The Sisters of Mercy im PC69 Bielefeld (1985) – Das legendäre Bootleg „The Last Time Around“

40 Jahre später – warum dieser Abend im PC69 bis heute nachhallt

Vor wenigen Tagen jährte sich ein besonderes Ereignis zum 40. Mal: der Auftritt von The Sisters of Mercy im PC69 in Bielefeld am 21. April 1985. Eigentlich war geplant, diesen Text pünktlich zum Jubiläum zu veröffentlichen. Das hat nicht ganz geklappt. Dafür habe ich die Zeit genutzt, den Blog technisch zu erneuern – und nach über zehn Jahren Schreibpause meine publizistische Arbeit wieder aufzunehmen. In dieser Zeit hat sich einiges angesammelt, thematisch wie inhaltlich.

Dieser Text widmet sich einem legendären Konzert und einer ebenso legendären Aufnahme, die als Bootleg unter dem Titel „The Last Time Around“ bis heute in Sammlerkreisen kursiert. Warum gerade dieses Bootleg eine besondere Stellung einnimmt, erkläre ich anhand eines kleinen LP-Reviews – ergänzt um den notwendigen historischen und lokalen Kontext.

21. April 1985: The Sisters of Mercy live im PC69 Bielefeld

Von langer Hand geplant tauchten The Sisters of Mercy bereits auf dem Eröffnungsflyer des PC69 auf. Am 21. April 1985 betraten Andrew Eldritch, Wayne Hussey und Craig Adams die Bühne der noch jungen Diskothek. Ein Bandmitglied hatte die Gruppe kurz zuvor verlassen: Gary Marx war am 2. April 1985 ausgestiegen.

The Sisters of Mercy auf dem Eröffnungsflyer des PC69 – lange vor dem Konzert am 21. April 1985.
The Sisters of Mercy auf dem Eröffnungsflyer des PC69 – lange vor dem Konzert am 21. April 1985.

Mit dabei war jedoch weiterhin das – zumindest offiziell – vierte Bandmitglied: Dr. Avalanche, so nannte Eldritch seinen Drumcomputer, einen Boss DR-55 „Doctor Rhythm“ mit Mono-Ausgang. Ein Detail, das für den späteren Mythos dieses Konzerts nicht ganz unwichtig werden sollte.

Eintrittskarte des Konzerts am 21.04.1985 im PC69
Eintrittskarte des Konzerts am 21.04.1985 im PC69

Armageddon ’85 und das Debütalbum

Erst am 11. März 1985 war ihr erster Longplayer First and Last and Always veröffentlicht worden und die Europatour Armageddon ’85 stand noch ganz am Anfang. Mit dieser LP hatten The Sisters of Mercy ihr – später so bezeichnetes – Genre, den Goth Rock, weltweit etabliert, auch wenn die Band selbst diese Zuordnung stets ablehnte. Vor allem Andrew Eldritch identifizierte sich nie mit dem Begriff „Goth“.

Tourposter der Armageddon '85
Tourposter der Armageddon ’85

Spannungen innerhalb der Band

Andrew Eldritch, Mastermind und Frontmann der Band, galt bereits in den frühen 1980ern als Perfektionist. Geprägt von düsteren Klängen, post-punkigen Elementen und seiner markanten Stimme, war Eldritch der unbestrittene Kopf der Band. Doch die Arbeit an First and Last and Always war alles andere als reibungslos.

Zwischen Eldritch und dem Gitarristen Wayne Hussey (vormals Dead or Alive) entbrannten immer wieder kreative Differenzen. Eldritch strebte nach einem düsteren, minimalistischeren Sound, während Hussey mehr melodische und bombastische Elemente einbringen wollte. Die Situation auf der Bühne war also – mindestens – angespannt.

Eldritch war – und ist – geradlinig und streitbar und so kam wie es kommen musste. Die Spannungen führten schließlich zum besagten Ausstieg von Gary Marx. Kurz nach dem Konzert im PC69 verließen auch Wayne Hussey und Craig Adams die Band, um später The Mission zu gründen. Dazu später mehr.

Der Moment, wenn das einzige Bandmitglied, das dich nicht verlässt, ein Drumcomputer mit Mono-Ausgang ist.

Das PC69 als Klangraum: Warum dieser Mitschnitt so besonders ist

Das Konzert im PC69 gehört damit zu den wenigen Auftritten, bei denen noch ein Großteil der ursprünglichen Formation gemeinsam auf der Bühne stand. Dass dieser Abend bis heute dokumentiert ist, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass im PC69 offenbar ein Tonband mitlief.

Hinzu kam die für damalige Verhältnisse außergewöhnlich gute Akustik der Halle. Das PC69 war zu diesem Zeitpunkt noch kein Jahr alt, und man experimentierte intensiv mit Klangoptimierung. Besonders markant waren die silbernen Tonnen, die unter der Decke hingen – sogenannte Hochtonfallen, die Reflexionen und Echos reduzierten. In langen, symmetrischen Betonräumen können hohe Frequenzen schnell unangenehm werden, was sich etwa bei frühen Platten der Sisters oder von Einstürzende Neubauten gut nachvollziehen lässt.

