Kategorie: Wirtschaft & Alltag

Diese Kategorie widmet sich wirtschaftlichen Strukturen und Aspekten des Alltagslebens in vergangenen Jahrzehnten. Dazu zählen unter anderem lokale Zahlungsmittel wie Notgeld, Versorgungsstrukturen, Konsumkultur und wirtschaftliche Umbruchsituationen.

Ziel ist es, wirtschaftsgeschichtliche Themen nicht isoliert, sondern im gesellschaftlichen Kontext darzustellen.

  • Sturheit gehört zum Westfalen – eine zeitlose Geschichte

    Sturheit gehört zum Westfalen – eine zeitlose Geschichte

    Wenn es eine Konstante im Jahreslauf der Medien gibt, dann ist es das Sommerloch. Es erscheint zuverlässig, dauert ein paar Wochen und erfüllt dabei eine erstaunlich wichtige Funktion: Es entschleunigt. Die Welt dreht sich langsamer, die Schlagzeilen werden kleiner, und plötzlich ist wieder Platz für das scheinbar Belanglose.

    Gerade in dieser Zeit habe ich eine besondere Schwäche für jene Texte, die man früher „Lückenfüller“ nannte. Meldungen ohne große Tragweite, aber mit Witz, Lokalkolorit oder einem Augenzwinkern. Ja, ich gebe es zu: Hin und wieder nehme ich dafür sogar noch Papier in die Hand – ganz bewusst oldschool.

    Der Begriff „Lückenfüller“ klingt abwertend, beschreibt aber ein völlig normales Phänomen des Zeitungsalltags. Wenn es an „wichtigen“ Nachrichten mangelt, rücken die kleinen Beobachtungen des Alltags in den Vordergrund. Und gerade im Sommerloch passiert das so regelmäßig, dass man diese Texte fast gezielt aufspüren kann. Mit einer gewissen Vorfreude, vielleicht sogar mit Argwohn. Denn sie erzählen oft mehr über Mentalität, Humor und Selbstbild einer Region als manche Leitartikel.

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  • Ledeburs Geschichte der Sparrenburg vor dem Turmbau 1842 – Eine Buchempfehlung

    Ledeburs Geschichte der Sparrenburg vor dem Turmbau 1842 – Eine Buchempfehlung

    Was lange währt, wird endlich gut. Über Monate hinweg war das bekannteste Wahrzeichen Bielefelds, der Turm der Sparrenburg, vollständig verhüllt. Selbst zum offiziellen 800-jährigen Stadtjubiläum im Rahmen des NRW-Tages 2014 blieb er aus baulichen Sicherheitsgründen verborgen. In diesen Tagen jedoch fallen die Hüllen – und damit ist ein guter Moment gekommen, den Blick zurück zu richten.

    Denn kurz vor dem Bau dieses Turms erschien ein Buch, das die Sparrenburg nicht aus heutiger Sicht beschreibt, sondern aus der Perspektive einer Zeit, in der sie noch kein romantisches Wahrzeichen, sondern ein geschichtliches Rätsel war.

    Das Buch - Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparrenberg
    Bild 1: Das Buch – Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparrenberg

    Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparenberg (1842)

    Meine Buchempfehlung ist die „Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparenberg“ des Historikers Leopold von Ledebur. Das Werk erschien im Jahr 1842, unmittelbar bevor mit dem Bau des heutigen Turms begonnen wurde. Der Turmbau selbst war auch der eigentliche Anlass für diese Niederschrift. Ledebur widmete das Buch seinem Onkel Ludwig von Ledebur anlässlich dessen fünfzigjährigen Dienstjubiläums im Militär. Ludwig hatte mehrere Jahre seines Lebens bei Verwandten im benachbarten Schildesche verbracht, was die regionale Verbundenheit des Autors zusätzlich unterstreicht.

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  • Eine Not-Goldmark aus Bielefeld und ihre Geschichte

    Eine Not-Goldmark aus Bielefeld und ihre Geschichte

    Meine Heimatstadt Bielefeld hat in der Vergangenheit eine bewegte Geschichte erlebt – und natürlich auch geschrieben. Aus der einstigen Hauptstadt der Grafschaft Ravensberg wurde im 19. Jahrhundert ein industrieller Standort, eine Hochburg des Handels und zeitweise sogar ein beliebtes Reiseziel. Die beiden Weltkriege trafen Bielefeld jedoch schwer und veränderten das Stadtbild nachhaltig.

    Aus all diesen Epochen sind immer wieder kleine Überbleibsel erhalten geblieben, die man auch heute noch entdecken kann – wenn man genau hinschaut.

    Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist eine Not-Goldmark-Medaille der Stadtsparkasse Bielefeld, die ab Ende 1923 in verschiedenen Materialausführungen als Spendenmedaille zugunsten der Bevölkerung des von Frankreich und Belgien besetzten Ruhrgebiets verkauft wurde. Es gibt sie in Messing, vergoldeter Bronze und – äußerst selten – auch aus massivem Silber. Mit einem Durchmesser von 31,75 mm ist sie deutlich größer als eine heutige 2-Euro-Münze.

    Die Not-Goldmark wurde 1923 als Reaktion auf die durch die Hyperinflation nahezu entwertete Papiermark eingeführt. Sie war fest an den US-Dollar gekoppelt und sollte so Vertrauen und Stabilität zurückbringen. Über das Bielefelder Notgeld im Allgemeinen habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich geschrieben.

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  • Der Wirt von Bielefeld – Was die Sage bedeutet

    Herkunft eines geflügelten Wortes

    Über fast zwei Jahrhunderte hinweg war in Bielefeld und darüber hinaus ein Ausspruch geläufig, der heute nur noch selten zu hören ist:

    „Er geht mit wie der Wirt von Bielefeld.“

    Im ostwestfälischen Plattdeutsch lautete er entsprechend: „Hei geit met as de Wed van Bielefeld.“

    Der Sinn dieses Sprichworts ist auch ohne nähere Erklärung bereits angedeutet: Gemeint ist jemand, der zwar behauptet, keine Verantwortung zu tragen, sich aber dennoch bereitwillig mitziehen lässt – bis zu dem Punkt, an dem es gefährlich wird. Doch wie so oft liegt hinter einem geflügelten Wort eine konkrete Geschichte.

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  • Bielefelder Notgeld – Eine Zukunftsvision aus dem Jahr 1921

    Bielefelder Notgeld – Eine Zukunftsvision aus dem Jahr 1921

    Bielefelder Notgeld, Hoffnung und Humor nach dem Ersten Weltkrieg

    Beim Lesen alter Texte begegnet man manchmal nicht der Vergangenheit – sondern einer Zukunft, die nie eingetreten ist. Einen in dieser Hinsicht besonders bemerkenswerten Text stelle ich hier vor.

    Ein Text aus der Zwischenzeit

    Der hier zitierte Artikel entstand im Jahr 1921, wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Sein Autor blickt nicht zurück, sondern nach vorn: Er entwirft eine Zukunftsvision, angesiedelt im Jahr 2000, und nutzt sie als erzählerisches Mittel, um Hoffnung, Stolz, Wut und Humor in Worte zu fassen.

    Gerade darin liegt die besondere Spannung dieses Textes. Denn wir lesen ihn heute mit dem Wissen um einen zweiten Weltkrieg, um weitere Entbehrungen und Brüche, die der Autor noch nicht erahnen konnte. Was als optimistischer Ausblick gedacht war, wird rückblickend zu einem eindrucksvollen Zeitdokument – und zu einem Zeugnis dafür, wie sehr Menschen nach extremen Erfahrungen nach Sinn, Ordnung und Zuversicht suchen.

    Paul Hanke und die Idee des Bielefelder Notgelds

    Der Text erschien 1921 in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Niedersachsen“ anlässlich des 700-jährigen Stadtjubiläums von Bielefeld. Verfasst wurde er von Paul Hanke, dem damaligen Direktor der Sparkasse Bielefeld und einem der geistigen Väter des berühmten Bielefelder Notgeldes.

    Dieses Notgeld war weit mehr als ein Zahlungsmittel. Es war Träger von Geschichten, Bildern, Zahlen und Anekdoten – und bewusst als Gedächtnis der Stadt in Zeiten der Not angelegt.

    Hinweise zum historischen Originaltext

    Der nun folgende Text ist vollständig und wortgetreu aus der Originalveröffentlichung von 1921 übernommen. Rechtschreibung, Tonfall und Weltbild entsprechen ihrer Zeit. Lediglich ergänzende Hinweise, Abbildungen und Verlinkungen wurden hinzugefügt.

    Besonders auffällig ist die Mischung aus:

    • nüchternen Zahlen,
    • lokalem Patriotismus,
    • beißendem Humor,
    • und einer erstaunlich detailreichen Zukunftsphantasie.

    Der plattdeutsche Abschnitt stellt eine Abwandlung des Märchens „Dat Schmidken van Bielefeld“ dar („Der Schmied von Bielefeld“). Während der Schmied im Original einen Pakt mit dem Teufel schließt, dreht sich hier alles um das Bielefelder Notgeld – im Himmel und mit augenzwinkernder Botschaft an Sammler und Zeitgenossen. Eine vollständige Übersetzung ins Hochdeutsche befindet sich im Kapitel „Einordnung: Paul Hanke, das Notgeld und der Blick zurück“ weiter unten.

