Kategorie: Geschichte

Diese Kategorie versammelt Beiträge zur Regional-, Technik- und Alltagsgeschichte mit Schwerpunkt auf Ostwestfalen-Lippe. Im Mittelpunkt stehen historische Ereignisse, technische Entwicklungen und wirtschaftliche Zusammenhänge, die für die Region prägend waren.

Die Artikel basieren auf Quellenrecherche, zeitgenössischen Dokumenten und strukturierter Auswertung historischer Materialien. Ziel ist es, regionale Geschichte nachvollziehbar und langfristig auffindbar zu dokumentieren.

  • 200 Jahre Eisenbahn – sechs Außergewöhnliche Konstruktionen aus dem 19. Jahrhundert

    200 Jahre Eisenbahn – sechs Außergewöhnliche Konstruktionen aus dem 19. Jahrhundert

    Visionäre Bahnkonzepte zwischen technischem Fortschrittsglauben und praktischem Scheitern

    Die Eisenbahn und das Tempo des Fortschritts

    Technik verändert sich in rasantem Tempo. Was heute als bahnbrechende Innovation gilt, kann schon morgen überholt wirken oder vollständig verschwinden. Seit der Industrialisierung erleben wir diesen Wandel in immer kürzeren Zyklen: neue Ideen entstehen, setzen sich durch – oder scheitern – und machen Platz für die nächste Generation von Lösungen. Viele dieser scheinbar stabilen Standards entstanden jedoch nicht aus Planung, sondern als Reaktion auf Unfälle, Fehlschläge und technische Sackgassen, wie sie die frühe Eisenbahngeschichte immer wieder prägten. Nie zuvor standen so viele technische Möglichkeiten zur Verfügung wie heute, und doch scheint sich dieser Beschleunigungseffekt nicht überall gleichermaßen auszuwirken.

    Gerade bei der Eisenbahn wirkt der Fortschritt auf den ersten Blick erstaunlich beharrlich. Seit nunmehr rund 200 Jahren haben sich die grundlegenden Prinzipien kaum verändert. Das Rad-Schiene-System ist nach wie vor Standard, ebenso die Spurweite, die bereits George Stephenson 1825 bei der Eröffnung der Strecke zwischen Shildon, Darlington und Stockton-on-Tees nutzte. Auch bei Kupplungen, Fahrzeugkonzepten und Streckenführungen blieb vieles über Jahrzehnte – teils über ein Jahrhundert – nahezu unverändert. Große Teile des heutigen Netzes folgen noch immer Trassen, die im 19. Jahrhundert angelegt wurden.

    Gleichzeitig wäre es falsch, daraus eine völlige Innovationsarmut abzuleiten. Immer wieder gab es Versuche, die Eisenbahn grundlegend weiterzuentwickeln oder neu zu denken. Aktuelle Beispiele sind der Deutschlandtakt, der bestehende Netze neu organisiert, oder die Digitale Automatische Kupplung, die europaweit eingeführt werden soll. Beide Projekte zeigen exemplarisch, wie tiefgreifend Veränderungen im Eisenbahnsystem sind – und wie viel Zeit sie benötigen. Nachhaltigkeit, Effizienz und langfristige Planbarkeit stehen dabei im Vordergrund.

    Technisch wie kommerziell am bekanntesten ist jedoch die in Deutschland entwickelte Magnetschwebebahn. Ursprünglich als Alternative zum Rad-Schiene-System gedacht, blieb sie letztlich eine Nischenlösung. Heute existieren nur wenige Strecken weltweit, etwa in China, Japan oder Südkorea. Das derzeit prominenteste Projekt ist die im Bau befindliche Verbindung zwischen Tokio und Osaka, die Geschwindigkeiten von bis zu 505 km/h erreichen soll. Auch hier zeigt sich: selbst radikale Innovationen setzen sich nur unter ganz bestimmten Bedingungen durch.

    Die Uhren bei der Bahn ticken langsam

    Veränderungen gibt es also durchaus – doch ihr Takt ist langsam. Die Eisenbahn entwickelt sich in einem anderen Rhythmus als viele andere technische Systeme. Während sich die Welt in immer kürzeren Zyklen wandelt, stößt die Bahn immer wieder an ihre eigenen strukturellen Grenzen. Der weltweite Handlungsdruck wächst, viele Reformen gelten als überfällig. Fehlentscheidungen und Misswirtschaft, insbesondere in Deutschland, sollen hier bewusst ausgeklammert bleiben. Entscheidend ist vielmehr die grundsätzliche Trägheit eines Systems, dessen Stärke zugleich seine größte Hürde ist.