Diese akustischen Maßnahmen, zusammen mit weiteren baulichen Feinjustierungen, prägten den charakteristischen Sound des PC69 – und genau dieser ist auf dem Bootleg deutlich zu hören.

Die Vinyl-Version ist in Multicoloured-Vinyl ausgeführt und ist ein begehrtes Sammlerstück. Hier zusammen mit einer Eintrittskarte
Die Vinyl-Version ist in Multicoloured-Vinyl ausgeführt und ist ein begehrtes Sammlerstück. Hier zusammen mit einer Eintrittskarte

„The Last Time Around“ – Entstehung und Veröffentlichung des Bootlegs

Die Aufnahme ist in Bielefelder Musikläden bereits einige Tage nach dem Konzert „unterm Ladentisch“ auf Cassette angeboten worden. 1987 wurde sie dann inoffiziell als Bootleg unter dem Namen The Last Time Around auf Vinyl und auf CD veröffentlicht.

Der Titel – frei übersetzt „Die letzte Runde“ – hätte kaum treffender gewählt werden können, betrachtet man die damalige Situation der Band. Es existieren jeweils zwei verschiedene Vinyl- und zwei CD-Versionen, die sich vor allem durch die Farbgebung der Tonträger unterscheiden.

Ausstattung und Gestaltung

Die Vinyl-Ausgaben erscheinen als Doppel-LP in einer einzelnen Papphülle. Das Vinyl selbst ist in gesprenkelten, mehrfarbigen Varianten gepresst und gilt heute als begehrtes Sammlerstück. Die CD-Versionen enthalten auf der Innenseite Abbildungen einer Eintrittskarte sowie des Tourposters – selbstverständlich vom Konzert im PC69.

Äußerlich wirken diese Bootlegs erstaunlich professionell. Der Eindruck, es könne sich um eine Veröffentlichung des Bandlabels Merciful Release handeln, drängt sich geradezu auf. Ist es aber nicht.

Klangqualität, Schwächen und Einordnung

Leider weist das zugrunde liegende Tonband einige Schadstellen auf, die es auch auf die Veröffentlichung geschafft haben. Besonders auffällig sind Aussetzer bei „Alice“ und „Floorshow“ – ärgerliche Wermutstropfen.

Doch ein Blick über den Tellerrand relativiert diese Schwächen schnell. Es existieren unzählige Bootlegs aus den frühen Jahren der Band, deren Klangqualität deutlich schlechter ist. Ein Beispiel ist Sister Ray, teilweise aus dem Hunky Dory in Detmold stammend. Im Vergleich dazu macht The Last Time Around eine ausgesprochen gute Figur. Für ein Bootleg ist die Tonspur richtig gut.

Oder anders gesagt:

Für eine inoffizielle Vinylveröffentlichung ist das eine außergewöhnlich coole Rille.

Gerade weil es von dieser Formation kein offizielles Live-Album gibt, wird diese Aufnahme automatisch zu etwas Besonderem.

Inzwischen ist die Aufnahme auch auf YouTube zu finden.

LP-Cover, Frontansicht, das Coverfoto ist identisch mit einem Foto auf der Innenhülle
des Albums First And Last And Always.
LP-Cover, Frontansicht, das Coverfoto ist identisch mit einem Foto auf der Innenhülle
des Albums First And Last And Always.

Die vollständige Tracklist der The Last Time Around auf CD wie auf Vinyl ist wie folgt:

  1. First And Last And Always (4:24) – Eldritch, Marx
  2. Body And Soul (3:46) – Eldritch
  3. Marian (5:12) – Eldritch, Hussey
  4. No Time To Cry (4:07) – Eldritch, Marx, Hussey
  5. Possession (4:44) – Eldritch, Hussey
  6. Walk Away (4:01) – Eldritch, Marx
  7. Emma (6:35) – Hot Chocolate Cover (Original: Errol Brown, Tony Wilson)
  8. Amphetamine Logic (4:15) – Eldritch, Hussey
  9. A Rock And A Hard Place (3:31) – Eldritch, Hussey
  10. Floorshow (3:51) – Eldritch, Marx
  11. Alice (3:32) – Eldritch, Marx
  12. Gimme Shelter (6:23) – Rolling Stones Cover (Original: Jagger, Richards)
  13. Knockin‘ On Heaven’s Door (6:09) – Bob Dylan Cover (Original: Bob Dylan)
  14. Train (3:05) – Eldritch, Marx
Die Tracklist auf dem LP-Cover ist in vier Spalten angeordnet und entspricht nicht ganz der tatsächlichen Plattenaufteilung. „Amphetamine Logic“ ist der erste Titel auf der zweiten Platte und müsste daher eigentlich oberhalb von „A Rock And A Hard Place“ aufgeführt sein.
Die Tracklist auf dem LP-Cover ist in vier Spalten angeordnet und entspricht nicht ganz der tatsächlichen Plattenaufteilung. „Amphetamine Logic“ ist der erste Titel auf der zweiten Platte und müsste daher eigentlich oberhalb von „A Rock And A Hard Place“ aufgeführt sein.

