehemaligen Dürkopphaus an der Nikolaus-Dürkopp-Straße 7 stattfand.

Leiter und zugleich Namensgeber des Ladens war Hartmut „Moritz“ Scheffer, der die angebotenen Genres mit großer Sachkenntnis vertrat. Der Erfolg in dieser klar definierten Nische ließ nicht lange auf sich warten – weite Teile der Bielefelder Black Community zählten bald zur Stammkundschaft.

Wandel und Finanzierung

Trotz Fördermitteln aus dem Programm „Arbeit statt Sozialhilfe“ erwies sich das Geschäftsmodell jedoch als wirtschaftlich nicht dauerhaft tragfähig. Bereits nach etwa einem Jahr erfolgte der Umzug in die Siechenmarschstraße 4, direkt neben die Anlaufstelle des Vereins Kurz Um e.V.

Mit dem Standortwechsel wurde auch das Sortiment erweitert. Fortan standen vor allem Secondhand-Schallplatten aus den 1960er- bis 1980er-Jahren im Mittelpunkt, während das ursprüngliche Reggae- und Black-Music-Angebot aus Platzgründen reduziert wurde. Ergänzend kamen ausgefallene Kleidungsstücke hinzu. Aus diesem Bereich entwickelte sich später ein weiteres Projekt des Vereins: ein eigenständiger Modeladen mit angeschlossener Schneiderei.

Mitte der 1990er Jahre wurde Moritz Records schließlich geschlossen.

Zeitleiste

  • Mai 1989: Eröffnung von Moritz Records
  • 13. Mai 1989: Reggae-Party als Eröffnungsfeier
  • 1990: Umzug in die Siechenmarschstraße 4
  • Um 1995: Schließung des Ladengeschäfts

Music 2 Go

Gehrenberg 33, 33602 Bielefeld (2025 – heute)

Bereits seit den 1990er Jahren handelt der leidenschaftliche Musiksammler Jürgen Völker nebenberuflich mit Schallplatten. Mit seinem umfangreichen Sortiment war er über viele Jahre regelmäßig auf Plattenbörsen vertreten. Im September 2025 erfüllte er sich schließlich den Wunsch nach einem eigenen Ladengeschäft und eröffnete Music 2 Go am Gehrenberg in Bielefeld, das er bis heute nebenberuflich betreibt.

Das Sortiment besteht ausschließlich aus gebrauchten Tonträgern, die Völker aus unterschiedlichen Quellen bezieht. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Blues – einem Genre, in dem er selbst auch als Musiker aktiv ist. Darüber hinaus zeichnet sich das Angebot durch eine große Auswahl an 7-Inch-Singles aus, weshalb er seinem Ladengeschäft auch den Beinamen „Single-Treff“ gab.

Im Gegensatz zu vielen Plattenläden vergangener Jahrzehnte basiert das Konzept von Music 2 Go nicht auf dem Massenmarkt für Tonträger, sondern auf der gezielten Nachfrage von Sammlern sowie auf dem wiedererstarkten Interesse an Vinyl aus heutiger Perspektive.

Um den Einstieg in dieses Hobby für Interessierte zu erleichtern, bietet Jürgen Völker zudem auch preiswerte Plattenspieler an. Ein Ansatz, der bereits im frühen 20. Jahrhundert verbreitet war – damals allerdings noch mit Phonographen und Grammophonen.

Ob sich daraus langfristig wieder eine breitere Entwicklung ableitet, bleibt offen – die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls vorhanden.

Zeitleiste

  • 19. September 2025: Eröffnung des Ladengeschäfts

Musikladen City Passage / E. & A. Loroch

City Passage, Bahnhofstraße 24, 33602 Bielefeld (1977 – 1992)
zuvor: Bahnhofstraße 18, 3602 Bielefeld (1957 – 1977)
zuvor: Bahnhofstraße 30, 33602 Bielefeld (1936 – 1957)
zuvor: Schillerplatz 15 (Nähe Rathaus) in 33602 Bielefeld (1930 – 1936)

Der Musikladen in der ehemaligen Bielefelder City Passage an der Bahnhofstraße war unter Musikfreunden sehr bekannt und beliebt. Mit der gleichnamigen Diskothek, die in den 1970er Jahren im alten Gesellschaftshaus existierte, bestand – abgesehen von der Namensgleichheit – keinerlei Verbindung. Der von Erwin Loroch geführte Plattenladen blickte vielmehr auf eine eigenständige und bemerkenswerte Geschichte zurück.

Im Jahr 1930 eröffneten die Brüder Ernst und August Loroch das Musikhaus Loroch am Schillerplatz 15 in Bielefeld, das offiziell den Namen E. & A. Loroch trug. Der jüngere Bruder Ernst (geboren um 1910) absolvierte dort zunächst eine kaufmännische Ausbildung bei seinem rund zwölf Jahre älteren Bruder August.

Erstes Sortiment und die Erweiterungen

Zum Sortiment gehörten damals sogenannte „Sprechapparate“, ein historischer Sammelbegriff für Geräte zur Tonwiedergabe. Darunter fielen insbesondere Phonographen und Grammophone. Bereits um 1936 zog das Unternehmen in größere Geschäftsräume an der Bahnhofstraße 30 um. Gleichzeitig wurde das Angebot um Radiogeräte erweitert, weshalb das Geschäft fortan in manchen Quellen auch als Radio-Loroch auftaucht.

Der wachsende Platzbedarf hatte sich offenbar schon früher abgezeichnet. In den Jahren 1932 und 1933 finden sich zusätzlich Einträge des Unternehmens an der Jöllenbecker Straße 28 sowie an der Altstädter Kirchstraße 9. Diese Standorte tauchen später jedoch nicht mehr auf.

1957 schied August Loroch als Geschäftsführer aus. Seine Position in der Geschäftsleitung übernahm nun Erwin Loroch (Jahrgang 1922). Etwa zur gleichen Zeit zog das Geschäft in die Bahnhofstraße 18 um. Im Januar 1959 verstarb Ernst Loroch nach langer Krankheit im Alter von nur 49 Jahren. Erwin Loroch führte das Unternehmen anschließend allein weiter.

In den folgenden Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend auf den Verkauf von Schallplatten. So wird das Geschäft bereits im Februar 1973 in Anzeigen als „bekanntes Schallplattengeschäft“ bezeichnet. Dennoch gehörten weiterhin Radios und andere Elektrogeräte zum Sortiment.

Der Umzug in die City Passage

Mit der Eröffnung der City Passage im Jahr 1977 verlegte Erwin Loroch sein Geschäft dorthin und firmierte fortan unter dem Namen Musikladen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Unternehmen bereits weitgehend auf den Verkauf von Tonträgern spezialisiert. Noch im Mai 1977 – kurz vor dem Umzug – veranstaltete Loroch am alten Standort einen Räumungsverkauf „wegen Umbaus“, bei dem ausschließlich Schallplatten und Kassetten beworben wurden. Am neuen Standort in der City Passage wurde dieses Sortiment, namentlich Tonträger und Zubehör, beibehalten. Die Umbenennung von Radio-Loroch in Musikladen war somit eine logische Konsequenz der Sortimentsumstellung.

Beim Betreten der City Passage von der Bahnhofstraße aus befand sich der Musikladen nach wenigen Metern auf der linken Seite. Über rund fünfzehn Jahre hinweg bot er dort eine umfangreiche Auswahl insbesondere im Bereich der Popmusik. In dieser Zeit gab es auch einen Generationswechsel: Christian Loroch übernahm die Leitung.

Mitte der 1980er Jahre wurde die Vinyl-Abteilung für rund zwei Jahre von Woody van Eyden betreut. Der aus den Niederlanden stammende DJ und Musikexperte brachte zusätzliche Impulse in das Geschäft und veranstaltete in dieser Zeit auch DJ-Workshops im Laden.

Ende 1986 wechselte er zur Diskothek Charly Banana im Café Europa, wo er als Resident-DJ tätig wurde. In den folgenden Jahren machte Woody van Eyden überregional Karriere im Musikgeschäft – unter anderem als Moderator der Sendung „Club Rotation“ beim Musiksender VIVA. Heute ist er weit über die Region hinaus bekannt.

Im Dezember 1992 wurde die Auflösung des Unternehmens beschlossen und die Gesellschaft liquidiert. Als Liquidator fungierte Christian Loroch. Erwin Loroch verstarb schließlich im Dezember 1993.

Zeitleiste

  • 1930: Eröffnung des Musikhauses Loroch am Schillerplatz 15 in der Nähe des Rathauses
  • 1936: Umzug in die Bahnhofstraße 30 in 33602 Bielefeld, Umbenennung in Radio-Loroch
  • 1957: Umzug in die Bahnhofstraße 18 in 33602 Bielefeld
  • 1957: August Loroch scheidet als Geschäftsführer aus, Erwin Loroch übernimmt die Geschäftsleitung
  • Januar 1959: Ernst Loroch verstirbt im Alter von 49 Jahren
  • August 1977: Umzug in die City Passage
  • 25. August 1977: Die City Passage wird eröffnet, Neueröffnung dort als Musikladen
  • 22. Dezember 1992: Die Gesellschafterversammlung beschließt die Auflösung des Unternehmens
  • 1993: Liquidation durch Christian Loroch
  • Dezember 1993: Erwin Loroch verstirbt

Niemeyer (Musikhaus Niemeyer)

Ritterstraße 11, 33602 Bielefeld (2010 – 2017)
zuvor: Niedernstraße 41, 33602 Bielefeld (1950 – 2010)
zuvor: Niedernstraße 37, 33602 Bielefeld (um 1955 – 1965)
zuvor: Hauptstraße 78, 33647 Bielefeld (1980 – 1983)
zuvor: Ulmenwall 9 (vorm. Ulmenstr.), 33602 Bielefeld (1945 – 1950)
zuvor: Obernstraße 26, 33602 Bielefeld (1937 – 1944)
zuvor: Am Gehrenberg 2, 33602 Bielefeld (1919 – 1937)

Das Musikhaus Niemeyer gehörte zu den traditionsreichsten Musikalienhändlern Bielefelds. Bei seiner Schließung im Jahr 2017 blickte das Unternehmen auf eine 97-jährige Geschichte zurück und war – nach dem Pianohaus Kemp – das zweitälteste Musikfachgeschäft der Stadt. Im Laufe der Jahrzehnte durchlief der Betrieb zahlreiche Veränderungen, nicht zuletzt infolge der Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Über viele Jahre gehörten auch Tonträger zum Sortiment; dieser Geschäftsbereich wurde ab 1999 zunächst abgegeben und später vollständig aufgegeben.

Das erste Ladengeschäft am Gehrenberg

Am 1. März 1919 eröffneten die Brüder Fritz und Karl Niemeyer am Gehrenberg 2 eine Buchhandlung, in der bereits Musikalien angeboten wurden. Der Schwerpunkt lag zunächst auf dem Buchhandel. 1926 übernahmen der Musikalienhändler Robert Gehner und seine Frau Erna das Geschäft. Erna Gehner hatte zuvor eine Ausbildung zur Buchhändlerin in der Buchhandlung August Helmich in Bielefeld absolviert. Gemeinsam richteten sie erstmals eine eigenständige Abteilung für Musikalien und Schallplatten ein.