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  • Das TeKaDe B72: Mobiltelefon des öffentlichen beweglichen Landfunks (A-Netz) der 1960er Jahre

    Das TeKaDe B72: Mobiltelefon des öffentlichen beweglichen Landfunks (A-Netz) der 1960er Jahre

    Das TeKaDe B72 gehört zu den frühesten Mobiltelefonen der Bundesrepublik Deutschland. Es wurde in den 1960er Jahren im öffentlichen beweglichen Landfunk (öbL), dem späteren A-Netz der Deutschen Bundespost, eingesetzt – etwa in Autos, Zügen und Schiffen. Heute sind erhaltene Exemplare selten. Manche verschwanden wegen geringer Produktionszahlen, andere, weil sie nie als dekorative Sammlerstücke galten. Auf das B72 trifft beides zu.

    Zugegeben in einer Telefonsammlung wirkt es eher sperrig. Es besteht aus drei Teilen und hat den Charme eines Schaltschranks. Der Receiver allein wiegt 13,8 kg, das Bediengerät 2,4 kg und der gesonderte Selektiv-Rufsatz (dazu später mehr) nochmal 3,2 kg. Damit ist es kein wirkliches „Handy“, sondern ein drahtloses Telefon, das in den 1960er Jahren in PKWs, auf Schiffen und in Zügen eingebaut wurde.

    Das TeKaDe B72 in privater Nutzung

    Gebaut wurde das B72 für den öffentlichen beweglichen Landfunk („öbL“), der 1955 seinen Ursprung im Zugfunk hatte und 1958 schließlich bei der Deutschen Bundespost in Westdeutschland eingeführt und dort für Endkunden angeboten wurde. Es gab eine Reihe Hersteller, die passende Telefone anboten; darunter BBC, Becker, Bosch, Hagenuk, SEL, Siemens, Telefunken und eben auch TeKaDe. Das B72 war aufgrund seiner relativ geringen Anschaffungskosten von 5300 DM zzgl. 68 DM für jeden bestückten Funkkanal das am weitesten verbreitete. Allerdings kostete es damit immer noch mehr als so manches Auto. Bei anderen Herstellern musste man jedoch teilweise das Dreifache berappen.

    Das hier vorgestellte Gerät

    Mein Exemplar bekam ich nach meinen Recherchen aus zweiter Hand, allerdings direkt vom letzten Benutzer des Geräts. Irgendwann Mitte der 1980er Jahre hatte ich es das erste Mal in Augenschein genommen. Es gehörte einem guten Bekannten von mir, der es 1964 oder 1965 vermutlich als Gebrauchtgerät angeschafft hatte. In dieser Zeit entdeckte er Abbaugebiete für Gestein in der Gegend um Bielefeld, die er fördern wollte. Ein für die Unternehmensgründung notwendiger Telefonanschluss scheiterte jedoch zunächst daran, dass die weit abgelegene Grube nicht von der Deutschen Bundespost erschlossen war. Durch die Versorgung der Bahnstrecke Hamm-Hannover mit Sendemasten des öbL konnte man in Bielefeld jedoch schon mobil telefonieren. Hier war die zentrale Funkstation auf dem Fernsehturm „Hünenburg“ angebracht. Also schaffte er gleich zwei B72 an und war damit telefonisch bestens erreichbar. Allerdings nutzte er sie nur ein oder zwei Jahre, da die Kupferleitung sein Grundstück früher als erwartet erreichte und die teuren Geräte überflüssig machte.

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  • Eisenbahnunglück von Avenwedde 1851 – Ein Unfall mit weitreichenden Folgen

    Eisenbahnunglück von Avenwedde 1851 – Ein Unfall mit weitreichenden Folgen

    Wie ein Zugunfall den Lokomotivbau, die Eisenbahnsicherheit und die Erinnerungskultur in Preußen veränderte

    Das Eisenbahnunglück von Avenwedde 1851

    Das Eisenbahnunglück von Avenwedde am 21. Januar 1851 war das bis dahin schwerste Zugunglück in Deutschland. Drei Menschen kamen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt, und mit Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen befand sich ein direkter Thronfolger im verunglückten Zug. Das Ereignis erregte landesweit Aufmerksamkeit – nicht nur wegen der prominenten Beteiligung, sondern vor allem wegen seiner weitreichenden technischen Folgen.