Weiterverwertung, Ableger und rechtliche Grauzonen

Natürlich bekommt ein solches Bootleg auch „Kinder“, d.h., das Material taucht immer wieder auf. Den Anfang machte schon 1988 ein italienisches Songbook mit Noten der The Sisters of Mercy, bei dem in der ersten Auflage eine 7 Inch Schallplatte (mit 33 RPM!) mit „Emma“ aus diesem Konzert und Ghost Rider (ein Cover von dem Duo Suicide, an dem auch Alan Vega beteiligt war) aus einem Konzert, das etwa einen Monat vorher in Newcastle stattfand. Spätere Auflagen hatten dann eine 3 Inch CD anliegen mit gleichem Inhalt, statt Vinyl.

In den Verzeichnissen taucht diese Single immer unter dem Titel Emma / Ghost Rider auf. Das Interessante daran ist, dass der Handel dieser Tonträger offenbar offiziell betrieben werden kann, während der Handel von The Last Time Around beispielsweise bei Discogs untersagt ist. Irgendjemand hat also irgendwann einmal eine offizielle Freigabe zur Vervielfältigung dieser inoffiziellen Aufnahmen bekommen.

Möglicherweise spielte hier eine Rolle, dass es sich bei beiden Songs um Coverversionen handelt. Sicher ist das nicht – Raum für Spekulationen bleibt.

Ziemlich schmucklos im weißen Pappcover kommt die 3 Inch CD daher, darauf verbirgt sich echte Bandgeschichte.
Ziemlich schmucklos im weißen Pappcover kommt die 3 Inch CD daher, darauf verbirgt sich echte Bandgeschichte.

Bruchlinien und Nachwirkungen

Aber zurück zur Band. Wie man sich vorstellen kann, verlief die Trennung turbulent. The Mission sollte ursprünglich The Sisterhood heißen; und hier waren Streitereien mit Blick auf Namensrechte vorprogrammiert. Eldritch erstickte dies im Keim, indem er selbst die Single „Gift“ unter diesem Bandnamen herausbrachte, noch bevor seine Ex-Kollegen aktiv werden konnten. Hussey und Adams entschieden sich erst daraufhin für den Bandnamen The Mission.

Eldritch sorgte auch später immer wieder für Gesprächsstoff, der ihm die unumstrittene Gradlinigkeit bescheinigte. Ein gutes Beispiel ist seine Art, wie er Warner dazu gebracht hat, sich von ihm zu trennen. Dies ist im Netz gut dokumentiert und braucht hier sicher nicht wiederholt werden.

Aber sind diese Umstände jetzt tragisch? Im Prinzip exemplarisch für das hier vorgestellte Konzert vielleicht ja, im Grunde aber nein – lautet meine holprige Antwort. Die Musikwelt braucht Menschen wie Eldritch und Hussey. Manches wird nur durch Reibung richtig gut, das erlebt man immer wieder. Dafür gibt es sehr viele Beispiele, angefangen von Joy Division bis hin zu Queen. Und Geradlinigkeit verhalf Künstlern wie Björk zum Erfolg. Was wir hier sehen ist nicht untypisch für den Entstehungsprozess erfolgreicher Bands. Übrig bleiben Meilensteine und unersetzliche Abende, wie dieser hier im PC69 Bielefeld.

Abschließend bleibt zu sagen…

Es war mir leider selbst nicht vergönnt an diesem Tag dabei zu sein. Man müsste hauptberuflich Konzertbesucher sein, um sich irgendwann im Leben mal nicht mehr ärgern zu müssen, dass man irgendetwas verpasst hat. The Sisters of Mercy habe ich später „eineinhalb“ Mal gesehen. Ein Mal im Kick Herford und ein zweites Mal habe ich im Bielefelder Ringlokschuppen parallel in der anderen Halle gearbeitet.

Wer am 21. April 1985 im PC69 dabei war, ist herzlich eingeladen, Eindrücke, Erinnerungen oder Ergänzungen in den Kommentaren zu teilen. Korrekturen sind ebenso willkommen. Dieses Konzert lebt – auch – von den Erinnerungen derer, die es erlebt haben.

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Kommentare

Eine Antwort zu „The Sisters of Mercy im PC69 Bielefeld (1985) – Das legendäre Bootleg „The Last Time Around““

  1. Avatar von Thorsten
    Thorsten

    Die Kassette konnte man 2 Tage nach dem Konzert im kleinen Indie Plattenladen in der Feilenstrasse kaufen.( Offbeat?). Aufgenommen hat es bestimmt Hannes.

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