Wie ein Zugunfall den Lokomotivbau, die Eisenbahnsicherheit und die Erinnerungskultur in Preußen veränderte
Das Eisenbahnunglück von Avenwedde 1851
Das Eisenbahnunglück von Avenwedde am 21. Januar 1851 war das bis dahin schwerste Zugunglück in Deutschland. Drei Menschen kamen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt, und mit Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen befand sich ein direkter Thronfolger im verunglückten Zug. Das Ereignis erregte landesweit Aufmerksamkeit – nicht nur wegen der prominenten Beteiligung, sondern vor allem wegen seiner weitreichenden technischen Folgen.
Ein Unfall von nationaler Bedeutung
Der Unfall ereignete sich auf der Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft zwischen Bielefeld und Gütersloh, im Bereich des heutigen Isselhorst-Avenwedde. Eine entgleiste Dampflokomotive riss mehrere Wagen mit sich und ließ sie vom Bahndamm stürzen. Während die zeitgenössische Berichterstattung sich rasch auf die wundersame Rettung des Kronprinzen konzentrierte, gerieten die eigentlichen Ursachen und Konsequenzen des Unglücks zunächst in den Hintergrund.
Technischer Wendepunkt und verdrängte Ursachen
Dabei markiert der Eisenbahnunfall von Avenwedde einen technischen Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Lokomotivbaus. Die Entgleisung führte zu einer systematischen Neubewertung von Konstruktion, Achsfolgen und Sicherheitsstandards im Eisenbahnbetrieb Preußens. Erstmals wurde nicht nur ein einzelner Defekt untersucht, sondern die Bauart ganzer Lokomotivtypen infrage gestellt.
Industrialisierung zwischen Fortschrittsglauben und Risiko
Der Unfall steht damit exemplarisch für die Ambivalenz der frühen Industrialisierung: technischen Fortschritt, getragen von Optimismus und Leistungsdrang – und die schmerzhaften Lernprozesse, die oft erst durch Katastrophen ausgelöst wurden.
Die Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft und die frühe Industrialisierung
Die noch junge Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft, kurz CME, war der Betreiber der Strecke, auf der der Unfall passierte. Sie verband mit ihrem Schienenstrang zwischen eben diesen Städten den Rhein in Köln mit der Weser in Minden. Dabei profitierten auch viele Städte an der Strecke, die mit einem Bahnhof bedacht wurden. Mit dabei waren von Anfang an Bielefeld und Gütersloh, zwischen denen zunächst kein weiterer Bahnhof lag, doch führte die Strecke dazwischen damals wie heute über Avenwedde.
Friedrich Harkort, Visionen und technischer Optimismus
Die CME war als Aktiengesellschaft das Resultat von Bestrebungen verschiedener Visionäre und Funktionäre. Maßgeblich getrieben von Friedrich Harkort wurde sie 1843 gegründet und verfügte ab 1847 über die gesamte angestrebte Streckenführung. Bielefeld, Gütersloh und damit auch Avenwedde liegen am neuesten Teilstück der Strecke.
Harkorts Rolle selbst war nur die des Initiators; als Unternehmer hatte er bezüglich der Eisenbahn seine eigenen Interessen im Blick und war daher später nicht selbst an der Eisenbahngesellschaft beteiligt.
Dieser technische Optimismus war kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Denkens, das die frühe Industrialisierung prägte. Er legte bereits 1833, also vor Eröffnung der ersten Eisenbahn in Deutschland überhaupt, grundlegende Berechnungen und beispielhafte Vorteile in seiner Denkschrift „Die Eisenbahn von Minden nach Cöln“ vor und brachte damit viele fürsprechende Argumente auf Papier. Dabei schreckte er auch nicht vor sehr weitreichenden Herleitungen zurück.
Vorteile der Regionen an der Strecke am Beispiel Bielefeld
Für Bielefeld sah er beispielsweise außer dem allgemeinen wirtschaftlichen Vorteil und der möglichen Versorgung mit Kohle aus dem Ruhrgebiet auch eine Verbesserung der Wasserversorgung bei den Bleichen. Durch die Erdarbeiten am Pass des Teutoburger Waldes sollte es zu einer „Senkung der Wasserscheide“ kommen und dadurch würden die Quellen freier fließen. Vielleicht braucht es manchmal solch einen Übereifer.
Technischer Fortschritt als Heilsversprechen
Friedrich Harkort war ein zielstrebiger Techniker und zugleich ein belesener Intellektueller mit guten Beziehungen. Und er verdeutlichte dies gleich zu Anfang in seinem oben genannten Buch mit einem Zitat von Charles Babbage im originalen Englischen Wortlaut.
„It may possibly be found that the dominion of mind over the material world advances with an ever-accelerating force.“
Charles Babbage
Das Zitat stammt aus Babbages Werk On the Economy of Machinery and Manufactures von 1832.
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