    Ein Unfall von nationaler Bedeutung

    Der Unfall ereignete sich auf der Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft zwischen Bielefeld und Gütersloh, im Bereich des heutigen Bahnhofs Isselhorst-Avenwedde. Eine entgleiste Dampflokomotive riss mehrere Wagen mit sich und ließ sie vom Bahndamm stürzen. Während die zeitgenössische Berichterstattung sich rasch auf die wundersame Rettung des Prinzen konzentrierte, gerieten die eigentlichen Ursachen und Konsequenzen des Unglücks zunächst in den Hintergrund.

    Technischer Wendepunkt und verdrängte Ursachen

    Dabei markiert der Eisenbahnunfall von Avenwedde einen technischen Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Lokomotivbaus. Die Entgleisung führte zu einer systematischen Neubewertung von Konstruktion, Achsfolgen und Sicherheitsstandards im Eisenbahnbetrieb Preußens. Erstmals wurde nicht nur ein einzelner Defekt untersucht, sondern die Bauart ganzer Lokomotivtypen infrage gestellt.

    Industrialisierung zwischen Fortschrittsglauben und Risiko

    Der Unfall steht damit exemplarisch für die Ambivalenz der frühen Industrialisierung: technischen Fortschritt, getragen von Optimismus und Leistungsdrang – und die schmerzhaften Lernprozesse, die oft erst durch Katastrophen ausgelöst wurden.

    Die Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft und die frühe Industrialisierung

    Die noch junge Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft, kurz CME, war der Betreiber der Strecke, auf der der Unfall passierte. Sie verband mit ihrem Schienenstrang zwischen eben diesen Städten den Rhein in Köln mit der Weser in Minden. Dabei profitierten auch viele Städte an der Strecke, die mit einem Bahnhof bedacht wurden. Mit dabei waren von Anfang an Bielefeld und Gütersloh, zwischen denen zunächst kein weiterer Bahnhof lag, doch führte die Strecke dazwischen damals wie heute über Avenwedde.

    Friedrich Harkort, Visionen und technischer Optimismus

    Die CME war als Aktiengesellschaft das Resultat von Bestrebungen verschiedener Visionäre und Funktionäre. Maßgeblich getrieben von Friedrich Harkort wurde sie 1843 gegründet und verfügte ab 1847 über die gesamte angestrebte Streckenführung. Bielefeld, Gütersloh und damit auch Avenwedde liegen am neuesten Teilstück der Strecke.

    Harkorts Rolle selbst war nur die des Initiators; als Unternehmer hatte er bezüglich der Eisenbahn seine eigenen Interessen im Blick und war daher später nicht selbst an der Eisenbahngesellschaft beteiligt.

    Dieser technische Optimismus war kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Denkens, das die frühe Industrialisierung prägte. Er legte bereits 1833, also vor Eröffnung der ersten Eisenbahn in Deutschland überhaupt, grundlegende Berechnungen und beispielhafte Vorteile in seiner Denkschrift „Die Eisenbahn von Minden nach Cöln“ vor und brachte damit viele fürsprechende Argumente auf Papier. Dabei schreckte er auch nicht vor sehr weitreichenden Herleitungen zurück.

    Vorteile der Regionen an der Strecke am Beispiel Bielefeld

    Für Bielefeld sah er beispielsweise außer dem allgemeinen wirtschaftlichen Vorteil und der möglichen Versorgung mit Kohle aus dem Ruhrgebiet auch eine Verbesserung der Wasserversorgung bei den Bleichen. Durch die Erdarbeiten am Pass des Teutoburger Waldes sollte es zu einer „Senkung der Wasserscheide“ kommen und dadurch würden die Quellen freier fließen. Vielleicht braucht es manchmal solch einen Übereifer.

    Technischer Fortschritt als Heilsversprechen

    Friedrich Harkort war ein zielstrebiger Techniker und zugleich ein belesener Intellektueller mit guten Beziehungen. Und er verdeutlichte dies gleich zu Anfang in seinem oben genannten Buch mit einem Zitat von Charles Babbage im originalen Englischen Wortlaut.

    „It may possibly be found that the dominion of mind over the material world advances with an ever-accelerating force.“

    Charles Babbage

    Das Zitat stammt aus Babbages Werk On the Economy of Machinery and Manufactures von 1832.

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  • Sturheit gehört zum Westfalen – eine zeitlose Geschichte

    Sturheit gehört zum Westfalen – eine zeitlose Geschichte

    Wenn es eine Konstante im Jahreslauf der Medien gibt, dann ist es das Sommerloch. Es erscheint zuverlässig, dauert ein paar Wochen und erfüllt dabei eine erstaunlich wichtige Funktion: Es entschleunigt. Die Welt dreht sich langsamer, die Schlagzeilen werden kleiner, und plötzlich ist wieder Platz für das scheinbar Belanglose.