1937 zog die Niemeyer’sche Buch- und Musikalienhandlung in größere Räume an der Obernstraße 26 um. Der Zweite Weltkrieg brachte jedoch schwere Einschnitte: Bei einem Bombenangriff im Jahr 1944 wurde das Gebäude zerstört. Um den Betrieb möglichst durchgehend aufrechtzuerhalten, entstanden nacheinander notbedürftig eingerichtete Läden am Lindenhof (heute Delbrücker Straße) und am Betheleck.

Im Februar 1945 fiel Robert Gehner im Krieg. Noch im selben Jahr eröffnete Erna Gehner gemeinsam mit ihrem ältesten Sohn Dieter einen neuen Behelfsstandort an der damaligen Ulmenstraße 9, dem heutigen Ulmenwall. Hier konnten sie mit ihrem Ladengeschäft zunächst bleiben. Das Sortiment blieb unverändert und umfasste weiterhin Bücher, Musikalien sowie Schallplatten.

Neustart an der Niedernstraße

Der wirtschaftliche Erfolg stellte sich offenbar rasch wieder ein. Bereits 1950 bezog das Unternehmen einen neuen Standort in der Niedernstraße 41, der nach ersten Verlautbarungen zunächst als Zweiggeschäft vorgesehen war. Das Geschäft befand sich im sogenannten „Oltrogge-Neubau“. An dieser Stelle hatte Wilhelm Oltrogge bereits 1866 eine Eisenwarenhandlung gegründet, deren Gebäudekomplex im Zweiten Weltkrieg ebenfalls zerstört worden war. Bauherr des Neubaus, in den das Musikhaus Niemeyer einzog, war Hans Oltrogge, ein Nachfahre des Firmengründers.

Am neuen Standort entstand eine vollständig von den Musikalien getrennte und großzügig angelegte Schallplattenabteilung. Zunächst erstreckten sich die neuen Räume nur auf das Erdgeschoss. Das Ladengeschäft an der Ulmenstraße wurde kurze Zeit später aufgegeben.

Um 1955 lagerte man die Buchhandlung in das „Barlag-Haus“ (ehemals Karl Barlag, Lederwaren) an der Niedernstraße 37 aus. 1965 übernahm Wilhelm Stute diesen Geschäftsbereich – seitdem führte Niemeyer keinen Buchhandel mehr.

1962 erfolgte der erste Umbau an der Niedernstraße 41; dabei erweiterte man die Verkaufsfläche um Räume in der ersten Etage. Von nun an war das gesamte Erdgeschoss allein den Schallplatten gewidmet, während Instrumente in der ersten Etage ausgestellt wurden. Im Jahr 1990 folgte eine weitere umfassende Modernisierung der Verkaufsräume. Insgesamt blieb die Niemeyer’sche Musikalien- und Schallplattenhandlung rund 60 Jahre an der Niedernstraße 41 ansässig.

Eine Filiale in Brackwede

Auch in Brackwede wurden Schallplatten verkauft. 1980 zog das Musikhaus Niemeyer zeitgleich mit Radio-Waldecker und einer Geschäftsstelle der Neuen Westfälischen in einen Neubau an der Hauptstraße 78. Niemeyer bot in seiner Filiale auf rund 400 Quadratmetern neben Schallplatten und Musikkassetten auch Songbooks und Phonozubehör an und betrieb dort zudem eine Konzertkasse. Nach eigener Aussage war das Musikhaus Niemeyer damals Ostwestfalens größter Schallplattenverkäufer.

Die Eröffnung der drei Läden am 10. Oktober 1980 fand unmittelbar vor den Brackweder Glückstalertagen statt und wurde unter dem Motto „Drei unter einem Dach“ gefeiert. Als Stargast trat Ireen Sheer auf, die zu dieser Zeit ihre deutschsprachige Version von „Xanadu“ vorstellte; unter den Eröffnungsangeboten befand sich jedoch die Platte mit der Originalversion vom Electric Light Orchestra.

Das Gebäude war modern gestaltet und thematisch klar gegliedert: Presse, Unterhaltungselektronik von Waldecker und der Plattenladen von Niemeyer. Vermutlich weil Waldecker in Brackwede bekannter war, wird der Plattenverkauf an diesem Standort bis heute teilweise Radio-Waldecker zugeschrieben.

Ab 1983 wurde die Brackweder Filiale von Thomas Nolte geführt, der sie am 01. Oktober 1986 übernahm und in Eigenregie unter dem Namen Thommys Pop Shop (siehe separaten Eintrag) weiterführte.

Die große Konstante: Erna Gehner

In vielen Jahren voller Veränderungen blieb Erna Gehner die feste Größe in diesem Familienbetrieb. 1926 hatte sie das Musikhaus mit übernommen. Nach dem frühen Tod ihres Ehemanns Robert führte sie es durch die Kriegsjahre. Im Jahr 1978 musste sie den frühen Tod ihres Sohnes und Mitgesellschafters Dieter hinnehmen und stand auch danach noch im hohen Alter beratend im Geschäft zur Seite. Darüber hinaus war sie viele Jahre im Vorstand des Deutschen Musikalien-Wirtschaftsverbandes tätig.
Erna Gehner, geborene Naujoks, starb am 9. April 1989 im Alter von 88 Jahren.

Das Ende vom Tonträgergeschäft

1999 trennte sich das Musikhaus Niemeyer schließlich vom Tonträgergeschäft. In diesem Zusammenhang zog der Versandhändler JPC als Untermieter in das Haupthaus an der Niedernstraße 41 ein und führte den Verkauf von Tonträgern über mehr als zehn Jahre weiter. Nachdem JPC seine Filiale 2009 schloss, nahm Niemeyer diesen Geschäftsbereich nicht wieder auf.

2010 erfolgte der Umzug an den letzten Standort in der Ritterstraße 11. Auf rund 600 Quadratmetern konzentrierte sich das Musikhaus weiterhin vollständig auf den Verkauf von Musikinstrumenten, Zubehör sowie Noten und weiteren Musikalien. Klaus-Dieter Gehner, der das Unternehmen seit 1978 in dritter Generation leitete, suchte ab 2015 vergeblich einen Nachfolger. Nach einem Räumungsverkauf schloss er am 31. März 2017 das Geschäft endgültig.

Zeitleiste

  • 01. März 1919: Eröffnung der Buchhandlung am Gehrenberg 2
  • 1926: Übernahme durch Robert und Erna Gehner
  • 1937: Umzug in die Obernstraße 26
  • 1944: Das Haus an der Obernstraße 26 wird durch einen Bombenangriff zerstört
  • Februar 1945: Robert Gehner fällt im Krieg
  • 1945: Neueröffnung an der Ulmenstraße 9 (heute Ulmenwall)
  • 18. November 1950: Eröffnung des Ladengeschäfts in der Niedernstraße 41
  • Juni 1978: Dieter Gehner stirbt
  • 10. Oktober 1980: Eröffnung der Filiale an der Hauptstraße 78
  • 30. September 1985: Übergabe der Filiale an der Hauptstraße 78 an Thomas Nolte
  • 1990: Umbau und Modernisierung des Standorts
  • März 1999: Abgabe des Tonträgergeschäfts an Untermieter JPC
  • 2009: JPC schließt seine Inhouse-Filiale, Tonträger werden ab jetzt nicht mehr angeboten
  • September 2010: Umzug in die Ritterstraße 11
  • 31. März 2017: Schließung der letzten Filiale in der Ritterstraße 11

Offbeat Records

Feilenstraße 10, 33602 Bielefeld (1984 – 1987)

1984 entschieden sich Mirko Puzic und der Brite John Charles Forster, den Plattenladen Tega in der Feilenstraße, in dem sie beide arbeiteten, zu übernehmen – allerdings nicht, um ihn einfach weiterzuführen. Ihr Plan war radikaler: Sie wollten ausschließlich Tonträger verkaufen, die sie selbst hörten.

Während Tega zuvor ein breites Mainstream-Sortiment geführt hatte, brachten beide völlig unterschiedliche, aber sich ergänzende Perspektiven mit. Puzic kam aus der Punk-Szene, Forster hörte Classic Rock und Jazz. Was sie verband, war die Suche nach dem Ungewöhnlichen, dem Abseitigen, dem, was anderswo kaum zu finden war. Im Februar 1984 eröffneten sie schließlich ihren eigenen Laden: Offbeat Records – mit dem selbstbewussten Untertitel „Extreme Musik“.

In einer Zeit, als Bestellungen meist noch per Brief aufgegeben werden mussten, gingen sie mit viel Idealismus ans Werk. Forster und Puzic bauten ein Sortiment aus Punk, Independent, Goth-Rock, Indie-Pop, Hard & Heavy und weiteren Genres auf – eine Auswahl, die zu dieser Zeit in Bielefeld nahezu einzigartig war. Viele Tonträger bezogen sie aus internationalen Quellen, bei denen Neuerscheinungen häufig deutlich früher verfügbar waren als in Deutschland.

Puzic fuhr in dieser Zeit einmal pro Woche nach Rotterdam, um dort Ware abzuholen. Vor allem dadurch waren manche Platten bei Offbeat Records bis zu zwei Wochen früher erhältlich als in anderen Bielefelder Geschäften.

Bekanntheit in der Szene

Dies verschaffte dem Laden schnell einen guten Ruf in der Independent-Szene – und auch bei DJs. Durch regelmäßige Werbung auf der Rückseite des Programmhefts vom Forum Enger ließ sich diese Bekanntheit zusätzlich steigern.

Puzic war zudem selbst DJ und legte jeden Montag in der Bielefelder Szenediskothek ZK auf. Dort nutzte er immer wieder die Gelegenheit, sein Sortiment zu promoten. Die Nische, die Forster und Puzic bedienten, funktionierte: Viele Kunden kamen gezielt in den Laden, um angesagte Veröffentlichungen zu kaufen, die anderswo kaum erhältlich waren.

Rückblickend erinnert sich Puzic, dass vermutlich „Blue Monday“ von New Order die meistverkaufte Platte des Geschäfts war – ein Titel, der wie kaum ein anderer für die damalige Szene stand.

Auch neue Geschäftsfelder wurden erschlossen. Nachdem im September 1984 das PC69 in Bielefeld eröffnet hatte, kam von dort auch die Anregung, im Laden Konzerttickets zu verkaufen. Für Offbeat Records passte das perfekt ins Konzept – und wurde kurzerhand umgesetzt.

Große Herausforderungen

Trotz allem blieb es schwierig, ein auf Idealismus basierendes Geschäftsmodell dauerhaft zu tragen. Ein einzelnes kleines Ladengeschäft hatte naturgemäß Mühe, mit zahlreichen internationalen Lieferanten zu arbeiten. Hinzu kam, dass gerade in diesem speziellen Segment einige Labels als unzuverlässig galten – gelegentlich blieb eine Lieferung aus, obwohl sie bereits per Vorkasse bezahlt worden war.

Eine zusätzliche finanzielle Herausforderung stellte zudem die gerade einsetzende Einführung der CD dar. Die neuen Tonträger waren zu dieser Zeit noch vergleichsweise teuer, fanden zunächst nur wenige Käufer und mussten dennoch im Ladengeschäft vorrätig gehalten werden.

Diese Situation führte schließlich dazu, dass John Charles Forster im Oktober 1986 aus der Gesellschaft ausschied. Mirko Puzic führte das Geschäft danach allein weiter, gab es jedoch im Sommer 1987 endgültig auf.

Noch im selben Jahr eröffnete an der Adresse der Platten- und Modeladen Upside Down.

