Wenn es eine Konstante im Jahreslauf der Medien gibt, dann ist es das Sommerloch. Es erscheint zuverlässig, dauert ein paar Wochen und erfüllt dabei eine erstaunlich wichtige Funktion: Es entschleunigt. Die Welt dreht sich langsamer, die Schlagzeilen werden kleiner, und plötzlich ist wieder Platz für das scheinbar Belanglose.
Gerade in dieser Zeit habe ich eine besondere Schwäche für jene Texte, die man früher „Lückenfüller“ nannte. Meldungen ohne große Tragweite, aber mit Witz, Lokalkolorit oder einem Augenzwinkern. Ja, ich gebe es zu: Hin und wieder nehme ich dafür sogar noch Papier in die Hand – ganz bewusst oldschool.
Der Begriff „Lückenfüller“ klingt abwertend, beschreibt aber ein völlig normales Phänomen des Zeitungsalltags. Wenn es an „wichtigen“ Nachrichten mangelt, rücken die kleinen Beobachtungen des Alltags in den Vordergrund. Und gerade im Sommerloch passiert das so regelmäßig, dass man diese Texte fast gezielt aufspüren kann. Mit einer gewissen Vorfreude, vielleicht sogar mit Argwohn. Denn sie erzählen oft mehr über Mentalität, Humor und Selbstbild einer Region als manche Leitartikel.
Im digitalen Raum existiert das Sommerloch ebenfalls – allerdings aus anderen Gründen. Dort entstehen keine freien Flächen, sondern ein permanenter Bedarf an Aufmerksamkeit. Die sogenannten Online-Lückenfüller dienen weniger der Unterhaltung als der Reichweite. Ein Tweet wird zur Meldung, eine Randnotiz zum Aufreger, versehen mit Schlagworten und einem dramatisierenden Vorspann. Das ist effizient, aber selten charmant. Und es ist genau das, was den klassischen Sommerloch-Text so wertvoll macht.
Vor diesem Hintergrund möchte ich eine kleine Geschichte aus den 1950er Jahren erzählen.
Vor einigen Jahren stieß ich bei Renovierungsarbeiten auf einen Stapel alter Zeitungen. Darunter mehrere Ausgaben der Freien Presse, einem der Vorläufer der heutigen Neuen Westfälischen. Alle stammten aus dem August 1959 – tiefstes Sommerloch also. Ich hob sie auf, blätterte sie durch und blieb schließlich an einem Artikel hängen, der sofort ins Auge fiel.
Entstanden war er aus einem Schnappschuss in Bielefeld-Milse und trug die Überschrift:
„Hupen zwecklos – bin Westfale“

Schon in den 1950er Jahren war dieser Satz ein geflügeltes Wort. Was hier noch mit freier Hand auf ein Auto gepinselt war, wurde später als Aufkleber verkauft und entwickelte sich zum kleinen Kultobjekt. Der Artikel über den sturen Westfalen, der seinen Standpunkt wortwörtlich auf dem Heck eines VW Käfers spazieren fährt, ließe sich heute fast unverändert erneut abdrucken.
Denn an der sprichwörtlichen Sturheit der Westfalen – genauer gesagt der Ostwestfalen – hat sich wenig geändert. Und genau darin liegt die zeitlose Qualität dieses Sommerloch-Beitrags. Er karikiert, ohne zu verletzen. Er beobachtet, ohne zu bewerten. Und er nimmt seine Region ernst genug, um über sie lachen zu können.
Ich hoffe, dass solche Texte nie ganz verschwinden. Und solange es noch gedruckte Zeitungen gibt, werde ich meine Freude daran haben. Da bin ich – ganz westfälisch – stur.
* Der Scan wurde durch die Chefredaktion der Neuen Westfälischen, Nachfolgerin der Zeitung Freie Presse, schriftlich für diesen Artikel freigegeben.

Schreibe einen Kommentar