Bielefelder Notgeld, Hoffnung und Humor nach dem Ersten Weltkrieg
Beim Lesen alter Texte begegnet man manchmal nicht der Vergangenheit – sondern einer Zukunft, die nie eingetreten ist. Einen in dieser Hinsicht besonders bemerkenswerten Text stelle ich hier vor.
Ein Text aus der Zwischenzeit
Der hier zitierte Artikel entstand im Jahr 1921, wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Sein Autor blickt nicht zurück, sondern nach vorn: Er entwirft eine Zukunftsvision, angesiedelt im Jahr 2000, und nutzt sie als erzählerisches Mittel, um Hoffnung, Stolz, Wut und Humor in Worte zu fassen.
Gerade darin liegt die besondere Spannung dieses Textes. Denn wir lesen ihn heute mit dem Wissen um einen zweiten Weltkrieg, um weitere Entbehrungen und Brüche, die der Autor noch nicht erahnen konnte. Was als optimistischer Ausblick gedacht war, wird rückblickend zu einem eindrucksvollen Zeitdokument – und zu einem Zeugnis dafür, wie sehr Menschen nach extremen Erfahrungen nach Sinn, Ordnung und Zuversicht suchen.
Paul Hanke und die Idee des Bielefelder Notgelds
Der Text erschien 1921 in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Niedersachsen“ anlässlich des 700-jährigen Stadtjubiläums von Bielefeld. Verfasst wurde er von Paul Hanke, dem damaligen Direktor der Sparkasse Bielefeld und einem der geistigen Väter des berühmten Bielefelder Notgeldes.
Dieses Notgeld war weit mehr als ein Zahlungsmittel. Es war Träger von Geschichten, Bildern, Zahlen und Anekdoten – und bewusst als Gedächtnis der Stadt in Zeiten der Not angelegt.
Hinweise zum historischen Originaltext
Der nun folgende Text ist vollständig und wortgetreu aus der Originalveröffentlichung von 1921 übernommen. Rechtschreibung, Tonfall und Weltbild entsprechen ihrer Zeit. Lediglich ergänzende Hinweise, Abbildungen und Verlinkungen wurden hinzugefügt.
Besonders auffällig ist die Mischung aus:
- nüchternen Zahlen,
- lokalem Patriotismus,
- beißendem Humor,
- und einer erstaunlich detailreichen Zukunftsphantasie.
Der plattdeutsche Abschnitt stellt eine Abwandlung des Märchens „Dat Schmidken van Bielefeld“ dar („Der Schmied von Bielefeld“). Während der Schmied im Original einen Pakt mit dem Teufel schließt, dreht sich hier alles um das Bielefelder Notgeld – im Himmel und mit augenzwinkernder Botschaft an Sammler und Zeitgenossen. Eine vollständige Übersetzung ins Hochdeutsche befindet sich im Kapitel „Einordnung: Paul Hanke, das Notgeld und der Blick zurück“ weiter unten.
Nach dem Hauptartikel folgt ein Nachtrag des Autors, der weiter hinten im Heft abgedruckt war. Offenbar wollte Hanke noch einige zusätzliche Details für die Nachwelt festhalten.
Es empfiehlt sich, den gesamten Text langsam zu lesen. Viele Anspielungen erschließen sich erst beim zweiten Blick. Oft ist nicht sofort erkennbar, wo historische Tatsache endet und ironische Überzeichnung oder hoffnungsvolle Zukunftsvision beginnt.
Und genau darin liegt sein Reiz.
Bielefelder Notgeld nach 80 Jahren
(Originaltext von 1921)
[Ab hier folgt der unveränderte Originaltext – lediglich Absatzstruktur und minimale Zeichensetzung wurden angepasst.]
Es ist im Winter des Jahres 2000. In der trauten Klause des Einfamilienhauses am Lehmstich [Karte] in Bielefeld sitzt der Weber Hennerken Kralemeier. Mit dicken Wolken pafft er den Crüwellschen Tabak aus einer kurzen Soldatenpfeife. Die Pfeife ist ein Erbstück seines Großvaters. Eine behagliche Wärme durchströmt den Raum. Das städtische Gaswerk versorgt durch eine „Zentral-Heizungsanlage“ die Bielefelder Wohnhäuser mit den nötigen Wärmestoffen. Neugierig betrachtet der zehnjährige Sohn Christian den hübsch geschnitzten Pfeifenkopf; weiß er doch, daß Vater das Erbstück aus Kriegszeit hoch in Ehren hält.
Mit dieser Pfeife ist der Großvater als Leineweber auf dem Fünfmarkschein der Stadt Bielefeld Weihnachten 1918 abgebildet worden. Als Mutter den dampfenden Pickert auf den Tisch brachte und Pumpernickel, mit westfälischem Schinken und „wirklicher Butter“ aus der städtischen Molkerei dazustellte, ging ein behagliches Schmunzeln über das Gesicht von Hennerken Kralemeier. „Ja damals, als Großvater noch lebte, und der erbitterte Krieg auch den Bielefeldern das Hungern lehrte, ja damals, da war’s anders, und recht böse sah es aus“, dabei legte er sich den Pickert mit dick bestrichener Butter in doppelter Auflage auf den Teller.
