Herkunft eines geflügelten Wortes
Über fast zwei Jahrhunderte hinweg war in Bielefeld und darüber hinaus ein Ausspruch geläufig, der heute nur noch selten zu hören ist:
„Er geht mit wie der Wirt von Bielefeld.“
Im ostwestfälischen Plattdeutsch lautete er entsprechend: „Hei geit met as de Wed van Bielefeld.“
Der Sinn dieses Sprichworts ist auch ohne nähere Erklärung bereits angedeutet: Gemeint ist jemand, der zwar behauptet, keine Verantwortung zu tragen, sich aber dennoch bereitwillig mitziehen lässt – bis zu dem Punkt, an dem es gefährlich wird. Doch wie so oft liegt hinter einem geflügelten Wort eine konkrete Geschichte.
Sage statt Märchen: Warum der Ort zählt
Der Ausspruch geht auf eine Sage zurück. Sagen unterscheiden sich von Märchen weniger durch ihren Inhalt als durch ihren Anspruch auf Verortung. Während Märchen zeit- und ortlos bleiben, binden Sagen ihre Handlung an reale Orte, reale Namen und eine vermeintlich historische Situation. Sie sind meist kurz, pointiert und moralisch eindeutig.
Westfalen ist reich an solchen Erzählungen: von den Riesen im Teutoburger Wald, vom Schmied von Bielefeld oder von der sagenhaften Entstehung des ersten Westfalen aus einem Erdklumpen. Auch der Wirt von Bielefeld gehört in diese Reihe – nicht als Held, sondern als warnendes Beispiel.
Ein gutes Beispiel für die Verbreitung lokaler Sagen findet sich auf der Not-Goldmark: Hier ist der Schmied von Bielefeld bildlich dargestellt. Die Gestaltung des Notgeldes greift damit bewusst eine bekannte lokale Sage auf. In einem eigenen Blogpost gehe ich ausführlich auf die Not-Goldmark und ihre Motive ein.
Eine Sage aus dem Jahr 1902
Die folgende Fassung stammt aus dem Buch „Sagen aus Rheinland und Westfalen“, erschienen 1902 als Jugendbuch. Entsprechend ist sie in Hochdeutsch verfasst und deutlich moralisierend zugespitzt. Gerade das macht sie jedoch zu einer authentischen Quelle für das damalige Verständnis der Geschichte.
Der Wirt von Bielefeld
Einstmals zur Kriegszeit lagen bei einem Gastwirt zu Bielefeld vier Soldaten im Quartier, die des Nachts viele Geschäfte zu haben schienen und gewöhnlich erst mit grauendem Morgen heimkamen.
Kurz, es waren vier Erzspitzbuben. Dies merkte der Wirt auch sehr bald. Weil er aber dabei wenig oder nichts zu gewinnen hoffte, wenn er sie anzeigte, so schwieg er und gab ihnen zu verstehen, daß sie von ihm durchaus nichts zu befürchten hätten.
Jetzt wurden aber die uniformierten Diebe vertraulich und rückten dreist mit dem Anerbieten heraus, daß der Wirt, wenn er bei ihren nächtlichen Streifzügen als Schildwache dienen wollte, dafür den fünften Teil der Beute ungeschmälert empfangen sollte.
Der verschmitzte Wirt antwortete, er wolle zwar mitgehen, allein angreifen wolle er nichts, nur wenn er etwas von ihnen geschenkt erhalte, wolle er es annehmen.
Die Soldaten bewunderte die heuchlerische Gewissenhaftigkeit des Wirts, nannten ihn aber doch ihren guten Kameraden und brauchten ihn fortan als Aufpasser.
Allein in einer Nacht ward die ganze Gesellschaft gefangen genommen und ihr der Prozeß gemacht. Der Wirt blieb stets vor Gericht dabei, er habe nie etwas gestohlen, sondern sei nur aus Gefälligkeit mitgegangen.
Die Richter erwiderten hierauf nichts, allein als das Urteil gesprochen ward, da ward er ebensogut zum Galgen verurteilt wie die vier Soldaten. Alle fünf mußten nach dem Grundsatz: ,“Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“, baumeln.
Seit der Zeit ist aber in Bielefeld ein Sprichwort Mode geworden, das lautet: „Er geht mit wie der Wirt von Bielefeld.“
Moral, Mentalität und Sprachgeschichte
Die Geschichte ist eindeutig konstruiert: Sie verurteilt nicht den aktiven Täter stärker als den stillen Mitläufer. Der Wirt wird nicht wegen seiner Taten bestraft, sondern wegen seiner Haltung. Genau darin liegt die Sprengkraft der Sage – und vermutlich auch der Grund, warum sie sich sprachlich so lange gehalten hat.
Der Ausspruch benennt ein Verhalten, das gesellschaftlich immer wieder relevant ist: das Wegsehen, das Mitgehen, das Sich-Herausreden aus Verantwortung. Dass ausgerechnet ein Wirt diese Rolle einnimmt, ist kein Zufall. Als Gastgeber steht er zwischen Öffentlichkeit und Privatem, zwischen Kontrolle und Duldsamkeit.
Vom Sprichwort zur Redensart
Interessant ist, dass der ursprüngliche Wortlaut heute kaum noch verwendet wird, der Sinn jedoch weiterlebt. Moderne Varianten wie „Mitgegangen, mitgefangen“ oder allgemeinere Redewendungen über Mitläufertum haben den konkreten Ortsbezug verdrängt.
Damit ist der Wirt von Bielefeld ein gutes Beispiel dafür, wie lokale Sagen in die allgemeine Sprache einsickern – und dabei ihre Herkunft verlieren.
Ein kleines Stück Stadtgedächtnis
Wie viele dieser kurzen, pointierten Erzählungen ist auch diese Sage weniger historischer Bericht als kultureller Spiegel. Sie erzählt nichts über reale Gerichtsverfahren, aber viel über Moralvorstellungen, soziale Rollen und darüber, wie Verantwortung in Geschichten verteilt wird.
Dass sich der Ausdruck über Generationen gehalten hat, zeigt, wie wirkmächtig solche scheinbar kleinen Geschichten sein können. Sie sind Teil des kollektiven Gedächtnisses einer Stadt – auch dann, wenn man ihre Herkunft längst vergessen hat.
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