Was lange währt, wird endlich gut. Über Monate hinweg war das bekannteste Wahrzeichen Bielefelds, der Turm der Sparrenburg, vollständig verhüllt. Selbst zum offiziellen 800-jährigen Stadtjubiläum im Rahmen des NRW-Tages 2014 blieb er aus baulichen Sicherheitsgründen verborgen. In diesen Tagen jedoch fallen die Hüllen – und damit ist ein guter Moment gekommen, den Blick zurück zu richten.
Denn kurz vor dem Bau dieses Turms erschien ein Buch, das die Sparrenburg nicht aus heutiger Sicht beschreibt, sondern aus der Perspektive einer Zeit, in der sie noch kein romantisches Wahrzeichen, sondern ein geschichtliches Rätsel war.

Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparenberg (1842)
Meine Buchempfehlung ist die „Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparenberg“ des Historikers Leopold von Ledebur. Das Werk erschien im Jahr 1842, unmittelbar bevor mit dem Bau des heutigen Turms begonnen wurde. Der Turmbau selbst war auch der eigentliche Anlass für diese Niederschrift. Ledebur widmete das Buch seinem Onkel Ludwig von Ledebur anlässlich dessen fünfzigjährigen Dienstjubiläums im Militär. Ludwig hatte mehrere Jahre seines Lebens bei Verwandten im benachbarten Schildesche verbracht, was die regionale Verbundenheit des Autors zusätzlich unterstreicht.
Zur Zeit der Veröffentlichung befand sich die Sparrenburg noch im Besitz des preußischen Staates. Ihre militärische Bedeutung war längst verloren gegangen, Burgen galten nun als romantische Orte vergangener Macht. Der geplante Turmbau folgte genau diesem Zeitgeist: weniger Wehrarchitektur, mehr historisierende Kulisse. Der ursprüngliche Turm war deutlich niedriger und unscheinbarer gewesen.
Die Sparrenburg selbst ist in etwa so alt wie die Stadt Bielefeld. Ob Burg oder Stadt zuerst existierten, ist bis heute nicht eindeutig belegbar. Dieses Spannungsfeld bildet einen der zentralen Ausgangspunkte von Ledeburs Untersuchung.
Ähnlich wie die reich illustrierten und kommentierten Notgeldausgaben der Stadt Bielefeld ist auch Ledeburs Buch ein zeitgenössisches Geschichtsdokument, das bewusst aus seiner eigenen Entstehungszeit heraus argumentiert.
Spekulationen, Quellenarbeit und frühe Stadtgeschichte
Der besondere Wert des Buches liegt in seinem methodischen Aufbau. Ledebur wertete über Jahre hinweg eine Vielzahl von Urkunden aus, viele davon in lateinischer Sprache, und formte daraus eine chronologisch gegliederte Darstellung der Burg- und Stadtgeschichte. Zahlreiche Originaltexte sind im Anhang vollständig abgedruckt – ein für die Zeit bemerkenswerter wissenschaftlicher Anspruch.

Dort findet sich auch die damals älteste bekannte Urkunde, in der Bielefeld erwähnt wird: ein Schriftstück aus dem Jahr 1221, das ein Abkommen zwischen Herford und der noch jungen Stadt Bielefeld dokumentiert. Die Bürger Bielefelds mussten darin schwören, die Herforder künftig nicht weiter zu belästigen. Zuvor war es zu Feindseligkeiten und Zerstörungen auf beiden Seiten gekommen. Dieses Jahr galt lange Zeit als das Gründungsjahr der Stadt, weshalb etwa das 700-jährige Jubiläum erst 1921 gefeiert wurde.

Irrtümer, neue Erkenntnisse und die Löwenburg
Ledebur vertritt in seinem Werk auch Thesen, die heute als überholt gelten. Besonders interessant ist seine Annahme, die Sparrenburg habe ursprünglich Löwenburg geheißen. Da dieser Name in älteren Quellen auftaucht und später verschwindet, nahm man im 19. Jahrhundert an, es habe sich um ein und dieselbe Anlage gehandelt. Diese Vorstellung ging in zahlreiche Geschichtsbücher und Sagen ein.