„Ja Hennerken“, sagte mein Großvater zu mir: „Wir haben es mitunter recht knapp gehabt in Bielefeld. 350 Pferde, das ist die Bespannung von zwei kriegsstarken Schwadronen Kavallerie, haben wir allein während der drei Monate von Dezember 1917 bis Februar 1918 in Bielefeld, für teures Geld, aufgegessen. 50g Fleisch standen uns, an 5 Tagen in der Woche, auf Marken zu. „Auf Briefmarken“, fragt der zehnjährige Sprössling? „Nein, auf Fleischmarken!“, lautet die Antwort. „Vater, sind das Marken aus Fleisch?“ „Dummer Junge,“ knurrt der Vater, „Großvater erzählte immer, daß Lebensmittel nur gegen kleine Papierzettel, die auf dem Rathaus ausgegeben wurden, beim Händler zu kaufen waren“.
„Ja, ja,“ seufzt Mutter Kralemeier, „auch meine Großtante Lohmann dachte mit Schrecken an diese Zeit, in der sie die Stachelbeeren aus ihrem Garten ohne Zucker einkochen mußte. Ich habe eins von den vielen Büchern geerbt, die die Stadt-Sparkasse Bielefeld im Rathaus ausgegeben hatte, da steht genau drin, wie man die verschiedensten Kartoffelgerichte ohne Fett herstellen und aus Brennesseln einen schmackhaften Salat machen kann. Im ganzen Monat Mai 1918 erhielt jeder in Bielefeld nur 250g Suppen, 250g Teigwaren, 250g Morgentrank, 900g Fleischwaren, also nicht einmal 2 Pfd. Fleisch für vier Wochen, und 7 Pfd. Kartoffeln wöchentlich; da hieß es, sich einrichten!“

„Mutter, woher weißt du das alles so genau?“ fragt der kleine Stift. „Ja Junge,“ erklärt stolz der Vater, „das steht alles auf den Notgeldscheinen, die die Stadt Bielefeld vor mehr als 80 Jahren herausgegeben hat. Auf dem Zehnmarkschein steht, neben zwei Frauen in schmucker Ravensberger Tracht, der Sinnspruch: Ehret die Frauen! Und dann ist da, ganz klein, noch ein Vers abgedruckt:
Der Krieg ist kein Schlaraffenland,
Mit Brot und Fleisch war’s knapp bestellt,
Doch half der Hausfrau Meisterhand
Durchhalten, in dem Krieg der Welt.
Darunter stehen dann alle die Zahlen und Lebensmittel, die Mutter dir eben angegeben hat. „Geh’ doch mal nach der guten Stube und hole aus der unteren Schublade der Kommode das Album mit dem Kriegstagesbuch und den Kriegsnotgeldscheinen der Stadt-Sparkasse hervor.“ Stolz “ brachte Christian das Gewünschte. Fein säuberlich waren die Notgeldsscheine, je zwei auf jeder Seite, befestigt. Diese Aufbewahrung war besonders praktisch und glücklich; jeder Schein war doppelt. Man konnte sofort die Vorder- und auch die Rückseite genau betrachten. Der freie Raum auf jeder Seite der Kartonblätter war mit handschriftlichen Notizen des Großvaters versehen, die die Eigenheiten der Bielefelder Kriegsnotgeldscheine erläuterten.
„Ja, mein Junge,“ sagt Hennerken Kralemeier, „sieh mal, so hübsch hat Großvater an uns gedacht; diese Notgeldsammlung ist angelegt, um den Enkeln und Urenkeln noch Zeugnis abzulegen von der ernsten Zeit, in der 11 000 Bielefelder gegen 29 feindliche Staaten kämpfen. Dein Großvater hat sich brav geschlagen; das eiserne Kreuz und einen Schuß durch die große Zehe hat er sich im Felde geholt. Großvater stand erst bei den 55ern und dann bei den 131ern, also bei beiden Infanterie-Regimentern, die früher in Bielefeld lagen.
Sieh mal hier den Zwanzigmarkschein der Stadt-Sparkasse, da steht auf der Rückseite der Ausspruch des großen Generalfeldmarschalls v. Hindenburg: „Ich weiß, daß ich mich auf das Regiment 131 verlassen kann.“ Sieh, diese Stelle, die du mit der Vergrößerungsbrille deutlich aus dem Untergrunde hervorleuchten siehst, hat dein Großvater mir oft mit Stolz gezeigt. „Du, Junge,“ sagte er zu mir, „denk später noch an deinen Großvater, die Ruhmestage, die auf dem Stadtschein neben den hübsch gezeichneten Soldatenköpfen abgedruckt sind, enthalten die Daten, an denen unsere Bielefelder mit Franzosen und Russen, Engländern und Amerikanern, Schwarzen und Weißen um unsere liebe Heimat gekämpft haben.
Wenn du auf der Rückseite des Zwanzigmarkscheins links die Buchstabenreihe entziffern kannst, dann liest du den Namen unseres braven Bielefelder Rekrutenleutnants: Kastrup, der für seine Tapferkeit vor dem Feinde zum Offizier befördert wurde; wir Bielefelder haben uns tapfer geschlagen. Der Spruch auf dem Zwanzigmarkschein: „Und wenn die Welt voll Teufel wäre, es muß uns doch gelingen!“ war unser Kampfruf, wenn wir mit westfälischen Fäusten, voll innerer Wut, dem Feinde die Denkzettel erteilten!“
Auf der Vorderseite der Zehn- und- Zwanzigmarkscheine siehst du durch ein Vergrößerungsglas Johannisberg- und Sparenberg als Rübe gezeichnet.

