Bielefelder Notgeld, Hoffnung und Humor nach dem Ersten Weltkrieg
Beim Lesen alter Texte begegnet man manchmal nicht der Vergangenheit – sondern einer Zukunft, die nie eingetreten ist. Einen in dieser Hinsicht besonders bemerkenswerten Text stelle ich hier vor.
Ein Text aus der Zwischenzeit
Der hier zitierte Artikel entstand im Jahr 1921, wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Sein Autor blickt nicht zurück, sondern nach vorn: Er entwirft eine Zukunftsvision, angesiedelt im Jahr 2000, und nutzt sie als erzählerisches Mittel, um Hoffnung, Stolz, Wut und Humor in Worte zu fassen.
Gerade darin liegt die besondere Spannung dieses Textes. Denn wir lesen ihn heute mit dem Wissen um einen zweiten Weltkrieg, um weitere Entbehrungen und Brüche, die der Autor noch nicht erahnen konnte. Was als optimistischer Ausblick gedacht war, wird rückblickend zu einem eindrucksvollen Zeitdokument – und zu einem Zeugnis dafür, wie sehr Menschen nach extremen Erfahrungen nach Sinn, Ordnung und Zuversicht suchen.
Paul Hanke und die Idee des Bielefelder Notgelds
Der Text erschien 1921 in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Niedersachsen“ anlässlich des 700-jährigen Stadtjubiläums von Bielefeld. Verfasst wurde er von Paul Hanke, dem damaligen Direktor der Sparkasse Bielefeld und einem der geistigen Väter des berühmten Bielefelder Notgeldes.
Dieses Notgeld war weit mehr als ein Zahlungsmittel. Es war Träger von Geschichten, Bildern, Zahlen und Anekdoten – und bewusst als Gedächtnis der Stadt in Zeiten der Not angelegt.
Hinweise zum historischen Originaltext
Der nun folgende Text ist vollständig und wortgetreu aus der Originalveröffentlichung von 1921 übernommen. Rechtschreibung, Tonfall und Weltbild entsprechen ihrer Zeit. Lediglich ergänzende Hinweise, Abbildungen und Verlinkungen wurden hinzugefügt.
Besonders auffällig ist die Mischung aus:
- nüchternen Zahlen,
- lokalem Patriotismus,
- beißendem Humor,
- und einer erstaunlich detailreichen Zukunftsphantasie.
Der plattdeutsche Abschnitt stellt eine Abwandlung des Märchens „Dat Schmidken van Bielefeld“ dar („Der Schmied von Bielefeld“). Während der Schmied im Original einen Pakt mit dem Teufel schließt, dreht sich hier alles um das Bielefelder Notgeld – im Himmel und mit augenzwinkernder Botschaft an Sammler und Zeitgenossen. Eine vollständige Übersetzung ins Hochdeutsche befindet sich im Kapitel „Einordnung: Paul Hanke, das Notgeld und der Blick zurück“ weiter unten.
Nach dem Hauptartikel folgt ein Nachtrag des Autors, der weiter hinten im Heft abgedruckt war. Offenbar wollte Hanke noch einige zusätzliche Details für die Nachwelt festhalten.
Es empfiehlt sich, den gesamten Text langsam zu lesen. Viele Anspielungen erschließen sich erst beim zweiten Blick. Oft ist nicht sofort erkennbar, wo historische Tatsache endet und ironische Überzeichnung oder hoffnungsvolle Zukunftsvision beginnt.
Und genau darin liegt sein Reiz.
(mehr …)