Inzwischen weiß man, dass die Löwenburg eine eigenständige Wallburg war, vergleichbar etwa mit der Hünenburg, und bei Lämershagen lokalisiert werden kann. Ledeburs Darstellung dokumentiert damit eindrucksvoll, wie sich historische Erkenntnisse im Laufe der Zeit verändern.
Die Sparrenburg als Gefängnis und Ort der Zwangsarbeit
Ein besonders eindrücklicher Teil des Buches befasst sich mit der Nutzung der Burg als Gefängnis. Bekannt ist, dass Häftlinge über einen Zeitraum von rund fünfzehn Monaten den verschütteten Brunnen wieder freilegten. Weniger bekannt ist jedoch, dass sie darüber hinaus umfangreiche Restaurierungsarbeiten an der gesamten Anlage ausführen mussten.
Diese Arbeiten waren gefährlich, schlecht abgesichert und forderten Menschenleben. Ledebur schildert sie nüchtern, aber eindringlich – ein frühes Zeugnis für die Härte vormoderner Strafsysteme.
Burg und Stadt – kein harmonisches Miteinander
Das Werk vermittelt zudem ein differenziertes Bild des Verhältnisses zwischen Burgbesatzung und Stadtbevölkerung. Die Sparrenburg war nie primär zum Schutz der Bürger errichtet worden, sondern diente der Kontrolle des Osningpasses und als landesherrliche Residenz. Entsprechend kam es immer wieder zu Spannungen zwischen den Drosten auf der Burg und den verschiedenen sozialen Gruppen innerhalb der Stadt.
Diese konfliktreiche Beziehung relativiert das spätere romantische Bild der Burg erheblich.

Leopold von Ledebur – der Autor im historischen Kontext
Der Verfasser Freiherr Leopold Karl Wilhelm August von Ledebur, gehörte zu den bedeutenden preußischen Historikern des 19. Jahrhunderts. Er wurde am 2. Juli 1799 in Berlin geboren und starb am 17. November 1877 in Potsdam.
Ledebur entstammte einer altpreußischen Beamten- und Adelsfamilie. Sein Vater Ernst Friedrich August von Ledebur war Landrat der Grafschaft Ravensberg, womit auch die enge inhaltliche Verbindung des Autors zur Geschichte Bielefelds und seiner Region erklärbar wird. Sein Zwillingsbruder Ludwig von Ledebur lebte zeitweise in Schildesche und war der Widmungsträger des Sparrenburg-Werkes.
Nach einer militärischen Laufbahn trat Ledebur in den wissenschaftlichen Dienst des preußischen Staates ein. Er wurde Direktor der Königlichen Kunstkammer und später Mitglied des Preußischen Heroldsamtes. Sein Schwerpunkt verlagerte sich zunehmend auf Genealogie, Heraldik und Landesgeschichte. 1843 war er Mitbegründer der Numismatischen Gesellschaft zu Berlin.
Sein Werk zur Sparrenburg steht damit nicht isoliert, sondern reiht sich in eine Vielzahl fundierter regionalgeschichtlicher Studien ein, unter anderem zu Minden, Ravensberg und dem nordwestdeutschen Raum.
Romantik, Denkmalpflege und der Beginn der Restauration
Im hinteren Teil des Buches beschreibt Ledebur den mentalen Wandel der Zeit. Die Sparrenburg wurde nun nicht mehr als militärische Anlage betrachtet, sondern als erhaltenswerte Ruine. Teile der Burg waren bereits abgetragen worden, Steine fanden Verwendung in anderen Bauprojekten, darunter auch militärische Anlagen wie die spätere 55er Kaserne.
Bürgerinitiativen setzten sich für den Erhalt der Burg ein. Auch Ledebur selbst beteiligte sich aktiv: Er spendete – wie er berichtet – den Erlös von hundert Exemplaren seines Buches zugunsten des Turmbaus.