Auf der Platzanweisung zu 10 Pfg. kannst du die Lebensmittelpreise lesen, die in Bielefeld im Jahre 1917 und in Paris im Jahre 1870 gezahlt wurden; 1917 kostete ein Hühnerei in Bielefeld nur 28 Pfg. Kartoffeln waren aber so knapp, daß im Winter 1916/17 30000 Zentner Steckrüben in Bielefeld verzehrt wurden. Wenn du den 25-Pfg.-Schein dir ansiehst, dann kannst du aus der Rübe mit einem Gesicht, die der Zeichenlehrer Eich [Anm.d.Red.: Fritz Eich, Grafiker, in Gütersloh aufgewachsen, lebte und wirkte in Bielefeld (1887-1957)] aus Bielefeld entworfen hat, sehen, wie der Bielefelder aussah „vor dem Genuß“ und wenn du den Schein umdrehst, dann siehst du, wie er „nach dem Genuß“ der Steckrüben seine Miene verzogen hat.
Auf jedem Notgeldscheine der Stadt Bielefeld siehst du immer wieder neue Kriegserinnerungen, die in Wort und Bild festgehalten sind. Stundenlang kannst du dich an den Scheinen erfreuen. Westfälische Sitte und Kulturgeschichte, Kriegserinnerung und künstlerisches Können in der Festlegung schwungvoller Zeichnungen sind auf den farbenfrohen prächtigen Scheinen vereinigt.
Wenn du wissen willst, wann Deutschland das Waffenstillstandsangebot nach Amerika, an den Präsidenten Wilson, abgesandt hat, wenn du nachlesen willst, wann der Friede mit Rumänien oder Rußland abgeschlossen wurde, oder an welchem Tage Kaiser Wilhelm II. abdankte und Deutschland Republik wurde, oder der Volks- und Soldatenrat in Bielefeld zusammentrat, dann brauchst du nur auf dem Fünfmarkscheine nachzusehen. Der Schein enthält auch die sämtlichen Namen der 29 Staaten, mit denen Deutschland Krieg führte. Alle Scheine zusammen, die von der Stadt-Sparkasse Bielefeld in den Verkehr gebracht wurden, bilden in sich ein geschlossenes Ganze. Wie in einem Erinnerungsbuche vereinigt findest du alle diejenigen Kriegsbilder künstlerisch festgehalten, die dir die Bielefelder Heimatgeschichte lieb und wert machen.
Als Großvater Weihnachten 1917 im Felde lag, hatten sich unsere Truppen im Schützengraben eingebuddelt. Großvater erhielt von der Stadt Bielefeld eins von den 60 000 Feldpaketen, die die Bielefelder Kriegshilfe als Liebesgabe in die Welt gesandt hatte. Dem Weihnachtspäckchen lag eine Preisaufgabe der Stadt-Sparkasse bei. Unsere Bielefelder Jungens sollten die Bielefelder Rübe im Gedicht oder in einer Zeichnung für die Geldscheine festhalten; für die besten Aufgaben wurden Ehrenpreise ausgesetzt.
Was meinst du wohl, Junge, was das für eine Freude war?: eine halbe Wagenladung der Gedichte wurde an die Stadt-Sparkasse Bielefeld gesandt. Das Rübenmuster aus den Zehn- und Zwanzigmarkscheinen: „Bielefeld, Rübenfeld,“ das verkleinert auf dem Zehn- und Zwanzigmarkscheine wiedergegeben wurde, ist von einem Bielefelder im Schützengraben gezeichnet worden. Der Zweimarkschein kann auf den Kopf gestellt werden, und sieht von oben und unten gesehen, gleich aus. Die Kriegsausgaben der Stadt Bielefeld sind mit genauen Zahlen des Verbrauches wiedergegeben.

Der Einmarkschein enthält den Wahlspruch: Freie Bahn dem Tüchtigen, und den Untergrund „Bielefeld, Leinenstadt, schöne Stadt“. Der Volkswitz hat sich des Einmarkscheines besonders angenommen; die auf der Rückseite wiedergegebenen bockspringenden Soldaten haben die Deutung erfahren: Minister Severing, früher Stadtverordneter in Bielefeld, überspringt, durch seine Ernennung zum Minister, den Bielefelder Oberbürgermeister.
Von besonderem Interesse ist der Fünfzigmarkschein, mit angehefteter Scheckleiste über 20 Mark. Notgeld in des Wortes bester Bedeutung war dieser Schein. Die erforderlichen Geldmittel zur Zahlung: der Kriegsunterstützungen an die Kriegerfrauen blieben aus. Die Staatskassen hatten keine Geldmittel erhalten. Die Stadtkasse mußte zahlen, um Unruhen in der Bürgerschaft zu vermeiden. Geld war nicht aufzutreiben. Über Nacht wurden die Scheckformulare der Stadt-Sparkasse mit einem Ausdruck „50 M“ und die Scheckleiste mit „Gutschein 20 M“ versehen; die noch nicht trockenen Scheine konnten die Geldnot beseitigen. Nicht nur die städtischen Kassen, sondern auch die Reichsbank und die übrigen Geldinstitute benutzten den Fünfzigmarkschein der Stadt-Sparkasse mit der Gutscheinleiste über 20 Mark als Notgeld. Wie warme Brötchen beim Bäcker, gingen die Scheine flott ab; sofort von der Druckerei in den Verkehr.