    Gerade in dieser Zeit habe ich eine besondere Schwäche für jene Texte, die man früher „Lückenfüller“ nannte. Meldungen ohne große Tragweite, aber mit Witz, Lokalkolorit oder einem Augenzwinkern. Ja, ich gebe es zu: Hin und wieder nehme ich dafür sogar noch Papier in die Hand – ganz bewusst oldschool.

    Der Begriff „Lückenfüller“ klingt abwertend, beschreibt aber ein völlig normales Phänomen des Zeitungsalltags. Wenn es an „wichtigen“ Nachrichten mangelt, rücken die kleinen Beobachtungen des Alltags in den Vordergrund. Und gerade im Sommerloch passiert das so regelmäßig, dass man diese Texte fast gezielt aufspüren kann. Mit einer gewissen Vorfreude, vielleicht sogar mit Argwohn. Denn sie erzählen oft mehr über Mentalität, Humor und Selbstbild einer Region als manche Leitartikel.

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  • Ledeburs Geschichte der Sparrenburg vor dem Turmbau 1842 – Eine Buchempfehlung

    Ledeburs Geschichte der Sparrenburg vor dem Turmbau 1842 – Eine Buchempfehlung

    Was lange währt, wird endlich gut. Über Monate hinweg war das bekannteste Wahrzeichen Bielefelds, der Turm der Sparrenburg, vollständig verhüllt. Selbst zum offiziellen 800-jährigen Stadtjubiläum im Rahmen des NRW-Tages 2014 blieb er aus baulichen Sicherheitsgründen verborgen. In diesen Tagen jedoch fallen die Hüllen – und damit ist ein guter Moment gekommen, den Blick zurück zu richten.

    Denn kurz vor dem Bau dieses Turms erschien ein Buch, das die Sparrenburg nicht aus heutiger Sicht beschreibt, sondern aus der Perspektive einer Zeit, in der sie noch kein romantisches Wahrzeichen, sondern ein geschichtliches Rätsel war.

    Das Buch - Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparrenberg
    Bild 1: Das Buch – Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparrenberg

    Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparenberg (1842)

    Meine Buchempfehlung ist die „Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparenberg“ des Historikers Leopold von Ledebur. Das Werk erschien im Jahr 1842, unmittelbar bevor mit dem Bau des heutigen Turms begonnen wurde. Der Turmbau selbst war auch der eigentliche Anlass für diese Niederschrift. Ledebur widmete das Buch seinem Onkel Ludwig von Ledebur anlässlich dessen fünfzigjährigen Dienstjubiläums im Militär. Ludwig hatte mehrere Jahre seines Lebens bei Verwandten im benachbarten Schildesche verbracht, was die regionale Verbundenheit des Autors zusätzlich unterstreicht.

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  • Eine Not-Goldmark aus Bielefeld und ihre Geschichte

    Eine Not-Goldmark aus Bielefeld und ihre Geschichte

    Meine Heimatstadt Bielefeld hat in der Vergangenheit eine bewegte Geschichte erlebt – und natürlich auch geschrieben. Aus der einstigen Hauptstadt der Grafschaft Ravensberg wurde im 19. Jahrhundert ein industrieller Standort, eine Hochburg des Handels und zeitweise sogar ein beliebtes Reiseziel. Die beiden Weltkriege trafen Bielefeld jedoch schwer und veränderten das Stadtbild nachhaltig.

    Aus all diesen Epochen sind immer wieder kleine Überbleibsel erhalten geblieben, die man auch heute noch entdecken kann – wenn man genau hinschaut.

    Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist eine Not-Goldmark-Medaille der Stadtsparkasse Bielefeld, die ab Ende 1923 in verschiedenen Materialausführungen als Spendenmedaille zugunsten der Bevölkerung des von Frankreich und Belgien besetzten Ruhrgebiets verkauft wurde. Es gibt sie in Messing, vergoldeter Bronze und – äußerst selten – auch aus massivem Silber. Mit einem Durchmesser von 31,75 mm ist sie deutlich größer als eine heutige 2-Euro-Münze.

    Die Not-Goldmark wurde 1923 als Reaktion auf die durch die Hyperinflation nahezu entwertete Papiermark eingeführt. Sie war fest an den US-Dollar gekoppelt und sollte so Vertrauen und Stabilität zurückbringen. Über das Bielefelder Notgeld im Allgemeinen habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich geschrieben.