Zeitleiste

  • 01. Februar 1984: Eröffnung des Ladengeschäfts
  • 27. Oktober 1986: Forster scheidet aus, Puzic ist jetzt Alleininhaber
  • Sommer 1987: Schließung des Ladengeschäfts

Phonac

Bahnhofstr 37, 33602 Bielefeld (1985 – 1996)
zuvor: Wilhelmstraße 13, 33602 Bielefeld (1980 – 1985)

Als der Schallplattengroßhändler Eton GmbH am 6. Dezember 1980 pünktlich zum Weihnachtsgeschäft seine Filiale in der Wilhelmstraße eröffnete, setzte man auf ein bewährtes Prinzip: große Auswahl zu kleinen Preisen. Hinter dem Namen Phonac stand dabei die „Gutenberg Schallplatten Einzelhandels GmbH“, eine Tochter des Großhändlers, der in Bielefeld bereits mit dem Discounter Tega präsent war.

Zum Auftakt setzte man bewusst auf Aufmerksamkeit. 10.000 LPs wurden zu Preisen zwischen 2 und 6,90 D-Mark angeboten – flankiert von kostenlosem Ausschank von Anisschnaps der Marke Pernod, solange der Vorrat reichte. Es war eine Mischung aus klassischer Discountstrategie und Event, mit der sich Phonac als feste Größe im Bielefelder Tonträgermarkt etablieren wollte.

Vom Discounter zur Szenelocation

Mit den Jahren entwickelte sich Phonac jedoch über einen reinen Discounter hinaus. Das wohl bekannteste Gesicht der Phonac-Filiale in Bielefeld war Thorsten „Cooper“ Elert, der hier ab Februar 1984 Platten verkaufte und bis zur Schließung dort arbeitete.

Neben dem Plattenverkauf betrieb er hier auch eine Konzertkasse, bei der vorwiegend Tickets für Konzerte im PC69 in Bielefeld und im Hunky Dory in Detmold erhältlich waren. Durch die Nähe zu diesen Locations und auch durch die Beratung von Elert wurde Phonac zu einer Anlaufstelle für Musikfans aus den Bereichen Alternative Rock, Independent und diversen subkulturellen Strömungen. Eine Spezialisierung, die bei vielen Zeitzeugen – nicht selten auch Stammgästen der genannten Diskotheken – bis heute nachhallt.

Umzug in die Bahnhofstraße

1985 folgte der Umzug in die Bahnhofstraße 37. Der bisherige Standort am Kesselbrink lag etwas abseits der zentralen Einkaufswege, zudem stieß das Geschäft räumlich an seine Grenzen.

In der neuen Lage, direkt in der Fußgängerzone, konnte Phonac seine Position weiter festigen. Die Stammkundschaft blieb dem Laden treu, und selbst die Eröffnung des deutlich größeren Medienkaufhauses Gemini im direkten Umfeld ein Jahr später änderte daran wenig.

Begegnungen bei Phonac

Dass Phonac über die Jahre mehr war als nur ein Laden, zeigen auch einzelne Episoden. Immer wieder kamen Künstler nach Auftritten in Bielefeld hierher. So besuchten 1994 Mitglieder der Band Melvins nach einem Konzert im PC69 das Geschäft in der Bahnhofstraße.

Sänger Buzz Osborne, mit seiner markanten Frisur leicht zu erkennen, kaufte bei dieser Gelegenheit ein Album von Jimi Hendrix – und verließ das Geschäft offenbar sichtlich zufrieden.

Bruch und Ende

1995 wurde die gesamte Phonac-Kette an einen neuen Großhändler verkauft, der das Konzept grundlegend veränderte. Die Bielefelder Filiale erhielt eine auffällige Neugestaltung in Magenta- und Lilatönen mit glitzernden Elementen – ein deutlicher Bruch mit dem bisherigen Erscheinungsbild.

Viele Stammkunden reagierten irritiert. Einige blieben sprichwörtlich vor der Tür stehen und betrachteten das Geschehen nur noch von außen. Mit der Neuausrichtung ging ein Teil der Identität verloren, die den Laden zuvor ausgezeichnet hatte.

Diese Entwicklung markierte den Anfang vom Ende: Bereits 1996 wurde die Filiale geschlossen.

Cooper kehrte der Branche anschließend den Rücken – blieb der Musik jedoch weiterhin verbunden.

Zeitleiste

  • 06. Dezember 1980: Eröffnung des Ladengeschäfts an der Wilhelmstraße 13
  • 1985: Umzug an die Bahnhofstraße 37
  • 1995: Verkauf der Kette Phonac
  • 1996: Schließung des Ladengeschäfts

Priesent / Radio-Wesemann

Am Bach 11, 33602 Bielefeld (1992 – 1993)
zuvor: Niedernstraße 12, 33602 Bielefeld (1979 – 1992)
zuvor: Rathausstraße 7, 33602 Bielefeld (1950 – 1979)
zuvor: Stapenhorststraße 1, 33615 Bielefeld (1948 – 1950)

Für viele Bielefelder ist Priesent bis heute untrennbar mit dem Standort in der Niedernstraße verbunden – nicht nur wegen des breiten Elektronikangebots, sondern vor allem wegen der gut sortierten Schallplattenabteilung. Weniger präsent ist hingegen, dass das Unternehmen aus dem traditionsreichen Radio- und Fernsehspezialisten Radio-Wesemann hervorging.

Eine Umfrage des EMNID-Instituts aus dem Juni 1978 zeigt, welchen Stellenwert das Geschäft damals hatte: Mit einem Bekanntheitsgrad von 65 Prozent belegte Radio-Wesemann Platz drei unter den Bielefelder Einzelhändlern. Anders gesagt: Rund 172.000 Menschen in der Stadt kannten das Unternehmen. Schallplatten gehörten dabei von Anfang an selbstverständlich zum Sortiment.

Die Anfänge: Innovation in der Nachkriegszeit

Im November 1948 eröffnete der Diplom-Ingenieur Karl-Heinz Wesemann sein Rundfunkfachgeschäft an der Stapenhorststraße 1. Schon zwei Jahre später folgte der Umzug in einen Neubau an der Rathausstraße 7 – und mit ihm ein Konzept, das seiner Zeit voraus war.

Beim Verkauf von Schallplatten führte Wesemann Selbstbedienung ein – damals eine echte Innovation, die sonst nur in einigen anderen Großstädten zu finden war. Ergänzt wurde dies durch mehrere schallisolierte Kabinen und zahlreiche Kopfhörer zum Probehören. Der Laden war damit nicht nur Verkaufsraum, sondern auch Erlebnisort. Hinzu kamen eine Werkstatt sowie ein Vorführraum für Radiogeräte und Musikschränke.

Neue Leitung, neue Impulse

Anfang 1970 übernahmen der Kaufmann Gernot Priesent aus Bad Salzuflen und der Ingenieur Fritz Seise aus Lage das Geschäft. Nach einem Umbau erfolgte am 27. Februar 1970 die Neueröffnung und das Unternehmen firmierte nun unter dem Namen „Radio- und Fernsehhaus Karl-Heinz Wesemann“. Zwei Jahre später wurde Gernot Priesent schließlich Alleininhaber.

Auch in dieser Phase blieb das Unternehmen eng mit der Musikkultur verbunden. So fanden beispielsweise auch Autogrammstunden statt, unter anderem mit Schlagerstars wie Peter Orloff und Jürgen Marcus.

Umzug und Umbenennung in Priesent

Im März 1979 folgte der Umzug in das Gebäude des Gloria-Kinos in der Niedernstraße 12. Für den Umbau wurden die Stuhlreihen des Parketts entfernt, um Platz für die Verkaufsflächen zu schaffen. Der Kinobetrieb wurde auf den Balkon verlagert, wodurch sich die Sitzplatzanzahl von 500 auf 220 reduzierte. Zusätzlich entstand mit der „Gloriette“ ein zweites Kino mit 105 Sitzplätzen.

Im Erdgeschoss entstand auf rund 650 Quadratmetern ein großzügiger Verkaufsbereich. Gleichzeitig erhielt das Unternehmen einen neuen Namen: „Priesent“.

Mit diesem Schritt positionierte sich das Geschäft als großflächiger Anbieter für Unterhaltungselektronik – blieb aber gleichzeitig eine der wichtigsten Adressen für Schallplatten in Bielefeld. Priesent betrieb inzwischen weitere Filialen in Bad Salzuflen und Schötmar und war Teil einer Dachgruppe von rund 20 Fachhandelsunternehmen im gesamten Bundesgebiet.

Nach eigener Aussage verfügte diese sogenannte „Aera-Gruppe“ nach Karstadt über das zweitgrößte Umsatzvolumen im Schallplattenbereich in der Bundesrepublik – eine Angabe, die allerdings nicht unabhängig bestätigt werden konnte.

Expansion und Wandel

Der wirtschaftliche Erfolg führte Mitte der 1980er Jahre zu einer weiteren Expansion. Ab 1985 wurden sogenannte Shop-in-Shop-Konzepte eingeführt, bei denen externe Anbieter eigene Verkaufsbereiche für Video- und Computertechnik betrieben.

Mit wachsendem Platzbedarf entschied man sich schließlich für einen erneuten Umzug. Im September 1992 eröffnete Priesent an der Straße Am Bach einen neuen Standort – in einer ehemaligen Bauhaus-Filiale, die seit 1990 leer gestanden hatte.

Die Verkaufsfläche wuchs auf 1.525 Quadratmeter und war damit mehr als doppelt so groß wie zuvor. Bemerkenswert ist, dass der Mietvertrag für die alte Fläche in der Niedernstraße noch bis Ende 1994 lief und weiterhin monatlich 27.000 D-Mark kostete – eine erhebliche finanzielle Belastung.

Mit dem Umzug ging auch eine Neupositionierung einher: Das Unternehmen firmierte nun als „Priesent Quality Market“ und erweiterte sein Angebot um zusätzliche Abteilungen für Computer- und Fototechnik. Die gesamte Belegschaft wurde übernommen, zudem entstanden zehn neue Arbeitsplätze.

Das schnelle Ende

Trotz der ambitionierten Erweiterung blieb der wirtschaftliche Erfolg aus. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung musste der Standort wieder schließen.

Als Hauptgrund wurde der zunehmende Wettbewerb durch großflächige Elektronikmärkte genannt. Viele Kunden sahen die Entwicklung jedoch differenzierter: Für sie hatte Priesent mit dem neuen Konzept genau das verloren, was den Laden zuvor ausgezeichnet hatte – den Charakter eines Fachgeschäfts mit einer besonderen, sorgfältig kuratierten Schallplattenauswahl.