„Ja Vater,“ sagt Christian, der mit leuchtenden Augen der Erklärung des Vaters gefolgt war, „hier auf den folgenden Seiten im Album sind ja noch weitere künstlerische Wertscheine mit dem „Gesundbrunnen von Bielefeld“ und dem „Schmied von Bielefeld, was hat das denn zu bedeuten?“ „Sieh mal Junge“ erklärt der Vater, „bei diesen neuen Scheinen handelt es sich um eine zweite Serie, die die Bielefelder Geschichte in 700 Jahren behandelt. Bielefeld gehörte früher zur Grafschaft Ravensberg. Krieg und Schrecken des Dreißigjährigen Krieges sind auch am Bielefelder Leinenstädtchen nicht spurlos vorübergezogen. Der Kampf mit Tod und Teufel, mit Krankheit, Pest und Weibertücke wird in diesem Notgelde festgehalten.
Von Professor Steinach, der vor 80 Jahren die alten Menschen verjüngen wollte, hast du gewiß in einem alten Schmöker schon gelesen. Nun sieh mal, die Bielefelder haben einen „Jungbrunnen“ schon vor vierhundert Jahren gehabt. Der hochfeine, seidene 25-Markschein, den du hier siehst, das Prachtstück der Sammlung, ist vor langen Jahren von dem im Jahre 1999 verstorbenen Lehrer an der Kunstgewerbeschule Bielefeld, Herrn Muggly, mit kunstvoller Linienführung gezeichnet worden. Herr Muggly hatte eine geschickte Hand für Glasmalerei. Beim Kriegerdenkmal am Oberntorwall steht noch das Wetterhäuschen mit den hübschen farbenfrohen Glasarbeiten in Mosaik, die er gefertigt hat.

Bielefeld war früher Kurort, bis zum Jahre 1666. Auf dem Köttelbrink, dem späteren Kaiser-Wilhelm-Platz [Anm.d.R.: Gemeint ist der Kesselbrink, der nie Kaiser-Wilhelm-Platz hieß.], dort wo jetzt das Forum mit der prächtigen Stadthalle, den großen Lesesälen und der Stadt-Sparkasse mit der Stadtbank steht, die bei einem Zinssatz von 3 1/2 % für Scheckgelder, 120 Millionen jährlich umsetzt, und die so groß ist, daß man mit einem städtischen Automobil von der einen Abteilung zur anderen fahren kann, war früher der Bielefelder Gesundbrunnen. 438 Heilungen wurden in zehn Wochen erzielt. Dr. med Redecker, der auch früher Bielefelder Oberbürgermeister war, bestätigte dies, wie du es auf dem zum 700jährigen Stadt-Jubiläum herausgegebenen Zweimarkscheine noch nachlesen kannst. Professor Steinach hat seine Verjüngungskur hauptsächlich an Ratten und Kaninchen und nur an wenigen Menschen erprobt. Der von Herrn Muggly in humorvoller Weise festgehaltene Jungbrunnen, in den alte Jungfrauen mit Krücken hineinstiegen, um in leuchtender Schönheit jugendfrisch wieder herauszukommen, zeigt die verblüffenden Erfolge der Bielefelder Verjüngungsmethode an der holden Weiblichkeit. Heute noch siehst du in der Bielefelder Obernstraße stets nur hübsche junge Mädchen. Professor Steinach ist glänzend geschlagen!!!
Die humorvollen Eckbilder beim 25-Markschein, in denen „Hennerken Puls“, ein Bielefelder Original, an einem Sonntagmorgen ein Bad im Lutterbach nimmt, sind urwüchsig und heiter. Die Bielefelder Färbereien führten ihre Abwässer und Farbstoffe dem Lutterbache zu. Hennerken, der im angesäuselten Zustande nicht daran dachte, stieg entkleidet in den Lutterbach und sah plötzlich mit Entsetzen, daß er vollständig blau gefärbt wurde. Die Versuche, sich nachträglich „weiß zu waschen“, gelangen zum größten Jubel der Bielefelder Jugend nur sehr kläglich. Aber höre nur weiter zu: Als Bielefeld noch ein kleines Leinenweberstädtchen war, wurden die sämtlichen Bekanntmachungen durch den Ratsdiener ausgeklingelt. Die am Lutterbach liegenden Bleichereien und Färbereien wurden gewarnt, durch ihre Abwässer das Wasser des Lutterbachs zu verunreinigen, dies war an den Tagen, an denen die Brauereien ihr Dünnbier brauten. Es geschah dies in humorvoll drastischer Weise mit dem Ausrufe:
Es wird hiermit bekannt gemacht,
daß niemand in die Bache „spuckt“
denn morgen wird gebraut.

Auch diese und andere Erinnerungen an Bielefelder Freud und Leid sind in der neuen Serie festgehalten. Der Bielefelder 25-Markschein ist von der Firma Gundlach in Bielefeld aus Bielefelder Seide gedruckt. Auch auf Bielefelder Leinewand, dem Erzeugnis unseres Bielefelder Gewerbefleißes, sind Jubiläumsschiene hergestellt. Zahlreiche Freunde der Bielefelder Notgeld-Eigenheiten haben ihr lebhaftes Interesse, durch starke Nachfrage nach den neuen Scheinen, geltend gemacht. Bielefeld will im Notgelde eigene Wege gehen. Nicht Nachahmung, sondern persönliche Eigenart, westfälische Sitte und Ravensberger Schaffensdrang kommt in der Neuheit treffend zum Ausdruck.