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  • Der Wirt von Bielefeld – Was die Sage bedeutet

    Herkunft eines geflügelten Wortes

    Über fast zwei Jahrhunderte hinweg war in Bielefeld und darüber hinaus ein Ausspruch geläufig, der heute nur noch selten zu hören ist:

    „Er geht mit wie der Wirt von Bielefeld.“

    Im ostwestfälischen Plattdeutsch lautete er entsprechend: „Hei geit met as de Wed van Bielefeld.“

    Der Sinn dieses Sprichworts ist auch ohne nähere Erklärung bereits angedeutet: Gemeint ist jemand, der zwar behauptet, keine Verantwortung zu tragen, sich aber dennoch bereitwillig mitziehen lässt – bis zu dem Punkt, an dem es gefährlich wird. Doch wie so oft liegt hinter einem geflügelten Wort eine konkrete Geschichte.

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  • Bielefelder Notgeld – Eine Zukunftsvision aus dem Jahr 1921

    Bielefelder Notgeld – Eine Zukunftsvision aus dem Jahr 1921

    Bielefelder Notgeld, Hoffnung und Humor nach dem Ersten Weltkrieg

    Beim Lesen alter Texte begegnet man manchmal nicht der Vergangenheit – sondern einer Zukunft, die nie eingetreten ist. Einen in dieser Hinsicht besonders bemerkenswerten Text stelle ich hier vor.

    Ein Text aus der Zwischenzeit

    Der hier zitierte Artikel entstand im Jahr 1921, wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Sein Autor blickt nicht zurück, sondern nach vorn: Er entwirft eine Zukunftsvision, angesiedelt im Jahr 2000, und nutzt sie als erzählerisches Mittel, um Hoffnung, Stolz, Wut und Humor in Worte zu fassen.

    Gerade darin liegt die besondere Spannung dieses Textes. Denn wir lesen ihn heute mit dem Wissen um einen zweiten Weltkrieg, um weitere Entbehrungen und Brüche, die der Autor noch nicht erahnen konnte. Was als optimistischer Ausblick gedacht war, wird rückblickend zu einem eindrucksvollen Zeitdokument – und zu einem Zeugnis dafür, wie sehr Menschen nach extremen Erfahrungen nach Sinn, Ordnung und Zuversicht suchen.

    Paul Hanke und die Idee des Bielefelder Notgelds

    Der Text erschien 1921 in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Niedersachsen“ anlässlich des 700-jährigen Stadtjubiläums von Bielefeld. Verfasst wurde er von Paul Hanke, dem damaligen Direktor der Sparkasse Bielefeld und einem der geistigen Väter des berühmten Bielefelder Notgeldes.

    Dieses Notgeld war weit mehr als ein Zahlungsmittel. Es war Träger von Geschichten, Bildern, Zahlen und Anekdoten – und bewusst als Gedächtnis der Stadt in Zeiten der Not angelegt.

    Hinweise zum historischen Originaltext

    Der nun folgende Text ist vollständig und wortgetreu aus der Originalveröffentlichung von 1921 übernommen. Rechtschreibung, Tonfall und Weltbild entsprechen ihrer Zeit. Lediglich ergänzende Hinweise, Abbildungen und Verlinkungen wurden hinzugefügt.

    Besonders auffällig ist die Mischung aus:

    • nüchternen Zahlen,
    • lokalem Patriotismus,
    • beißendem Humor,
    • und einer erstaunlich detailreichen Zukunftsphantasie.

    Der plattdeutsche Abschnitt stellt eine Abwandlung des Märchens „Dat Schmidken van Bielefeld“ dar („Der Schmied von Bielefeld“). Während der Schmied im Original einen Pakt mit dem Teufel schließt, dreht sich hier alles um das Bielefelder Notgeld – im Himmel und mit augenzwinkernder Botschaft an Sammler und Zeitgenossen. Eine vollständige Übersetzung ins Hochdeutsche befindet sich im Kapitel „Einordnung: Paul Hanke, das Notgeld und der Blick zurück“ weiter unten.

    Nach dem Hauptartikel folgt ein Nachtrag des Autors, der weiter hinten im Heft abgedruckt war. Offenbar wollte Hanke noch einige zusätzliche Details für die Nachwelt festhalten.