Zeitleiste

  • Mitte November 1948: Eröffnung als Rundfunkfachgeschäft Dipl.-Ing. Wesemann an der Stapenhorststraße 1
  • 24. Oktober 1950: Neueröffnung nach Umzug in die Rathausstraße 7
  • Anfang 1970: Karl-Heinz Wesemann scheidet aus, Gernot Priesent und Fritz Seise übernehmen
  • 27. Februar 1970: Wiedereröffnung nach Umbau unter neuer Leitung an der Rathausstraße 7
  • 09. Juni 1972: Gernot Priesent wird Alleininhaber von Radio-Wesemann
  • 29. März 1979: Neueröffnung als Priesent in der Niedernstraße 12
  • 24. September 1992: Neueröffnung als Priesent Quality Market, Am Bach 11
  • 30. September 1993: Schließung des Priesent Quality Market, Am Bach 11

Musikhaus Johann Röthlingshöfer

Metzer Straße 6, 33607 Bielefeld (1930 – 1936)
zuvor: Hagenbruchstraße 2b, 33602 Bielefeld (1926 – 1930)
zuvor: Schillerplatz 23 (heute etwa Niederwall 18), 33602 Bielefeld (1915 – 1926)
zuvor: Rathausstraße 6, 33602 Bielefeld (1911 – 1915)
zuvor: Niederwall 5, 33602 Bielefeld (1909 – 1911)
zuvor: Rathausstraße 14, 33602 Bielefeld (1908 – 1909)
zuvor: Turnerstraße 45, 33602 Bielefeld (1905 –1908)

In Bielefeld gab es mehrere offizielle Verkaufsstellen der Deutschen Grammophon AG. Neben Otto Leber, Körners Musikhaus und dem Musikhaus Niemeyer gehörte auch das Musikaliengeschäft von Johann Röthlingshöfer dazu. Er gründete sein Unternehmen bereits im Jahr 1902, handelte zunächst vorwiegend mit Zithern und betrieb schon früh Filialen in Hagen, Witten und Dortmund, bevor er nach Bielefeld kam und ab 1905 ein Ladengeschäft an der Turnerstraße 45, Ecke Ravensberger Straße, eröffnete.

Schallplatten waren ein zentraler Bestandteil seiner Außendarstellung. In Zeitungsanzeigen wurden regelmäßig neue Aufnahmen beworben, oft kurz nach ihrem Erscheinen. Dabei erfolgte die Werbung vielfach in enger Verbindung mit der Deutsche Grammophon AG, die teils eigene Anzeigen schaltete und Röthlingshöfer als offizielle Bezugsquelle aufführte.

Zu den beworbenen Aufnahmen gehörten unter anderem Werke wie Beethovens „Missa solemnis“, verschiedene Arien und Instrumentalstücke – etwa ein „Arioso“ oder „Largo“ –, Weihnachtsgesänge von Chören sowie Klavieraufnahmen von Künstlern wie Alexander Brailowsky. Die genaue Schreibweise und Zuordnung einzelner Titel ist heute nicht immer eindeutig nachvollziehbar, verdeutlicht aber die Bandbreite des angebotenen Repertoires.

Standortwechsel am laufenden Band

In den über 30 Jahren seiner Tätigkeit verkaufte Röthlingshöfer neben Zithern, Grammophonen und Schallplatten auch Violinen, Lauten und andere Instrumente, die er zudem in seiner eigenen Werkstatt reparierte. Für Festlichkeiten bot er darüber hinaus auch einen Verleih von Grammophonen und Schallplatten an. Auffällig ist jedoch die hohe Anzahl an Standortwechseln.

Bereits drei Jahre nach der Eröffnung zog das Geschäft von der Turnerstraße in die Rathausstraße um, nur um kurz darauf erneut den Standort zu wechseln – diesmal an den Niederwall, direkt neben dem damaligen Hill-Markt.

Doch auch hier blieb Röthlingshöfer nur zwei Jahre, bevor es wieder zurück in die Rathausstraße ging. Die neuen Räume befanden sich an der Hausnummer 6 – jener Adresse, an der Jahrzehnte später Radio-Tutschner zwischen 1958 und 1982 sein Hauptgeschäft betrieb.

Ab 1915 war das Geschäft am Schillerplatz 23 ansässig, direkt gegenüber dem Stadttheater. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Brüder Loroch ihr Musikaliengeschäft in unmittelbarer Nähe noch nicht eröffnet. Doch auch dieser Standort blieb nicht dauerhaft: 1926 folgte der nächste Umzug in die Hagenbruchstraße.

Die letzte bekannte Adresse war schließlich die Metzer Straße 6, die zuvor bereits als Privatadresse geführt wurde. Offenbar reduzierte Johann Röthlingshöfer ab 1930 seine geschäftlichen Aktivitäten und führte sein Unternehmen von dort aus weiter. Hinweise auf seine Tätigkeit finden sich noch bis ins Jahr 1936.

Am 9. Juli 1936 verstarb Johann Röthlingshöfer nach längerer Krankheit im Alter von 69 Jahren.

Zeitleiste

  • 1902: Eröffnung des Ladengeschäfts in der Turnerstraße
  • 1908: Umzug in die Rathausstraße 14
  • 04. Oktober 1909: Umzug, Neueröffnung am Niederwall 5
  • 1911: Umzug in die Rathausstraße 6
  • 1915: Umzug zum Schillerplatz 23
  • 1926: Umzug in die Hagenbruchstraße 2b
  • 1930: Umzug in die Metzer Straße 6
  • 09. Juli 1936: Johann Röthlingshöfer verstirbt

Rund Und Bunt

Karl-Eilers-Str. 6a, 33602 Bielefeld (1977 – 1983)

Die Geschichte des Plattenladens Rund Und Bunt ist eng mit der Diskotheken- und Konzertszene in Bielefeld verknüpft. Sie begann auf dem elterlichen Grundstück des einst größten Bielefelder Gastronomen Hans-Günter Eickhoff. Dort, wo später die Marktpassage entstand, baute er ab den 1960er Jahren seine ersten Betriebe auf. Dazu gehörte auch das Caféhaus Peppermint, das er 1977 eröffnete und in dessen Eingangsbereich der Plattenladen Rund Und Bunt untergebracht war.

Betreiber dieses Plattenladens war Ekhard Bischoff, der neben rund zwanzig weiteren Läden dieser Art auch mehrere Verkaufsstellen für Konzertkarten führte. Seine Geschäfte belieferte er über seinen eigenen Großhandel „Ebiton Tonträger“ mit Sitz in Melle.

Peppermint geht, Titanic kommt

Nachdem auf dem Areal nacheinander drei von Hans-Günter Eickhoff betriebene Diskotheken eröffnet worden waren – das Drive In, die Gurke und das Flash – und die letzte von ihnen 1980 geschlossen wurde, blieben dort nur noch die Kneipe Holzwurm und das Café Peppermint mit seinem Plattenladen bestehen. Ab dem Sommer 1980 bildete sich schließlich eine Initiative rund um Ekhard Bischoff, die neues Leben auf das Gelände bringen sollte.

Dies war die Geburtsstunde der Diskothek Titanic, die alle bisherigen Gastronomiebetriebe in sich vereinte und weiterhin auch den Plattenladen Rund Und Bunt im Eingangsbereich beherbergte. Betreiber der Gastronomie war nun nicht mehr Eickhoff, sondern unter anderem Ekhard Bischoff selbst, der damit wieder von einer erhöhten Laufkundschaft für seinen Plattenladen profitierte.

Für den Bau der Marktpassage mussten die Titanic und der Plattenladen schließlich Ende 1983 schließen.

Zeitleiste

  • 24. November 1977: Eröffnung des Plattenladens Rund Und Bunt im Peppermint
  • Sommer 1980: Beginn der Planungen für die Titanic
  • 1981: Eröffnung der DiskothekTitanic mit dem Plattenladen Rund und Bunt im Eingangsbereich
  • Ende 1983: Schließung der Titanic und des Plattenladens
  • 30. Oktober 1984: Eröffnung der Marktpassage

Rund + Eckig

Jöllenbecker Str. 3, 33602 Bielefeld (1977 – 1981)
zuvor: Gadderbaumer Straße 3, 33602 Bielefeld (1976 – 1977)

Ein Plattenladen, der zugleich Bücher und Comics verkaufte – dieses ungewöhnliche Konzept machte Rund + Eckig zu einer Besonderheit in der Bielefelder Ladenlandschaft der späten 1970er Jahre.

Der Name war dabei Programm: „Rund“ stand für Schallplatten, „Eckig“ für Gedrucktes. Diese Idee wurde auch visuell umgesetzt – etwa durch eine Comicfigur, die auf Einkaufstüten zu sehen war: mit Schallplatten an den Ohren und zugleich in ein Buch vertieft.

Ein kleines Geschäft mit eigenem Profil

Gegründet wurde Rund + Eckig im Mai 1976 von Christian Freiherr von Lüdinghausen-Wolff. Zunächst befand sich das Geschäft in der Gadderbaumer Straße 3, im Haus von Musik Brechmann, wo es vermutlich als Untermieter geführt wurde.

Bereits nach etwa einem Jahr folgte der Umzug in neue Räumlichkeiten an der Jöllenbecker Straße 3. Dort lag das Geschäft im ersten Obergeschoss – keine klassische Lauflage – vieles spricht dafür, dass man bewusst ein Publikum ansprach, das gezielt kam.

Das Sortiment setzte Schwerpunkte in den Bereichen Jazz, Pop, Soul und Folk. In Kombination mit Büchern und Comics ergab sich ein Angebot, das sich deutlich von klassischen Plattenläden unterschied und eher ein kulturelles Gesamtinteresse bediente als reine Chart-Orientierung.

Nähe zur Szene

Trotz der vergleichsweise dünnen Quellenlage lässt sich erkennen, dass Rund + Eckig auch personell mit der lokalen Musikszene verbunden war. Zeitweise arbeitete hier der Bielefelder DJ Hans-Jürgen „Hannes“ Wagner, der unter anderem aus der Badewanne, dem PC69 und dem ZK bekannt war.

Ein früher Abschied

Wie lange das Geschäft genau bestand, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Die vorhandenen Hinweise sprechen dafür, dass Rund + Eckig bis etwa 1981 existierte. Am 1. Februar 1982 wurde die zugehörige Gesellschaft schließlich gelöscht.

Zeitleiste

  • Mai 1976: Erste Erwähnung in der Gadderbaumer Straße
  • 1977: Umzug in die Jöllenbecker Straße 3
  • Um 1981: Schließung
  • 01. Februar 1982: Löschung der Gesellschaft

Saturn / Saturn-Hansa / Horten

Marktpassage, Bahnhofstraße 27a 33602 Bielefeld (2016 – heute)
zuvor: Stresemannstr. 11, 33602 Bielefeld (Horten: 1977 – 1993, Saturn: 1993 – 2015)

Saturn und Horten waren stets getrennte Unternehmen, die jedoch zeitweise unter einer gemeinsamen Dachgesellschaft vereint waren. Da es in Bielefeld zudem eine gemeinsame Adresse und eine abgestimmte Übernahme des Tonträgerverkaufs gab, werden beide in dieser Liste als Vorgänger beziehungsweise Nachfolger zusammen behandelt. Auf diese Weise lässt sich auch das Firmengeflecht, das die Unternehmen über viele Jahre teilweise gemeinsam durchliefen, besser nachvollziehen.

Den Anfang machte die lange geplante Eröffnung des Kaufhauses Horten am 25. Juli 1977 in der Stresemannstraße 11 – es war das 60. Kaufhaus der Kette. Horten war zu dieser Zeit noch ein eigenständiges Unternehmen, das Firmengründer Helmut Horten Anfang der 1970er Jahre in eine Aktiengesellschaft umgewandelt hatte.

Die Eröffnung fand rund einen Monat vor der Einweihung der City-Passage statt, an deren Ausgang zur Stresemannstraße sich Horten befand. Das Angebot umfasste auf rund 15.000 Quadratmetern Verkaufsfläche auf drei Ebenen mehr als 100.000 verschiedene Artikel. Das Interieur war modern, hell und mit vielen Spiegeln gestaltet sowie vollklimatisiert. Außen über dem Haupteingang hing eine große Spieluhr, die in einer goldenen Kugel untergebracht war. Sie öffnete sich zu festen Zeiten und zog regelmäßig die Blicke der Passanten auf sich. Mitarbeiter anderer Horten-Häuser bezeichneten die Bielefelder Filiale sogar als „die Krönung von allem“, was sie bislang gesehen hatten.