Ein- und Zweimarkscheine enthalten, neben statistischen Angaben aus der 700jährigen Geschichte unseres Heimatstädtchens, Bielefelder Besonderheiten in hochkünstlerischer Wiedergabe. Hausmarken, wie sie am alten Bielefelder Schmuckhäuschen noch heute angebracht sind finden wir auf dein Scheinen wieder. Wie die adligen Höfe früher ihr Wappen führten, so hatten die Bielefelder Bürger sich im 16. und 17. Jahrhundert Hausmarken zugelegt. Ähnlich wie die Fabrikmarken der Jetztzeit wurden diese Zeichen in der Familie von Geschlecht zu Geschlecht erhalten. Mann und Frau hatten vielfach ähnliche Zeichen mit kleinen Abweichungen. Schreibunkundige Personen benutzten ihre Hausmarken als Zeichen eigenhändiger Unterschrift. Am Giebel des Hauses Consbruch, Obernstraße, der die Schönheiten des alten Hauses jetzt wieder erkennen läßt, sieht man im oberen Felde noch die Hausmarke, die auch auf dem Bielefelder Geldschein wiedergegeben ist. Wer die vielen Eigenheiten, die sonst noch auf den Scheinen enthalten sind, kennen lernen will, lege sich eine Meistersammlung des Bielefelder Kunstfleißes zu.

Die Stadt Bielefeld hat die alte westfälische Sitte, Inschriften an Bauernhäusern anzubringen, auf die Geldscheine übernommen. Urwüchsige Bilder, wie sie in Holz geschnitzt sich an den Giebeln in farbenfroher Zeichnung wiederfinden, sind auch im Bielefelder Notgeldschein festgehalten. Sämtliche Scheine sind mit Sinnsprüchen versehen, die dem bodenständigen Charakter unserer Ravensberger angepaßt sind. Auf den kleineren Geldscheinen zu 10, 25 und 50 Pfg. findest du die Namen der Mitglieder der Sparkassenverwaltung in Bilderrätseln: Heringshaus, Horn, Ruscher, Jockusch, Brüggemann, Hanke. Alte Sagen aus früheren Jahrhunderten tauchen wieder auf bei den 50-Pfg.-Scheinen, die zur 700jährigen Jubiläumsfeier in den Verkehr gebracht wurden. Interessant sind die Schnurren und Bielefelder Döhnekens:
„Höre, Junge, hast du schon mal vom Schmiedken von Bielefeld gehört?“ „Vater, ist das der besuffne Käl?“ „Ne, Junge, Schmiedken von Bielefeld holl ümmer de Ohren stief, he drunk, wann he trurig was un he drunk, wann he Pläseer harr. Da kannst dich up verloten, he was enen schlauen und tüchtigen Käl.
Dat Schmiedken ut Bielefeld sitt in’n Himmel up sienen Schuotfell, he sitt in’n Himmel wie so’n richtigen Westfalen up sien Eegen, da kann der Herrguott nix dran dauhn. Durch siene Fisematenten kam he glücklich in’n Himmel.
Dat was een Pläseer, he harr bei eener großen Proßjon in’n Himmel de Fahn driägn bis he ut den Himmel herut was. Da schmeet Petrus de Düer tau und Schmiedken sog, dat he alleen ut den Himmel stond und Petrus kek ut eenen Fensterken und greisen.
He luert noch ümmer und kümmt erst wieder in’n Himmel, wenn jeder Kunstfreund dat Notgeld der Stad’ Bielefeld geköpt hat.
[Anm.d.Red.: Übersetung ins Hochdeutsche weiter unten]

Sieh mal, Junge, die Scherenschnitte der 50-Pfg.-Scheine sind Meisterwerke. Sie sind in Schwarz-weiß-Manier von dem Mitinhaber Schreiber der Bielefelder Kunstdruckfirma Klocke u. Schreiber angefertigt. In Bielefeld hat sich in früheren Jahrhunderten aus der Handweberei die Maschinenfabrikation entwickelt. Auch die Scherenschnitte haben im Lauf der letzten 80 Jahre einen Weltruf erlangt. Nach Amerika und Spanien, nach der Schweiz und Holland wurden die Bielefelder Notgeldscheine abgegeben. Die künstlerischen Scherenschnitte haben so großen Beifall gefunden, daß die Stadt Bielefeld eine eigene Scherenfabrik angelegt hat. Am grünen Winkel [Karte], dort, wo die Heeper Fichten stehen, siehst du die vielen kleinen Häuschen, in denen die 800 Arbeiter wohnen, die in der städtischen Scherenfabrik angestellt sind. Großvater sagte immer: „Die Notgeldscheine halte hoch in Ehren.“ Die eigenartigen, kunstvollen Scheine steigen von Jahr zu Jahr im Wert und stellen heute ein großes Vermögen dar. Für einen einzelnen Abdruck eines alten Bielefelder Fünfmarkstücks wurden im Jahre 1918 bereits 28 000 M in bar bezahlt. Die vollständigen Sammlungen der Notgeldscheine werden später sehr gesucht werden. Ein Hofrat aus Wien schrieb: „Bielefeld hat durch sein Notgeld ein Werk von kulturgeschichtlicher Bedeutung vollbracht.“ Du erhältst die Sammlung später als Erbschaft. Mutter und ich glauben, daß der Wert der Sammlung dir später mal die Anschaffung einer eigenen schuldfreien Besitzung möglich machen wird.