    Es empfiehlt sich, den gesamten Text langsam zu lesen. Viele Anspielungen erschließen sich erst beim zweiten Blick. Oft ist nicht sofort erkennbar, wo historische Tatsache endet und ironische Überzeichnung oder hoffnungsvolle Zukunftsvision beginnt.

    Und genau darin liegt sein Reiz.

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  • Anweisung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm zur Ordnung der Kindstaufe in Bielefeld (1651)

    Anweisung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm zur Ordnung der Kindstaufe in Bielefeld (1651)

    Anlässlich einer Taufe habe ich kürzlich einen historischen Text vorgelesen, der mir wenige Tage zuvor eher zufällig begegnet war. Sein Thema: die Ordnung der Kindstaufe. Anlass und Quelle trafen sich dabei auf bemerkenswerte Weise.

    Der Text findet sich im dritten Teil der Ravensbergischen Merckwürdigkeiten, einer 1752 erschienenen Sammlung städtischer Urkunden, zusammengestellt von Ernst Albrecht Friedrich Culemann. Der Titel ist dabei wörtlich zu nehmen: „Merckwürdigkeiten“ meint Dinge, die es wert sind, erinnert zu werden. In dem Werk sind zahlreiche normative Texte aus der Geschichte Bielefelds überliefert, darunter auch eine ausführliche Anordnung aus dem Jahr 1651.

    Eine obrigkeitliche Ordnung nach dem Dreißigjährigen Krieg

    Konkret handelt es sich um eine auf kurfürstliche Anweisung hin bestätigte Ordnung für Bürgermeister und Rat der Stadt Bielefeld. Der Kurfürst war zu dieser Zeit Landesherr der Grafschaft Ravensberg und der Stadt eng verbunden. Drei Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges sah er offenbar erheblichen Regelungsbedarf.

    In der Einleitung benennt er sein Anliegen ungewöhnlich offen: Nach den „abgelauffenen Krieges-Zeiten“ hätten sich zahlreiche Missbräuche eingeschlichen. Er beklagt unchristliches Verhalten, Maßlosigkeit, übermäßige Gastmähler, Trinkgelage und kostspielige Feiern – insbesondere an Sonn- und Feiertagen sowie bei Verlobungen, Hochzeiten, Taufen und Begräbnissen. Ohne Korrektur, so seine Warnung, drohten göttlicher Zorn, wirtschaftlicher Schaden und gesellschaftlicher Verfall.

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  • Rundgang und Ausflüge in und um Bielefeld im Jahr 1919

    Ein bemerkenswertes Fundstück ist ein kleiner Stadtführer, den das „Öffentliche Verkehrsbureau“ der Stadt Bielefeld im Jahr 1919 herausgab. Die Behörde war damals in der Lützowstraße 18 ansässig, der heutigen Karl-Eilers-Straße, in direkter Nachbarschaft des Volkswacht-Gebäudes an der Arndtstraße. Gemeinsam mit der sogenannten Bielefelder Schreibstube – einer frühen Form des Copyshops – diente sie als erste Anlaufstelle für Fremde und Neuankömmlinge.

    Der „Kleine Führer durch Bielefeld“ ist weit mehr als eine bloße Orientierungshilfe. Er informiert über Geschichte und Sehenswürdigkeiten, empfiehlt Spaziergänge, Ausflüge und Gaststätten und lädt ganz selbstverständlich zum Einkaufsbummel ein. Vor allem aber eröffnet er einen unmittelbaren Blick auf das Bielefeld der unmittelbaren Nachkriegszeit: eine Stadt im Umbruch, geprägt von Traditionen, neuen Verkehrswegen und einem erstaunlich ausgeprägten touristischen Selbstbewusstsein.

    Besonders aufschlussreich sind der detailliert beschriebene Rundgang durch die Stadt sowie die Spaziergänge und Ausflüge in das nähere und weitere Umland. Viele der genannten Orte existieren bis heute, andere sind verschwunden, umbenannt oder haben ihre Funktion grundlegend verändert. Gerade diese Mischung aus Kontinuität und Verlust macht den Text so lesenswert.

    Ich habe die entsprechenden Abschnitte aus dem Stadtführer unverändert digitalisiert und lediglich durch sachliche Anmerkungen, heutige Straßennamen und Kartennachweise ergänzt. Die im Original enthaltenen Abbildungen sind nicht Teil der Textübertragung und werden separat mit Quellenangaben dokumentiert.

    Ich wünsche viel Freude bei der Lektüre – und, ganz im Sinne des Originals, auch beim eigenen Erkunden der Stadt und ihrer Umgebung.

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