Die Eröffnung entwickelte sich zu einem gesellschaftlichen Großereignis: Laut Schätzung der Geschäftsleitung kamen allein am ersten Tag rund 100.000 Kunden.

Im Erdgeschoss befand sich eine gut ausgestattete Schallplattenabteilung, die immer wieder mit Lockangeboten auf sich aufmerksam machte. So wurde beispielsweise 1978 das RCA-Doppelalbum „Elvis Forever“ für 10 DM beworben. Viele Zeitzeugen erinnern sich sehr positiv an das Sortiment und waren Stammkunden.

Horten entwickelte das Konzept seiner Kaufhäuser in den folgenden Jahren weiter. Ergebnis war das Galeria-Konzept, das ab 1986 schrittweise in allen Häusern umgesetzt wurde. In der Bielefelder Filiale erfolgte diese Umgestaltung 1993 und wurde in nur 62 Tagen durchgeführt. Der rund elf Millionen Euro teure Umbau zur „Galeria Horten“ beinhaltete auch eine Kooperation mit Saturn-Hansa, die nun als Shop-in-Shop-System auf 3.650 Quadratmetern im Kellergeschoss angesiedelt war. Horten reduzierte in diesem Zuge seine Verkaufsfläche auf rund 11.200 Quadratmeter.

Keine Schallplatten bei Galeria Horten

Die Kooperation war Teil des Galeria-Konzepts, bei dem man sich von Sortimenten trennte, die künftig von Partnerunternehmen übernommen wurden. Dies betraf auch die Schallplattenabteilung, denn der Tonträgerverkauf ging nun vollständig an Saturn-Hansa über.

Aus Sicht des Plattenverkaufs in Bielefeld endete hier also die Geschichte von Horten – und die von Saturn-Hansa begann. Dieser Übergang fiel in eine Zeit, in der Saturn bereits wieder aus dem Kaufhof-Konzern herausgelöst worden war und nun zur MediaMarkt-Gruppe gehörte. Galeria Horten hingegen wurde 1994 von Kaufhof übernommen und in Galeria Kaufhof umbenannt. Bei Saturn wiederum verschwand schrittweise der Zusatz „Hansa“. So kreuzten sich die Wege der Unternehmen – ausgerechnet in Bielefeld.

Saturn-Hansa übernimmt

Am 1. April 1993 eröffneten Galeria Horten und Saturn-Hansa gemeinsam ihre Pforten. Im Haus gab es nun kein Vinyl mehr zu kaufen, dafür jedoch umso mehr CDs. Insgesamt lagen rund eine Million Tonträger mit etwa 120.000 Titeln auf Lager.

Ein Teil der insgesamt 65 Beschäftigten bei Saturn wurde von Horten übernommen. Ein weiterer Teil bestand aus ehemaligen Mitarbeitern des nahezu zeitgleich geschlossenen Medienkaufhauses Gemini, die über das Arbeitsamt vermittelt worden waren.

Selbstbewusst kündigte das Unternehmen an, nicht nur zur Eröffnung, sondern dauerhaft besonders preisaggressiv im Bielefelder Markt zu agieren. Rückblickend wäre dies vielleicht gar nicht nötig gewesen, denn die Strahlkraft des Kölner Stammhauses reichte bereits zuvor bis nach Ostwestfalen. Manche Bielefelder hatten sich schon in den 1980er Jahren auf Shopping-Tour nach Köln begeben – insbesondere wegen der umfangreichen Tonträgerabteilung. Ein Stück weit war man sich dessen bewusst, denn die Geschäftsleitung rechnete damit, dass auch die neue Filiale selbst zu einem Ziel für auswärtige Besucher werden könnte – und damit zusätzliche Kunden in die Bielefelder Innenstadt bringen würde.

Das Loom kündigt sich an

Im Jahr 2011 kündigte sich die nächste grundlegende Veränderung an, als die „ECE Marketplaces“ die inzwischen nicht mehr zeitgemäße City-Passage übernahm. Der folgende Umbau zum Shoppingcenter Loom betraf auch das Horten-Haus, das in den folgenden Jahren teilweise abgerissen, teilweise revitalisiert und anschließend in das neue Zentrum integriert wurde.

Für Saturn im Kellergeschoss hätte ein Verbleib an diesem Standort einen erheblichen Stillstand bedeutet, da sich die Bauarbeiten über mehrere Jahre hätten hinziehen können. Nach längeren Verhandlungen mit der ECE entschied man sich daher im Oktober 2015 für einen Umzug in die ehemalige Marktpassage und schloss die Filiale an der Stresemannstraße zum Jahresende.

Bereits am 11. Februar 2016 eröffnete Saturn zunächst auf der unteren Ebene der Marktpassage neu. Parallel dazu wurde die Erweiterung auf eine zweite Etage vorbereitet, die am 30. Juni 2016 im Rahmen einer weiteren großen Eröffnung mit jetzt insgesamt 3300 Quadratmetern Verkaufsfläche eingeweiht wurde. Damit war Saturn deutlich früher wieder präsent als das Loom, das erst am 26. Oktober 2017 seine Türen öffnete.

Saturn und die Platten

Bezogen auf das eigentliche Kernthema dieses Artikels ist erwähnenswert, dass Saturn zum Zeitpunkt der Veröffentlichung weiterhin ein vergleichsweise großes Sortiment an CDs führt. Damit zählt dieser Standort – an dem bereits vor der Marktpassage der Plattenladen Rund und Bunt existierte und später Disque Tonträger anbot – zu den wenigen Geschäften in Bielefeld, die noch immer physische Musikmedien verkaufen.

Mit etwas nostalgischem Blick lässt sich darin vielleicht sogar ein spätes Echo des großen Kölner Vorgängers erkennen.

Zeitleiste

  • 25. Juli 1977: Eröffnung des Kaufhauses Horten in der Stresemannstraße 11
  • 01. April 1993: Eröffnung von Saturn-Hansa im Untergeschoß des Horten-Hauses
  • 09. Oktober 2015: Entschluss zum Umzug in die Marktpassage
  • 31. Dezember 2015: Schließung der Saturn-Filiale in der Stresemannstraße 11
  • 11. Februar 2016: Teileröffnung nach Umzug in die Marktpassage
  • 30.06.2016: Große Neueröffnung mit der zweiten Etage in der Marktpassage

Schallplatte International

Ritterstraße 25, 33602 Bielefeld (1979 – 1980)

Für etwa ein Jahr gab es in der Ritterstraße den Plattenladen Schallplatte International. Es handelte sich dabei um eine Filiale des gleichnamigen Geschäfts in der Königstraße 2 in Paderborn.

Da die Informationsdichte dazu sehr dünn ist, wind weitere Hinweise dazu willkommen.

Zeitleiste

  • um 1979: Eröffnung des Ladengeschäfts
  • um 1980: Schließung des Ladengeschäfts

Schossau

Feilenstraße 10, 33602 Bielefeld (1991 – 1994)

Rückblickend hätte es eigentlich der Beginn einer Erfolgsgeschichte werden müssen, als der Unterhaltungselektronik-Filialist Schossau an der Feilenstraße 10 in Bielefeld seine achte Zweigstelle eröffnete. Auf rund 1.500 Quadratmetern präsentierte das Unternehmen ein umfassendes Sortiment. Das ursprüngliche Familienunternehmen gehörte seit 1989 mehrheitlich der Verbundgruppe Electronic Partner („EP“) und verfügte damit über ein erprobtes Gesamtkonzept.

Zum Geschäftsführer wurde Horst Bruning berufen, der zuvor mit seinem Geschäft „EP-Bruning“ an der Beckhausstraße viele Jahre erfolgreich als selbstständiger Elektronikfachhändler und Verbundpartner der EP-Gruppe tätig gewesen war. Aus seinem Unternehmen brachte er zudem zwei Mitarbeiter mit, sodass ein eingespieltes Team für den Elektronikbereich zur Verfügung stand.

Neben Unterhaltungselektronik verfügte Schossau auch über eine gut sortierte Tonträgerabteilung. Diese wurde von Christian Loroch geleitet, der zuvor über viele Jahre den Musikladen in der City Passage geführt hatte und dort ein Enkel einer der Unternehmensgründer war.

Auch der Standort sprach zunächst für das Konzept: In den Räumen an der Feilenstraße 10 hatten seit 1975 bereits mehrere bekannte Plattenläden nacheinander existiert, dies waren Tega, Offbeat Records und Upside Down.

Nicht alles läuft wie geplant

Doch die vielversprechenden Voraussetzungen erwiesen sich als trügerisch. Bereits vier Monate nach der Eröffnung schied Horst Bruning zum Jahreswechsel wieder aus. Nach eigener Aussage fehlte ihm auf der großen Verkaufsfläche der persönliche Kontakt zu den Kunden – ein Aspekt, der für ihn zuvor prägend gewesen war. Etwa die Hälfte seiner Kundschaft am alten Standort habe er namentlich gekannt. Aus seiner Sicht zog er „im richtigen Moment die Notbremse“ und kehrte an die Beckhausstraße zurück, wo er wieder die Leitung von seinem zuvor eingesetzten Interimsmanager Andreas Heickel übernahm.

In den folgenden Monaten geriet die Bielefelder Filiale zunehmend unter Druck. Nach Angaben der Geschäftsleitung herrschte in der Stadt ein Überangebot an Elektronikfachmärkten. Gleichzeitig kündigte sich mit der geplanten Eröffnung von Saturn-Hansa im Kellergeschoss des Horten-Hauses ein weiterer starker Wettbewerber an.

Die Reißleine wird gezogen

Nach insgesamt nur zweieinhalb Jahren entschloss sich Schossau daher, den Standort aufzugeben. Trotz der Schließung betonte das Unternehmen ausdrücklich, dass Geschäftsleitung und Belegschaft vor Ort „hervorragend gearbeitet“ hätten. Vielmehr sei die Entscheidung auch dadurch beeinflusst worden, dass sich die übrigen Filialen – inzwischen waren es 18 – wirtschaftlich deutlich erfolgreicher entwickelten. Von der Schließung waren rund 30 Mitarbeiter betroffen, darunter 27 Vollzeitkräfte.

Selbst das beste Konzept ist nicht unabhängig von den Umständen – und mitunter auch vom nötigen Quäntchen Glück.

Zeitleiste

  • 29. August 1991: Eröffnung der Schossau-Filiale in der Feilenstraße 10
  • 31. Dezember 1991: Horst Bruning scheidet aus
  • 01. Januar 1992: Kai Zalisz wird Geschäftsführer
  • 28. Februar 1994: Schließung der Filiale

Take Off Music

Stapenhorststraße 13, 33615 Bielefeld (1988 – 1989)

In Gütersloh betrieben Klaus-Dieter Eichner und Michael Fladerer gemeinsam ein Musiklabel sowie einen Plattenladen. Ihr Geschäft galt überregional als eine der ersten Adressen für Independent, Gothic, Dark Wave und verwandte Genres.

Im Juli 1988 eröffneten sie zusätzlich eine Filiale in Bielefeld.

Den beachtlichen Erfolg ihres Stammhauses konnten sie am Standort in der Stapenhorststraße jedoch nicht in gleichem Maße wiederholen. Das genaue Datum der Schließung ist bislang nicht eindeutig belegt; vermutlich wurde das Geschäft im Jahr 1989 aufgegeben, denn in diesem Jahr eröffnete bereits Moritz Records an derselben Adresse.