    Nach dem Hauptartikel folgt ein Nachtrag des Autors, der weiter hinten im Heft abgedruckt war. Offenbar wollte Hanke noch einige zusätzliche Details für die Nachwelt festhalten.

    Es empfiehlt sich, den gesamten Text langsam zu lesen. Viele Anspielungen erschließen sich erst beim zweiten Blick. Oft ist nicht sofort erkennbar, wo historische Tatsache endet und ironische Überzeichnung oder hoffnungsvolle Zukunftsvision beginnt.

    Und genau darin liegt sein Reiz.

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  • Anweisung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm zur Ordnung der Kindstaufe in Bielefeld (1651)

    Anweisung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm zur Ordnung der Kindstaufe in Bielefeld (1651)

    Anlässlich einer Taufe habe ich kürzlich einen historischen Text vorgelesen, der mir wenige Tage zuvor eher zufällig begegnet war. Sein Thema: die Ordnung der Kindstaufe. Anlass und Quelle trafen sich dabei auf bemerkenswerte Weise.

    Der Text findet sich im dritten Teil der Ravensbergischen Merckwürdigkeiten, einer 1752 erschienenen Sammlung städtischer Urkunden, zusammengestellt von Ernst Albrecht Friedrich Culemann. Der Titel ist dabei wörtlich zu nehmen: „Merckwürdigkeiten“ meint Dinge, die es wert sind, erinnert zu werden. In dem Werk sind zahlreiche normative Texte aus der Geschichte Bielefelds überliefert, darunter auch eine ausführliche Anordnung aus dem Jahr 1651.

    Eine obrigkeitliche Ordnung nach dem Dreißigjährigen Krieg

    Konkret handelt es sich um eine auf kurfürstliche Anweisung hin bestätigte Ordnung für Bürgermeister und Rat der Stadt Bielefeld. Der Kurfürst war zu dieser Zeit Landesherr der Grafschaft Ravensberg und der Stadt eng verbunden. Drei Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges sah er offenbar erheblichen Regelungsbedarf.

    In der Einleitung benennt er sein Anliegen ungewöhnlich offen: Nach den „abgelauffenen Krieges-Zeiten“ hätten sich zahlreiche Missbräuche eingeschlichen. Er beklagt unchristliches Verhalten, Maßlosigkeit, übermäßige Gastmähler, Trinkgelage und kostspielige Feiern – insbesondere an Sonn- und Feiertagen sowie bei Verlobungen, Hochzeiten, Taufen und Begräbnissen. Ohne Korrektur, so seine Warnung, drohten göttlicher Zorn, wirtschaftlicher Schaden und gesellschaftlicher Verfall.

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  • Rundgang und Ausflüge in und um Bielefeld im Jahr 1919

    Ein bemerkenswertes Fundstück ist ein kleiner Stadtführer, den das „Öffentliche Verkehrsbureau“ der Stadt Bielefeld im Jahr 1919 herausgab. Die Behörde war damals in der Lützowstraße 18 ansässig, der heutigen Karl-Eilers-Straße, in direkter Nachbarschaft des Volkswacht-Gebäudes an der Arndtstraße. Gemeinsam mit der sogenannten Bielefelder Schreibstube – einer frühen Form des Copyshops – diente sie als erste Anlaufstelle für Fremde und Neuankömmlinge.

    Der „Kleine Führer durch Bielefeld“ ist weit mehr als eine bloße Orientierungshilfe. Er informiert über Geschichte und Sehenswürdigkeiten, empfiehlt Spaziergänge, Ausflüge und Gaststätten und lädt ganz selbstverständlich zum Einkaufsbummel ein. Vor allem aber eröffnet er einen unmittelbaren Blick auf das Bielefeld der unmittelbaren Nachkriegszeit: eine Stadt im Umbruch, geprägt von Traditionen, neuen Verkehrswegen und einem erstaunlich ausgeprägten touristischen Selbstbewusstsein.

    Besonders aufschlussreich sind der detailliert beschriebene Rundgang durch die Stadt sowie die Spaziergänge und Ausflüge in das nähere und weitere Umland. Viele der genannten Orte existieren bis heute, andere sind verschwunden, umbenannt oder haben ihre Funktion grundlegend verändert. Gerade diese Mischung aus Kontinuität und Verlust macht den Text so lesenswert.

    Ich habe die entsprechenden Abschnitte aus dem Stadtführer unverändert digitalisiert und lediglich durch sachliche Anmerkungen, heutige Straßennamen und Kartennachweise ergänzt. Die im Original enthaltenen Abbildungen sind nicht Teil der Textübertragung und werden separat mit Quellenangaben dokumentiert.

    Ich wünsche viel Freude bei der Lektüre – und, ganz im Sinne des Originals, auch beim eigenen Erkunden der Stadt und ihrer Umgebung.

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