Die bewusste Aufladung historischer Orte mit Symbolik und Deutung findet sich später auch in anderen Bielefelder Zeitzeugnissen wieder, insbesondere im kommunalen Notgeld der frühen Weimarer Republik, wie die Bielefelder Not-Goldmark von 1923.
Ein Buch als historisches Zeitzeugnis
Ledeburs Werk ist mehr als eine Burggeschichte. Es ist ein Dokument des 19. Jahrhunderts, das zeigt, wie Geschichte verstanden, interpretiert und bewahrt wurde. Wer sich für lokale Geschichtsbilder interessiert, findet hier einen Schlüsseltext.
Einen vergleichbaren Blick auf das kollektive Gedächtnis der Stadt bieten auch die späteren Notgeldausgaben, in denen Geschichte, Politik und Bildsprache eng miteinander verwoben sind. Die klare Leseempfehlung dazu ist der Blogpost zum Thema Paul Hanke und das Gedächtnis der Stadt Bielefeld im Notgeld.
Digitale Verfügbarkeit
Da Originalausgaben des Buches nur schwer zugänglich sind, ist es besonders erfreulich, dass die Universitätsbibliothek Münster ein Exemplar digitalisiert hat. Das Werk steht dort kostenlos als PDF zur Verfügung und ermöglicht einen direkten Blick in die Quellenarbeit des 19. Jahrhunderts – inklusive der lateinischen Urkunden im Anhang.
Häufige Fragen zur Sparrenburg und zu Ledeburs Forschung
Wie alt ist die Sparrenburg?
Die Sparrenburg wurde vermutlich um das Jahr 1250 errichtet. Sie entstand im Hochmittelalter als landesherrliche Burganlage zur Sicherung von Handelswegen und zur Kontrolle des entstehenden Stadtgebiets von Bielefeld. Archäologische und schriftliche Quellen belegen eine Nutzung der Anlage seit dem 13. Jahrhundert.
Wann wurde die Sparrenburg gebaut?
Der Bau der Sparrenburg begann wahrscheinlich Mitte des 13. Jahrhunderts. Sie wurde unter der Herrschaft der Grafen von Ravensberg errichtet und im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert und umgebaut.
Wer hat die Sparrenburg errichtet?
Die Sparrenburg wurde vermutlich von den Grafen von Ravensberg errichtet. Sie diente als landesherrliche Burg zur Sicherung politischer Macht, zur Kontrolle wichtiger Verkehrswege und zum Schutz der entstehenden Stadt Bielefeld.
Warum wurde die Sparrenburg gebaut?
Die Burg wurde errichtet, um Handelswege durch den Teutoburger Wald zu sichern und die territoriale Herrschaft der Grafen von Ravensberg zu festigen. Gleichzeitig erfüllte sie militärische und administrative Funktionen für die Region.
Welche Funktion hatte die Sparrenburg im Mittelalter?
Im Mittelalter diente die Sparrenburg als Verteidigungsanlage, Verwaltungssitz und Machtsymbol der Landesherren. Sie kontrollierte wichtige Handelsrouten und bot Schutz für die umliegende Siedlung, aus der sich später die Stadt Bielefeld entwickelte.
Warum steht heute ein Turm auf der Sparrenburg?
Der heute sichtbare Turm entstand im 19. Jahrhundert während einer Phase romantischer Geschichtsbegeisterung. Er wurde errichtet, um die Burganlage aufzuwerten und als Wahrzeichen der Stadt Bielefeld hervorzuheben.
Wer war Leopold von Ledebur?
Leopold von Ledebur war ein preußischer Historiker, Heraldiker und Adelsforscher des 19. Jahrhunderts. Er wurde 1799 in Berlin geboren und verfasste zahlreiche Werke zur Regional- und Landesgeschichte, darunter 1842 die Geschichte der vormaligen Burg und Festung Sparenberg.
Warum ist Ledeburs Buch zur Sparrenburg historisch bedeutsam?
Das Werk entstand unmittelbar vor dem Bau des heutigen Turms der Sparrenburg und spiegelt die Sichtweise einer Zeit wider, in der die Burg noch kein romantisches Wahrzeichen war. Es basiert auf intensiver Quellenarbeit und dokumentiert frühe Deutungen der Stadt- und Burggeschichte.
Welche Quellen nutzte Ledebur für seine Untersuchung?
Ledebur wertete zahlreiche mittelalterliche und frühneuzeitliche Urkunden aus, viele davon in lateinischer Sprache. Den Wortlaut wichtiger Dokumente, darunter die damals älteste bekannte Bielefelder Urkunde von 1221, veröffentlichte er vollständig im Anhang seines Buches.
Welche Irrtümer enthält Ledeburs Darstellung aus heutiger Sicht?
Ledebur ging unter anderem davon aus, dass die Sparrenburg ursprünglich Löwenburg hieß. Diese Annahme gilt heute als widerlegt, da die Löwenburg als eigenständige Wallburg an anderer Stelle lokalisiert werden konnte.
Wo ist Ledeburs Werk heute zugänglich?
Das Buch wurde von der Universitätsbibliothek Münster digitalisiert und ist dort kostenlos als PDF verfügbar. Dadurch ist es auch heute noch vollständig einsehbar, einschließlich der abgedruckten historischen Urkunden.

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