Zeitleiste

  • 14. Juli 1988: Eröffnung von Take Off Music
  • um 1989: Schließung des Ladengeschäfts

Tega / Schallplattendiscount

Feilenstraße 10, 33602 Bielefeld (1975 – 1984)
zuvor: Niedernstraße 13, 33602 Bielefeld (1977 – 1978)
zuvor: Niederwall 11, 33602 Bielefeld (1974 – ca. 1975)
zuvor: Stapenhorststraße 47, 33615 Bielefeld (1974)

Tega war ein bekannter Schallplattendiscount in Bielefeld, dessen Vorgeschichte sich nur sehr bruchstückhaft rekonstruieren lässt – so lückenhaft, dass ein Teil der folgenden Darstellung ausdrücklich als Theorie gekennzeichnet werden muss. Eine Bestätigung oder auch Widerlegung durch Zeitzeugen wäre hier besonders wertvoll. Doch dazu später mehr.

Die ersten Erwähnungen

Im Februar 1974 eröffnete an der Stapenhorststraße 47 ein kleiner Schallplattendiscount, dessen Inhaber mit G. Schmid angegeben wurde. Der Name „Tega“ tauchte zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf. Bei den Räumen dürfte es sich um eine Übergangslösung gehandelt haben, denn bereits im Juni desselben Jahres zog das Geschäft an den Niederwall 11 um. Eine Zeitungsanzeige warb dort erneut schlicht für einen „Schallplattendiscount“ und lockte mit „wieder sensationellen Eröffnungspreisen“.

Das Unternehmen blieb in Bewegung: Am 11. Januar 1975 eröffnete eine weitere Filiale in der Feilenstraße 10, die zunächst parallel zum Standort am Niederwall betrieben wurde. Als Inhaber dieser Filiale wird Theo Schmid genannt, während G. Schmid weiterhin das Hauptgeschäft am Niederwall führte.

Die Theorie

Fest steht, dass der Standort am Niederwall in der Folge nur noch kurze Zeit bestand. Hier setzt die bereits erwähnte Theorie an: Im Bielefelder Adressbuch von 1975 findet sich nur eine Person, die auf die Angabe „G. Schmid“ passt – ein Gottfried Schmid. Laut Todesanzeige verstarb dieser im Oktober 1975 im Alter von 79 Jahren. Zeitlich fällt dies in etwa mit der Schließung des Geschäfts am Niederwall zusammen.

Sollte es sich um dieselbe Person handeln, hätte Gottfried Schmid sein Geschäft bis ins hohe Alter geführt und wäre erst mit seinem Tod ausgeschieden. Ein belastbarer Nachweis dafür steht allerdings noch aus.

Weiter geht es mit Fakten

Nach der Schließung des Standorts am Niederwall wurde die Filiale in der Feilenstraße zum Hauptgeschäft des Schallplattendiscounts. Im Frühjahr 1976 tauchte erstmals der Name „Tega“ in der Werbung auf, teilweise ergänzt durch den Zusatz „Schallplattendiscount“.

Eine Tega-Filiale in der Niedernstraße

Die Expansion ging weiter: Im März 1977 eröffnete Theo Schmid gemeinsam mit dem Jeans Center Fritz (das damals als „Jeans Champion“ auftrat) und dem Altstädter Reisebüro eine Filiale in der Niedernstraße 13. Unter dem Slogan „Drei Geschäfte unter einem Dach“ firmierte dieses Gemeinschaftsprojekt als „Freizeit-Corner Bielefeld“.

Bereits im Frühjahr 1978 wurde diese Filiale jedoch wieder aufgegeben und mit dem Hauptgeschäft in der Feilenstraße zusammengelegt. Dort wurde gleichzeitig umgebaut, wodurch zusätzliche Verkaufsfläche entstand. Diese Arbeiten waren im Juni 1978 abgeschlossen. Das Sortiment wurde erweitert und um Musikkassetten sowie Zubehör ergänzt.

Übernahme durch ETON

Als Lieferant stand hinterTega der Großhändler ETON, der bundesweit auch die Plattenladenkette Phonac betrieb – so ab 1980 auch in Bielefeld. Bereits um 1978/79 kam es zu Gesprächen zwischen ETON und Tega, die schließlich in einer Übernahme des Geschäfts in der Feilenstraße mündeten. Der Betrieb wurde fortan direkt im Auftrag des Großhändlers geführt.

Laut Bundesanzeiger wurde der „Tega Schallplattenhandel“ von Theo Schmid am 4. September 1980 offiziell gelöscht.

In dieser Konstellation bestand das Geschäft noch bis zum 31. Januar 1984. Anschließend übernahmen die Mitarbeiter Mirko Puzic und John Charles Forster den Standort und führten ihn unter dem Namen Offbeat Records weiter.

Mehr zu Offbeat Records siehe separaten Eintrag.

Zeitleiste

  • 16. Februar 1974: Eröffnung als Schallplattendiscount in der Stapenhoststraße 47
  • 22. Juni 1974: Umzug, Eröffnung am Niederwall 11
  • 11. Januar 1975: Eröffnung als weitere Filiale an der Feilenstraße 10
  • März 1977: Eröffnung der Filiale in der Niedernstraße 13
  • Februar/März 1978: Schließung der Filiale in der Niedernstraße 13
  • Juni 1978: Umbau in der Feilenstraße 10, jetzt mehr Verkaufsfläche
  • 31. Januar 1984: Schließung, Übergabe an den Nachfolger Offbeat Records

Thommys Pop Shop

Hauptstraße 78, 33647 Bielefeld (1985 – 2000)

Seit Oktober 1980 waren Radio-Waldecker und das Musikhaus Niemeyer jeweils Tür an Tür in der Hauptstraße 78 ansässig. Während Waldecker sich auf den Verkauf von Unterhaltungselektronik konzentrierte, betrieb Niemeyer dort einen Plattenladen.

Als das Musikhaus Niemeyer diesen Standort im September 1985 aufgab, übernahm Waldecker die frei gewordene Fläche. Den Plattenverkauf führte fortan Thomas Nolte weiter. Er hatte diese Filiale bereits seit 1983 geleitet und war nun als Untermieter von Waldecker in eigener Regie aktiv. Dies war die Geburtsstunde von Thommys Pop Shop.

Nolte veränderte das Sortiment grundlegend und legte den Schwerpunkt auf Funk, Soul und weitere Spielarten der Black Music – ganz im Einklang mit seinem persönlichen Musikgeschmack. Durch diese klare Ausrichtung entwickelte sich das Geschäft schnell zu einer gefragten Adresse für DJs, die in diesem Bereich aktiv waren.

Promis im Haus

Im Laufe der Jahre fanden im Laden auch mehrere Autogrammstunden mit bekannten Künstlern statt. So war 1989 unter anderem Nicole zu Gast, die 1982 den Eurovision Song Contest (damals noch häufig als „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ bezeichnet) gewonnen hatte. Ende der 1990er Jahre besuchte zudem die Popgruppe Echt das Geschäft und sorgte für einen außergewöhnlich großen Besucherandrang.

Anfang des Jahres 2001 entschloss sich Thomas Nolte schließlich, seinen Plattenladen zu schließen – auch vor dem Hintergrund der sich wandelnden Musiklandschaft und erster digitaler Vertriebsformen. Ende Mai 2001 folgte dann mit der Schließung das endgültige Ende das Tonträgerverkaufs an diesem Standort.

Zeitleiste

  • 01. Oktober 1985: Eröffnung von Thommys Pop Shop
  • Ende Mai 2001: Schließung des Plattenladens

Tommis Plattenladen

Ritterstraße 25, 33602 Bielefeld

Nach der Schließung von JPC in der Ritterstraße eröffnete im selben Ladenlokal Tommis Plattenladen. Dabei handelte es sich um eine Filiale des gleichnamigen Geschäfts in der Schulstraße in Gütersloh, das von Thomas Volkmar betrieben wurde.

Die Bielefelder Filiale leitete – vermutlich bis 1988 – Gerlinde Wind, die zuvor bereits den JPC-Store an diesem Standort geführt hatte.

Zeitleiste

  • Um 1985: Eröffnung des Ladengeschäfts
  • April 1988: Nach Schließung kurz zuvor Neueröffnung unter neuer Leitung
  • 1989: Schließung des Ladengeschäfts

Tutschner (Radio-Tutschner)

Rathausstr. 6 (um 1959 – 1982)
zuvor: Ritterstraße 25, 33602 Bielefeld (um 1975 – um 1977)
zuvor: Ritterstraße 81 (Februar 1958 – um 1975)
zuvor: Niederwall 4 (um 1950 – 1961)
zuvor: Herforder Straße 9 (1948 – um 1950)

Der Ingenieur Josef Tutschner eröffnete am 1. September 1948 ein Radiofachgeschäft an der Herforder Straße 9 in unmittelbarer Nähe des Jahnplatzes. Tutschner stammte aus dem Sudetenland, besuchte in Ossegg die Schule und studierte von 1928 bis 1932 in Komotau. Nach seinem Studium legte er zudem die Prüfungen zum Elektromeister sowie zum Rundfunkinstandsetzungsmeister ab.

Bereits 1950 oder Anfang 1951 bezog das Unternehmen neue Räume am Niederwall 4. Als Josef Tutschner im März 1951 im Alter von nur 40 Jahren verstarb, übernahm Maria Tutschner die Leitung des Geschäfts. Seine Todesanzeige lässt darauf schließen, dass es sich bei ihr vermutlich um seine Schwester handelte. Im Sommer 1953 änderte sich ihr Nachname durch Heirat in „Diese“, den sie später jedoch wieder ablegte und erneut ihren Geburtsnamen annahm.

Zunächst blieb das Sortiment bei Radio-Tutschner auf klassische Unterhaltungselektronik ausgerichtet, darunter Fernsehgeräte, Rundfunkempfänger, Musiktruhen und Phonoschränke. Spätestens im Dezember 1955 kamen jedoch auch Schallplatten hinzu: In den Räumen am Niederwall wurde zu dieser Zeit die sogenannte „Schallplattenbar“ eingerichtet – eine damals moderne Möglichkeit, Tonträger vor dem Kauf anzuhören.

Radio-Tutschner eröffnet weitere Filialen

Der Schallplattenverkauf entwickelte sich offenbar erfolgreich, sodass zusätzlicher Platz benötigt wurde. Im Februar 1958 lagerte Tutschner die Plattenabteilung aus und eröffnete in einem Neubau an der Ritterstraße 81 die „Musik-Bar“. Fortan wurden Tonträger ausschließlich dort verkauft, während sich das Elektronikgeschäft weiterhin am Niederwall befand.

Die Expansion setzte sich fort: Um 1958/1959 eröffnete das Unternehmen eine weitere Filiale an der Rathausstraße 6 – direkt gegenüber von Radio Wesemann. Neben Unterhaltungselektronik umfasste das Sortiment dort inzwischen auch Beleuchtungs- und Gasgeräte. Zeitweise betrieb Radio-Tutschner damit drei Standorte parallel. Um 1961 wurde jedoch das Geschäft am Niederwall aufgegeben, und die Filiale an der Rathausstraße entwickelte sich zum neuen Hauptstandort.

Im Jahr 1967 gab es auch eine Werbe-Kooperation mit der Diskothek Eisenhütte, bei der an einem bestimmten Abend „Schallplatten aus Tutschners Platten-Bar“ aufgelegt wurden.

