Bernd Szarkowski-Tegtmeier Blog

Der Wirt von Bielefeld

Bernd Szarkowski-Tegtmeier  27 February 2013 20:50:08
Ein geflügeltes Wort in den letzten beiden Jahrhunderten war der Ausspruch "Er geht mit wie der Wirt von Bielefeld" (oder auch "Hei geit met as de Wed van Bielefeld" ). Der eine oder andere wird diesen Satz schon einmal gehört haben. Aber was genau ist damit gemeint?

Er geht auf eine Sage zurück. Sagen haben immer Märchencharakter, unterscheiden sich von ihnen jedoch immer in einem wesentlichen Punkt: Sie sind ortsbezogen während Märchen ehr heimatlos sind. Und Sagen haben meist eine alleinstehende kurze Handlung und bestehen teilweise nur aus drei Sätzen. Es gibt z.B. eine Sage über die Entstehung des ersten Westfalen, der als kräftiger und ruppiger Zeitgenosse aus einem Erdklumpen entstand. Auf plattdeutsch gibt es auch eine Geschichte über den "Schmied von Bielefeld" und von den berühmten "Riesen auf dem Teutoburger Walde" hat man ja auch schon mal gehört.

Nun ist mir ein Buch in die Hände gefallen, aus dem ich die Geschichte vom Bielefelder Wirt einmal zitiere. Das Werk trägt den Titel "Sagen aus Rheinland und Westfalen" und ist 1902 als Jugendbuch erschienen. Deshalb ist es wohl auch auf hochdeutsch verfasst. Am Ende der Geschichte wird nicht nur der Sinn des Ausspruchs klar, sondern auch aufgelöst, in welchen anderen er sich heute verwandelt hat.


Der Wirt von Bielefeld

Einstmals zur Kriegszeit lagen bei einem Gastwirt zu Bielefeld vier Soldaten im Quartier, die des Nachts viele Geschäfte zu haben schienen und gewöhnlich erst mit grauendem Morgen heimkamen. Kurz, es waren vier Erzspitzbuben. Dies merkte der Wirt auch sehr bald. Weil er aber dabei wenig oder nichts zu gewinnen hoffte, wenn er sie anzeigte, so schwieg er und gab ihnen zu verstehen, daß sie von ihm durchaus nichts zu befürchten hätten. Jetzt wurden aber die uniformierten Diebe vertraulich und rückten dreist mit dem Anerbieten heraus, daß der Wirt, wenn er bei ihren nächtlichen Streifzügen als Schildwache dienen wollte, dafür den fünften Teil der Beute ungeschmälert empfangen sollte. Der verschmitzte Wirt antwortete, er wolle zwar mitgehen, allein angreifen wolle er nichts, nur wenn er etwas von ihnen geschenkt erhalte, wolle er es annehmen. Die Soldaten bewunderte die heuchlerische Gewissenhaftigkeit des Wirts, nannten ihn aber doch ihren guten Kameraden und brauchten ihn fortan als Aufpasser. Allein in einer Nacht ward die ganze Gesellschaft gefangen genommen und ihr der Prozeß gemacht. Der Wirt blieb stets vor Gericht dabei, er habe nie etwas gestohlen, sondern sei nur aus Gefälligkeit mitgegangen. Die Richter erwiderten hierauf nichts, allein als das Urteil gesprochen ward, da ward er ebensogut zum Galgen verurteilt wie die vier Soldaten. Alle fünf mußten nach dem Grundsatz: ,"Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen", baumeln. Seit der Zeit ist aber in Bielefeld ein Sprichwort Mode geworden, das lautet: "Er geht mit wie der Wirt von Bielefeld."

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