Bielefeld. Paul Hanke. 1921

Bielefelder Notgeld – Ergänzung zum Originaltext von Paul Hanke
Im hinteren Teil der Zeitschrift erschien zwischen mehreren kürzeren Beiträgen eine Ergänzung zum Text desselben Autors. Sie folgt hier ebenfalls in vollständiger Wiedergabe.
Ein überaus interessantes und originelles Stück ist der von Herrn Landwehrmann, Bielefeld, entworfene Fünfmarkschein. Auf der Vorderseite ist zu sehen Kässken Brand mit seinem Esel. Kässken Brand war ein alter Bielefelder, der mit seinem Langohr wöchentlich zum Neumarkt kam. Dickfällig und faul, wie die Esel sind, war dieser eines Morgens in der Rathausstraße nicht von der Stelle zu bewegen. Kässken Brand ging in seiner Wut zu der jetzigen Krummacher’schen Apotheke und bat den Apotheker doch seinen Esel zum Gehen zu bewegen. Der Apotheker fand auch gleich das richtige Mittel; er setzte dem Esel, da wo der Rücken Endet, eine Pille, die so kräftig wirkte, daß der Esel auf und davon rannte. Kässken sperrte Mund und Nase auf, dann fragte er mit trockenem Humor:
„Apotheker setzt mir auch solch eine Pille, damit ich dem Esel nachlaufen und ihn einholen kann.“
Die auf der Rückseite bildlich als Geburtstagskind dargestellte Wäscheindustrie ist von Eckfeldern mit humoristischen Bielefelder Inschriften umgeben:
Hier ruht der Küster und Organist,
Warum? Weil er gestorben ist.
Er dankte Gott in vielen Stunden.
Der Stein liegt oben und er liegt unten
(Altstädter Kirche.) [Karte]
Setzt sich ein holdes Mägdelein
So ganz allein auf diesen Stein
Im selben Jahr wird Braut sie sein.
(Waldkrug.) [Karte]
Geht Dir Rat aus
Geht aufs Rathaus
Dein Kopf wird heller
im Ratskeller.
(Rathaus.) [Karte]
Der Schein ist mit schwungvoller Feder und sicherer Hand gezeichnet.

Eine besondere Seltenheit bildet aber der Großgeldschein über 100 Mark, der von der Bielefelder Kunststickerei der Frau Käte Mitte-Bartling in Bielefeld angefertigt ist. Der Schein ist zu der 700-Jahrfeier in feiner Handstickerei hergestellt. Die künstlerischen farbenfrohen Entwürfe enthalten Motive aus der Bielefelder Geschichte.
Hanke.
Einordnung: Paul Hanke, das Notgeld und der Blick zurück
Der Verfasser des hier zitierten Artikels ist Paul Hanke (1870–1945). Er war von 1911 bis 1925 Direktor der Sparkasse Bielefeld und zählt zu den zentralen Initiatoren des Bielefelder Notgeldes. In der Sonderausgabe der Zeitschrift „Niedersachsen“ beschreibt er dieses Notgeld nicht nur technisch, sondern nutzt es als erzählerisches und kulturhistorisches Medium.
Bei Sammlern hat das Bielefelder Notgeld bis heute einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht – wenn auch vermutlich nicht in dem Ausmaß, das Hanke selbst erhofft hatte. Seine besondere Stellung verdankt es vor allem der Gestaltung: Die Geldscheine wurden von lokal ansässigen Künstlern, Handwerksbetrieben, Manufakturen und engagierten Bürgern entworfen.
Auf ihnen finden sich keine abstrakten Motive, sondern konkrete Geschichten, Alltagsszenen und Zustandsbeschreibungen des gesellschaftlichen Lebens in Bielefeld um 1920. Ein Großteil dieser Aussagen ist historisch überprüfbar und erlaubt einen erstaunlich dichten Einblick in die damalige Lebenswirklichkeit. Daneben stehen Anekdoten und Überzeichnungen, deren Wahrheitsgehalt man durchaus ernst nehmen darf.
Was Paul Hanke wollte
Der eigentliche Hintergedanke Paul Hankes bei der Schaffung dieses Notgeldes war die Dokumentation der aktuellen Notlage, des Zeitgeschehens und wichtiger städtischer Ereignisse für kommende Generationen. Die Wahl der Zukunftsvision als erzählerische Form war dabei kein Zufall: Sie erlaubt es, Gegenwart zu konservieren, ohne sie nüchtern zu protokollieren – und ihr zugleich Sinn, Hoffnung und Richtung zu geben.
Hanke verstand die Banknoten als eine Art Zeitkapsel. Über den gesamten Text hinweg adressiert er bewusst die kommenden Generationen.
Ein vielschichtiges Werk
Der Text besitzt mehrere Ebenen: emotionsgetragene Aussagen stehen neben akribisch festgehaltenen Fakten und zugleich neben teils erheblichen Fehleinschätzungen zukünftiger Entwicklungen. So prophezeit Hanke etwa dem Künstler Karl Muggly (1884 – 1957) ein Lebensalter von 115 Jahren, verortet eine spätere Stadthalle bereits am Kesselbrink oder sieht die Bielefelder Scherenschnitte als weltberühmten Industriezweig der Zukunft.
Gerade diese Mischung verleiht dem Text seinen Reiz. Viele Anspielungen – etwa die bockspringenden Soldaten im Zusammenhang mit Carl Severing oder das Wetterhäuschen am Oberntor – erschließen sich erst mit lokalhistorischem Wissen.