Im November 1976 ging das Unternehmen schließlich auf Paul Joachim Thiel über, der zuvor Teilhaber des Radiogeschäfts RTS Thiel & Stöckl an der Heeper Straße gewesen war. Etwa zur gleichen Zeit zog die „Musik-Bar“, im Volksmund auch „Plattenbar“ genannt, innerhalb der Ritterstraße von Hausnummer 81 in die Hausnummer 25 um. Dieser Standort, an dem später auch Schallplatte International und Tommis Plattenladen ansässig waren, wurde jedoch bereits um 1977 wieder aufgegeben.

Mit der Schließung der „Musik-Bar“ endete auch der Schallplattenverkauf bei Radio-Tutschner. Es verblieb das Hauptgeschäft in der Rathausstraße 6, das schließlich um den Jahreswechsel 1981/1982 ebenfalls geschlossen wurde.

Zeitleiste

  • 01. September 1948: Eröffnung des ersten Ladengeschäfts
  • um 1950: Umzug an den Niederwall 4
  • März 1951: Firmengründer Josef Tutschner stirbt im Alter von 40 Jahren, Maria Tutschner übernimmt
  • Dezember 1955: Erstmalige Vorstellung der Schallplattenbar am Niederwall 4
  • Februar 1958: Eröffnung der Musik-Bar in der Ritterstraße 81
  • Um 1959: Eröffnung der Filiale in der Rathausstraße 6
  • Um 1961: Schließung der Filiale am Niederwall 4
  • um 1975: Umzug der Musik-Bar in die Ritterstraße 25
  • 23. November 1976: Übertragung der Firma auf Paul Joachim Thiel
  • Um 1977: Schließung der Musik-Bar in der Ritterstraße 25
  • Ende 1981 / Anfang 1982: Schließung des Ladengeschäfts in der Rathausstraße 6
  • 17. Juli 1982: Die Firma erlischt

Upside Down

Feilenstraße 10, 33602 Bielefeld (1987 – 1988)

Mit dem Slogan „Records & Fashion“ warb Karola, deren Nachname bislang nicht ermittelt werden konnte, für ihr Geschäft Upside Down an der Feilenstraße. Sie eröffnete den Laden im Herbst 1987 und knüpfte damit unmittelbar an den Plattenverkauf des kurz zuvor geschlossenen Geschäfts Offbeat Records an. Inhaltlich blieb sie dabei eng mit der Szene verbunden, die bereits zuvor an diesem Standort bedient worden war.

Neben Tonträgern bot Upside Down auch Kleidung an, die sich insbesondere an die Gothic-Szene richtete – eine Kombination, die Ende der 1980er Jahre zunehmend an Bedeutung gewann.

Das Konzept konnte sich jedoch nicht langfristig etablieren: Bereits im Laufe des Jahres 1988 wurde das Geschäft wieder geschlossen.

Zeitleiste

  • Herbst 1987: Eröffnung des Ladengeschäfts
  • 1988: Schließung des Ladengeschäfts

Waldecker (Radio-Waldecker)

Südring 40, 33647 Bielefeld (1987 – 2023)
zuvor: Arndtstraße 6-8 in 33602 Bielefeld (1971 – 2005)
zuvor: Hauptstraße 78, 33647 Bielefeld (1971 – um 2003)
zuvor: Hauptstraße 171-173 in 33647 Bielefeld (1956 – um 1980)
zuvor: Burgunderstraße 12 (vorm. Brüderstraße 12) in 33647 Bielefeld (1945 – um 1984)

Im Rahmen dieser Liste ist bei Radio-Waldecker zunächst festzuhalten, dass sich dieses traditionsreiche Unternehmen stets über Unterhaltungselektronik und technische Innovation definierte – nicht über den Verkauf von Schallplatten. Da Waldecker jedoch vielen Bielefeldern zumindest an einem Standort irrtümlich als „Plattenladen“ in Erinnerung ist und sich in einzelnen Anzeigen über die Jahrzehnte vereinzelte Hinweise auf Tonträger finden, soll hier eine kurze Einordnung erfolgen.

Autoradios als Hauptprodukt

Gerhard Waldecker gründete 1945 sein Ein-Mann-Unternehmen in der Brackweder Brüderstraße 12, der heutigen Burgunderstraße. Der Schwerpunkt lag zunächst auf Autoradios. 1956 eröffnete er daher einen weiteren Standort an der Hauptstraße 171–173, wo diese Geräte fachgerecht eingebaut werden konnten.

1967 trat Sohn Peter Waldecker in das Unternehmen ein. Sein Ziel war die Expansion. 1971 entstand eine weitere Filiale in der Arndtstraße 6–8 in der Innenstadt. Die Produktpalette wuchs kontinuierlich, von HiFi, Videotechnik, Computer bis hin zu Satellitentechnik und Fotodienstleistungen. Schallplatten gehörten jedoch nicht zum regulären Sortiment.

Der Plattenladen nebenan

Im Oktober 1980 zog Waldecker zeitgleich mit einer Geschäftsstelle der Neuen Westfälischen und einem Plattenladen des Musikhauses Niemeyer (siehe separaten Eintrag) in neue Räume an der Hauptstraße 78 in Brackwede. Vermutlich, weil Waldecker in Brackwede deutlich bekannter war als Niemeyer, wird dieser Plattenladen bis heute häufig Waldecker zugeschrieben. Verstärkt wurde diese Wahrnehmung einerseits dadurch, dass Waldecker die betreffenden Räume bereits 1983 übernahm und seine Verkaufsfläche von rund 400 auf etwa 850 Quadratmeter erweiterte. Andererseits zog dort 1985 auf einer kleinen Fläche der Plattenladen Thommys Pop Shop (siehe separaten Eintrag) als Untermieter ein, der bis zum Frühjahr 2000 bestand.

Flächenmarkt in Brackwede, Sony in der Innenstadt

1987 folgte mit dem „Total-Markt“ am Südring 40 ein weiterer Expansionsschritt: ein großflächiger Vollsortimenter für Unterhaltungselektronik. Schallplatten spielten auch hier praktisch keine Rolle. Um 1990 tauchen vereinzelt Sonderangebote für Tonträger als Mitnahmeartikel in Werbeanzeigen auf – sowohl für den Total-Markt als auch für den Standort Hauptstraße 78. Von einem klassischen Plattensortiment kann jedoch nicht gesprochen werden.

1994 wurde die Innenstadtfiliale zu einem „Sony by Waldecker“-Store ausgebaut, faktisch eine Art Markenshop für Produkte des japanischen Elektronikkonzerns Sony. Dieses Konzept bestand bis März 2005. Anschließend wurde das Sortiment in den Total-Markt übernommen.

Nach dem Tod von Peter Waldecker schloss sich der Total-Markt zunächst der Kooperation Expert an, später erfolgte der Wechsel zu Euronics. Das Flächenmarktkonzept blieb bis zur endgültigen Schließung im Dezember 2023 bestehen.

Die Unternehmensgeschichte ist damit ohne Zweifel respektabel – ein Plattenladen im eigentlichen Sinne war Waldecker jedoch nie.

Zeitleiste

  • 1945: Gründung von Radio-Waldecker in der Brüderstraße 12 (später Burgunderstraße 12)
  • 1956: Eröffnung eines Autoradio-Fachgeschäfts in der Hauptstraße 171
  • 1971: Eröffnung des Ladengeschäfts in der Arndtstraße 6-8
  • 10. Oktober 1980: Umzug in die Hauptstraße 78
  • April – Juli 1983: Räumungsverkauf wegen Umbau in der Hauptstraße 78
  • Herbst 1987: Eröffnung des Total-Markt am Südring 40 in 33647 Bielefeld
  • 1989: Gründer Gerhard Waldecker stirbt
  • 03. Februar 1994: Eröffnung des Sony by Waldecker in der Arndtstraße 6-8
  • um 2003: Schließung der Filiale in der Hauptstraße 78
  • März 2005: Schließung des Sony by Waldecker Stores in der Arndtstraße 6-8
  • 23. Juli 2013: Alleininhaber Peter Waldecker stirbt
  • August 2016: Aus dem Total-Markt wird Expert Waldecker
  • 01. Juli 2020: Aus Expert Waldecker wird Euronics XXL Waldecker
  • Dezember 2023: Schließung des Euronics XXL Waldecker am Südring 40

Ween

Herforder Straße 10, 33602 Bielefeld (1992 – 2007)

Zur großen Freude vieler Musikliebhaber der Independent-Szene eröffnete im Oktober 1992 der Plattenladen Ween in der Einkaufspassage „Arcade“. Betreiber war der aus Bielefeld-Jöllenbeck stammende Jürgen Greve. Er brachte bereits Erfahrungen aus seiner Zeit als Angestellter bei Tommis Plattenladen in der Ritterstraße sowie später beim Independent-Plattenvertrieb EFA („Energie für alle“) mit. Mit seiner sorgfältig kuratierten Auswahl bediente er eine Marktlücke, die in Bielefeld auf großes Interesse stieß.

Die frühen 1990er Jahre waren die Zeit von Grunge und Crossover – Genres, die bei Ween ebenso vertreten waren wie Hardcore, EBM, Dark Wave, Hard ’n’ Heavy, Ska, Hip-Hop, Trip-Hop, Big Beat, Punk, Goa, House, Techno und klassischer Independent. Als bewusster Gegenpol fanden sich jedoch auch Soul, Funk, Rock, Pop und World Music im Sortiment.

Name, Logo und Werbeaktionen

Da Greve ein großer Fan der US-amerikanischen Rockband Ween war, übernahm er kurzerhand nicht nur deren Namen für seinen Plattenladen, sondern auch das Logo, das auf der damals aktuellen LP „God Ween Satan“ großflächig abgebildet war. Es handelte sich um ein „gekritzeltes“ Grinsegesicht, das nun in der originalen Farbgebung der Platte und mit dem dazugehörigen Schriftzug großformatig über dem Ladeneingang hing. Passend zum Plattentitel des Vorbilds und zum vielseitigen Sortiment des Geschäfts lautete der erste Werbeslogan: „Musik aus Himmel und Hölle“.

In den folgenden Jahren kamen weitere Slogans hinzu, etwa „Musik für jeden Augenblick“ oder „Musik aus aller Welt“. Die Werbung war abwechslungsreich gestaltet und arbeitete immer wieder mit neuen Grafiken, Sprüchen, Fotos oder Zeichnungen. Dem Namen Ween wurden dabei auch zusätzliche Bedeutungen zugeschrieben, etwa im Sinne von „hoffen“ oder „wähnen“. Es entstanden zahlreiche Aufkleber sowie Werbeaktionen in Zusammenarbeit mit dem Forum Bielefeld und anderen Clubs der Stadt.

Darüber hinaus gab es Kooperationen mit Diskotheken, in denen eigens organisierte Partys unter dem Titel „Ween loves you“ stattfanden. Sporadisch fanden diese im PC69 statt und eine Zeit lang jeden Mittwoch im Bitches Brew. Dort sorgten DJs aus dem Umfeld des Ladens für die musikalische Gestaltung. Zu ihnen gehörten neben Jürgen Greve selbst auch das Bielefelder DJ-Urgestein Hans-Jürgen „Hannes“ Wagner, besser bekannt als DJ Hannes. Hannes gehörte zeitweise auch zum Team des Ladens und arbeitete sowohl hinter den Kulissen als auch im Verkauf.

Tonträger und mehr

Im Angebot befanden sich rund 10.000 Tonträger – CDs, Schallplatten und Musikkassetten, teils auch als Second-Hand-Ware. Unter DJs und Sammlern sprach es sich schnell herum, wenn Ween besondere Raritäten führen konnte. Ein frühes Beispiel dafür war der Sampler „Just Say Yesterday“, auf dem 1992 erstmals die Maxi-Version von „Nowhere Girl“ der Band B-Movie auf CD erschien.

Über etwa zwei Jahre existierte in der oberen Etage zudem eine Abteilung für Kleidung – eine Kombination, die man in Bielefeld auch in anderen Plattenläden finden konnte.

Prominenz bei Ween

Unter den Besuchern des Ladens befanden sich auch einige in der Szene bekannte Persönlichkeiten. Mitte der 1990er Jahre unternahm die britische Radio-DJ-Legende John Peel eine Tour durch deutsche Plattenläden. In diesem Rahmen machte er auch Halt bei Ween – und war offenbar so angetan vom Sortiment, dass er dort ebenfalls einkaufte.

Ein besonders bemerkenswerter Besuch ereignete sich im November 1997. Als die Band Ween im PC69 auftrat, sprach Jürgen Greve die Musiker an und führte sie anschließend zu seinem Laden. Für die Band war dies ein überraschender Moment, denn dass es in Bielefeld ein Geschäft gab, das nicht nur ihren Namen trug, sondern auch ihr Logo verwendete, war ihnen zuvor nicht bekannt gewesen. Die Begegnung verlief jedoch ausgesprochen positiv: Die Musiker reagierten mit Interesse und Humor, und die ursprüngliche Idee hinter der Namenswahl – eine Form der Wertschätzung – wurde von der Band entsprechend wohlwollend aufgenommen.

Erfolg auf Zeit

All dies brachte Ween in der Szene eine Art Kultstatus ein. In der Anfangszeit war der Andrang so groß, dass sich die Kundschaft auf den rund 80 Quadratmetern über zwei Etagen drängte und zeitweise niemand mehr den Laden betreten konnte. Ein dreiköpfiges Team hinter dem Tresen hatte Mühe, den Ansturm zu bewältigen.

Langfristig ließ sich dieser Erfolg jedoch nicht halten. Mit der zunehmenden Verbreitung des Internets und Peer-to-Peer-Tauschbörsen wie Napster brachen die Umsätze erstmals spürbar ein. Die Euro-Einführung sorgte zusätzlich für Kaufzurückhaltung, während gleichzeitig große Handelsketten mit erheblichem Werbebudget die Preise drückten.

Nach rund fünfzehn Jahren in der Arcade schloss Jürgen Greve sein selbst geschaffenes Kleinod schließlich im Februar 2007. Der Branche blieb er jedoch treu und verkauft auch Jahrzehnte später weiterhin Tonträger über das Portal Discogs – dort unter dem Händlernamen MusicForAges.

Zeitleiste

  • 02. Oktober 1992: Eröffnung von Ween
  • 28. Februar 2007: Schließung

Übersicht der Zeiträume

Die folgende Übersicht fasst alle oben genannten Plattenläden in Bielefeld und die Zeiträume ihres Bestehens zusammen. Noch existierende Geschäfte sind farblich markiert. Eine Ausnahme bildet der Media Markt, denn hier wurde die Tonträgerabteilung bereits geschlossen.

Was diese Geschichte zeigt

Über die Jahrzehnte hinweg zeigt sich in der Entwicklung der Bielefelder Plattenläden ein klares Zusammenspiel aus technischem Wandel, wirtschaftlichem Druck und kultureller Veränderung.

Mit jeder neuen Tonträgergeneration veränderten sich nicht nur die Produkte, sondern auch ihre kulturelle Bedeutung. Schallplatten waren einst mehr als ein Medium – sie standen für ein Lebensgefühl, wurden gesammelt, getauscht und bewusst gehört. Kassetten hatten stets ihre eigene Nische, wurden im Musikbereich jedoch häufiger selbst bespielt und als Tauschmedium genutzt, als dass Originale gekauft wurden. Später prägten CDs wiederum ihre eigene Generation, mit neuen Formen von Mobilität und Verfügbarkeit, aber auch mit eigenen Ritualen und Trends. Mit jeder Phase verschoben sich damit auch die Erwartungen an die Läden selbst: vom beratenden Fachgeschäft über den spezialisierten Szenetreffpunkt bis hin zum funktionalen Massenanbieter. Was einst mit persönlicher Empfehlung am Tresen begann, endete vielerorts in standardisierten Verkaufsflächen – und verlor dabei ein Stück seines ursprünglichen Charakters.

Gleichzeitig wird deutlich, dass Plattenläden weit mehr waren als reine Verkaufsorte. Besonders in den 1970er bis 1990er Jahren entwickelten sie sich zu kulturellen Treffpunkten, in denen Szenen entstanden, sich Musikgeschmack formte und Kontakte zwischen Kunden, DJs und Betreibern selbstverständlich waren.

Auffällig ist außerdem, dass Erfolg selten allein von Größe oder Kapital abhing. Kleine, klar positionierte Läden konnten über Jahre bestehen, während größere Konzepte trotz hoher Investitionen teils nur kurze Zeit funktionierten. Entscheidend war meist die Verbindung aus Profil, Persönlichkeit und Einbindung in die lokale Szene.

Die Interessen entwickeln sich weiter - immer

Heute zeigt sich jedoch eine interessante Gegenbewegung. Nach Jahren der Digitalisierung, Streamingdiensten und einer kaum noch überschaubaren Vielzahl an Abonnements wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis nach etwas Greifbarem und bewusst Erlebtem. Der aktuelle Vinyl-Boom ist dabei Teil eines größeren Trends hin zu analogen Formaten – sei es bei Musik, Fotografie oder anderen Bereichen des Alltags.

Digitale Angebote sind dabei längst selbstverständlich geworden – und stehen heute nicht mehr im Gegensatz zum Analogen, sondern bestehen parallel dazu.

In diesem Umfeld entstehen wieder neue Plattenläden, oft mit veränderter Ausrichtung: kleiner, spezialisierter, kuratierter. Sie knüpfen an frühere Qualitäten an, ohne diese einfach zu kopieren – und setzen bewusst auf Auswahl, Atmosphäre und persönliche Ansprache statt auf Masse.

Die Geschichte der Plattenläden zeigt damit weniger einen endgültigen Niedergang als vielmehr eine fortlaufende Transformation. Von lokalen, persönlichen Orten über standardisierte Handelsstrukturen bis hin zu digitalen Plattformen – und nun in Teilen zurück zu neuen, bewusst gestalteten analogen Räumen.

Bleibt zu sagen

Bielefelds Plattenläden sind ein fester Bestandteil der Stadtgeschichte. Über Jahrzehnte hinweg verbanden sie Kultur, Gewerbe und Szene – und waren dabei weit mehr als bloße Verkaufsorte. Sie waren Treffpunkte, Informationsbörsen und soziale Räume, in denen sich musikalische Strömungen formten, weitergaben und manchmal auch erst entstanden.

Die enge Verknüpfung mit der lokalen Club- und Konzertlandschaft zieht sich dabei wie ein roter Faden durch viele dieser Geschichten. Ob im Umfeld von Diskotheken, als Vorverkaufsstelle für Konzerte oder als Ausgangspunkt eigener Veranstaltungen – Plattenläden waren oft mittendrin im kulturellen Leben der Stadt. Wer sich für Musik interessierte, kam an ihnen kaum vorbei. Und gerade in der Rückschau wird deutlich: Diese Entwicklung folgt keinem Masterplan. Es sind Geschichten, wie sie nur das Leben schreiben kann – geprägt von Zufällen, persönlichen Entscheidungen, Mut, Scheitern und immer wieder neuen Anläufen.

Gerade darin liegt auch eine besondere Stärke dieser Sammlung. Wer heute darüber nachdenkt, selbst einen Plattenladen zu eröffnen, findet hier weit mehr als eine historische Übersicht. Zwischen den Zeilen steckt ein Erfahrungsschatz: Beispiele dafür, was funktionieren kann, woran Konzepte scheitern, wie wichtig ein klares Profil ist – und dass am Ende oft nicht Größe oder Kapital entscheiden, sondern Haltung, Leidenschaft und die Nähe zur eigenen Szene.

Eine „geile Zeit“ – Rückblick mit Freude

Auffällig ist auch, wie ähnlich die Erinnerungen vieler Zeitzeugen klingen. In den Gesprächen über die damalige Zeit überwiegt fast immer ein positiver Blick zurück. Es geht um Entdeckungen, um prägende Erlebnisse, um das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Für viele Zeitzeugen – ob aktiv beteiligt oder als Kunden – war es rückblickend schlicht eine „tolle Zeit“, für manche sogar die beste ihres Lebens – nicht nur wegen der Musik, sondern wegen der Orte und der Menschen, die damit verbunden waren.

Mit dem Wandel der Musikindustrie haben sich auch diese Orte verändert oder sind ganz verschwunden. Doch ihre Bedeutung bleibt bestehen. Plattenläden sind mehr als ein Relikt vergangener Tage – sie sind ein Stück gelebte Alltagskultur, das bis heute nachwirkt.

Und vielleicht liegt genau darin auch ihre Zukunft. Denn trotz aller Digitalisierung zeigt sich: Das Bedürfnis nach physischen Orten, nach Austausch und nach einem bewussten Erleben von Musik ist nicht verschwunden. Die wenigen verbliebenen Läden knüpfen daran an – anders als früher, aber mit derselben Idee im Kern.

So betrachtet sind Plattenläden nicht nur Erinnerung, sondern auch ein leiser Gegenentwurf zur Gegenwart. Und vielleicht ist es genau das, was sie auch in Zukunft relevant halten wird.

Danke

Ein Projekt wie dieses ist ohne die Unterstützung vieler Menschen nicht möglich. Mein herzlicher Dank gilt allen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die ihre Erinnerungen, Geschichten und Eindrücke geteilt haben. Darunter waren nicht nur Kundinnen und Kunden, sondern auch ehemalige Betreiber und Mitarbeiter, die ihre Perspektiven eingebracht haben. Viele der hier zusammengetragenen Informationen wären ohne diese persönlichen Gespräche nicht erhalten geblieben.

Ebenso danke ich allen, die durch Hinweise, Dokumente oder Korrekturen zur Vervollständigung beigetragen haben – sei es im direkten Austausch oder über Kommentare. Gerade bei einem Thema, dessen Quellenlage oft lückenhaft ist, sind solche Beiträge von unschätzbarem Wert.

Nicht zuletzt gilt der Dank all denjenigen, die diese Orte einst geschaffen, geprägt und mit Leben gefüllt haben: den Betreiberinnen und Betreibern, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – und natürlich den Kundinnen und Kunden, die Bielefelds Plattenläden über Jahre hinweg zu dem gemacht haben, was sie waren.

Diese Dokumentation versteht sich daher nicht nur als Rückblick, sondern auch als gemeinsames Erinnerungsprojekt.

Bernd Szarkowski-Tegtmeier – Autor von mehrwissen.info

Über mehrwissen.info

Beiträge auf mehrwissen.info behandeln Geschichte, Technik, regionale Kultur und Partykultur. Inhalte basieren auf Recherche, beruflicher Technikexpertise sowie eigener Szenekenntnis und Zeitzeugengesprächen.

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