Wer den Blick über diesen Text hinaus auf weitere Notgeldscheine richtet, erkennt schnell: Das Gesamtwerk aller Beteiligten stellt einen außergewöhnlichen Schatz für die Heimatforschung dar. Die Scheine selbst sind – ganz wie Hankes Text – dicht gepackt mit Informationen, Zahlen, Bildern und Anspielungen. Eine Lupe ist beim Betrachten tatsächlich kein schlechter Rat.
Erst im Zusammenspiel von Text und Scheinen wird deutlich, was Paul Hanke wirklich geschaffen hat: kein bloßes Notgeld, sondern ein bewusst gestaltetes Gedächtnis der Stadt – geprägt von Mangel, Stolz, Ironie und der Hoffnung, von späteren Generationen verstanden zu werden.
Übersetzung des Schmied von Bielefeld
Abschließend zur Einordnung des Textes folgt hier die Übersetzung des plattdeutschen Teils „Dat Schmidken van Bielefeld„:
„Hör mal, Junge, hast du schon einmal vom Schmiedchen von Bielefeld gehört?“
„Vater, ist das der betrunkene Kerl?“
„Nein, Junge. Das Schmiedchen von Bielefeld hatte immer die Ohren steif. Er trank, wenn er traurig war, und er trank, wenn er Freude hatte. Darauf kannst du dich verlassen: Er war ein schlauer und tüchtiger Kerl.
Das Schmiedchen aus Bielefeld sitzt im Himmel auf seinem Schurzfell. Er sitzt im Himmel wie ein richtiger Westfale auf seinem eigenen Grund – da kann der liebe Gott nichts dagegen machen. Durch seine Fisimatenten ist er glücklich in den Himmel gekommen.
Das war ein Vergnügen: Er durfte bei einer großen Prozession im Himmel die Fahne tragen, bis er wieder aus dem Himmel hinausgeworfen wurde. Da schlug Petrus die Tür zu, und das Schmiedchen sah, dass es allein vor dem Himmel stand, während Petrus aus einem kleinen Fenster heraus grinste.
Er späht noch immer hinein – und er kommt erst wieder in den Himmel, wenn jeder Kunstfreund das Notgeld der Stadt Bielefeld gekauft hat.“
Paul Hankes Version des Märchens ist also stark angepasst und hat mit dem Original, in dem es um einem Pakt mit dem Teufel geht, nur noch den Titel gemein.
Die im Text genannten Bielefelder Notgeldscheine
Bis hierhin stand der Text Paul Hankes im Mittelpunkt – als literarische, bewusst überzeichnete und zugleich erstaunlich detailreiche Zukunftsvision.
Doch wie verhält sich diese Erzählung zur materiellen Realität? Welche der geschilderten Motive, Zahlen, Sprüche und Anekdoten finden sich tatsächlich auf den ausgegebenen Notgeldscheinen wieder – und wo beginnt die freie Interpretation, Ironie oder bewusste Zuspitzung?
Im folgenden Abschnitt werden daher die im Text direkt oder indirekt genannten Bielefelder Notgeldscheine einzeln vorgestellt. Ihre Motive werden mit Hankes Beschreibungen abgeglichen, eingeordnet und dort, wo nötig, korrigiert oder ergänzt. Der literarische Entwurf trifft nun auf das gedruckte Geld.
Maßstab der folgenden Betrachtungen ist nicht eine moralische Bewertung der Zeit, sondern der Abgleich zwischen Text, Gestaltung und historisch belegbaren Fakten.
10 Pfennig – Motiv: Rübengesicht (1919)
Auf der Vorderseite des 10-Pfennig-Scheins finden sich neben dem Wert der Banknote und einigen anderen obligatorischen Angaben die von Paul Hanke beschriebenen Bilderrätsel, die die Mitglieder der Sparkassenverwaltung darstellen. Dargestellt sind hier jedoch zunächst nur vier der insgesamt sechs im Text genannten Personen: Heringshaus, Brüggemann, Horn und Hanke selbst. Die beiden fehlenden Namen – Ruscher und Jockusch – sind erst bei genauerem Hinsehen zu entdecken, da sich deren Namen am äußersten linken und rechten Rand des Scheins verbergen.

Im unteren Bereich des Bildes erscheint in gleicher grafischer Form zudem der Name Niemeyer – offenbar ein siebtes Mitglied, das Hanke allerdings nicht erwähnt hatte.
Die eigentlichen Berufe der genannten Personen sind in einem weiteren, innerhalb des ersten liegenden Rahmen codiert. Aus diesem inneren Rahmen lassen sich folgende Zuordnungen ablesen: Jockusch als Rechtsanwalt, Ruscher als Bürgermeister und Niemeyer als Oberst. Diese beruflichen Zuordnungen konnten durch andere zeitgenössische Quellen eindeutig bestätigt werden.
Im Hintergrund sind auf dieser Seite des Scheins Durchschnittslöhne für Arbeiter in verschiedenen Jahren aufgelistet.
Die Rückseite des 10-Pfennig-Scheins
Auf der Rückseite finden sich in der Umrandung Namen von Personen in der Stadtverwaltung. Genannt werden:
- Baurat Schultz
- Stadtrat Von Der Mühlen
- Stadtverordneter Carlow
- Stadtverordneter Severing
- Stadtverordneter Hövener
- Oberbürgermeister Dr. Stapenhorst
Zu lesen ist auch diese Parole:
Durchhalten in Not ist Kriegsgebot.
Hauptmotiv dieser Seite des Scheins ist ein Rübengesicht, wie es bei vielen anderen Banknoten in immer wieder neuen Formen auftaucht. Dieses Mal ist in den Blättern der Rübe festgehalten, dass im Winter 1916/1917 30.000 Zentner verbraucht wurden.
Mit der genannten Menge ist vermutlich ausschließlich der Verzehr als Kartoffelersatz gemeint. Im Hintergrund dieser Scheinseite ist in einem sich wiederholenden Text vermerkt, dass in Bielefeld von Dezember 1918 bis Februar 1919 das Fleisch von insgesamt 350 Pferden verzehrt wurde.
In Hankes oben zitierter Beschreibung wird dieselbe Zahl genannt, allerdings bezogen auf den Zeitraum von Dezember 1917 bis Februar 1918. Da nur dieser Zeitraum eindeutig in die Kriegsjahre fällt und auch in der Umrandung des Scheins selbst das Kriegsnotjahr 1917 referenziert wird, spricht vieles dafür, dass Hankes Angabe korrekt ist und es sich bei der Datierung auf dem Schein um einen Fehldruck handelt.
25 Pfennig – Motiv: Rübengesicht, vor dem Genuss / nach dem Genuss (1919)
Der 25-Pfennig Schein ist auf der Vorderseite im Wesentlichen genauso ausgeführt, wie der 10-Pfennig-Schein. Er unterscheidet sich zu ihm in der Farbe und natürlich bei der Wertangabe. Anders ist aber auch der Text im Hintergund. Hier werden Löhne im Preußischen Heer und im Reichsheer aufgelistet.

Die Rückseite des 25-Pfennig-Scheins
Wie auch beim 10-Pfennig-Schein ist auf der Rückseite eine Parole zu lesen. Hier ist es:
Im Osten gilt das Polenwort, im Westen sind die Kahlen fort.
Dabei geht es um die Neugründung Polens, die 1918 stattfand. Mit den „Kahlen im Westen“ sind höchstwahrscheinlich die entmachteten Eliten gemeint, oder sinnbildlich „die leeren Figuren“. Es ging also um Machtverlust im Osten und Autoritätsverlust im Westen, wodurch nun ein Land ohne feste Ordnung entstanden ist.
Das Hauptmotiv der Kehrseite ist das im Text von Paul Hanke beschriebene Rübengesicht, das seinen Gesichtsausdruck wechselt, wenn man es auf den Kopf stellt. Es soll die Gesichtsausdrücke vor- und nach dem Verzehr darstellen.

Der aus Gütersloh stammende und in Bielefeld wirkende Zeichenlehrer Fritz Eich (1887-1957), dessen Signatur als „durchgestrichenes E“ auf dem obigen Bild zu sehen ist, entwickelte diese Zeichnung als sogenannte ambige Figur. Bei dieser Technik werden Linien nicht eindeutig zugeordnet, sondern die Fantasie des Betrachters erledigt diesen Job.
Im vorliegenden Fall versuchte Eich, dies mit zwei dominierenden geschwungenen Linien oben und unten, die beide ein Mund sein könnten, zu illustrieren. Allerdings mit sehr begrenztem Erfolg, denn der gewünschte Effekt erschließt sich nur mit gutem Willen.
Im Hintergrund der Grafik findet sich weder ein sich wiederholender Text. Hier sind weitere Zahlen und Fakten zum Thema Volksernährung und Hunger verewigt.
50 Pfennig – Motiv: Schützenwehr / Schützenhaus (1921)
Im Gegensatz zu den Vorderseiten der 10- und 20-Pfennig-Scheinen finden sich auf dem 50-Pfennig-Schein nun alle sechs von Hanke beschriebenen Bilderrätsel zu den Namen der Mitglieder der Sparkassenverwaltung. Jeweils von oben nach unten ergibt das links: Hanke, Horn, Brüggemann und rechts: Jockusch, Heringshaus, Ruscher.

Es handelt sich um einen der Scheine, die zum 700. Stadtjubiläum erschienen. Das Hauptmotiv der Rückseite zeigt als Scherenschnitt einen Mann aus dem Bielefelder Schützenverein mit Kochlöffel und Bierkrug in den Händen. Um das Motiv herum ist folgender Spruch zu lesen:
Frei sei der Mann, frei seine Wehr.
Als Bierkönig schätz ich die Schützenwehr.
Neben dem eingeforderten Recht auf Waffenbesitz im Rahmen des Schützenvereins gehörte also ganz offensichtlich der Alkohol dazu.
Im Hintergrund des Motivs ist das Schützenhaus zu erkennbar, das auf dem Johannesberg stand. Autor des Schnitts ist laut Rune wieder einmal Fritz Schreiber.
Um das Motiv herum findet man vier bekannte Orte in Bielefeld, diese sind:
- Alter Rathausgiebel an der Niedernstraße (1819)
- Burg auf dem Sparrenberg
- Gasanstalt (1855)
- Töchterschule Viktoriastraße (1880)
Tradition, Vergangenheit, sowie technische und gesellschaftliche Errungenschaften sind hier also um den traditionsrechen Schützenverein versammelt.
Außen um dies herum wird nochmal an die „alte Zeit“ erinnert. dazu werden einige ehemalige Bürgermeister und dessen Amtsjahre aufgezählt.
1 Mark – Motiv: Carl Severing, Freie Bahn dem Tüchtigen (1918)
Dieser Schein zeigt zwei bockspringende Soldaten, die sinnbildlich den politischen Werdegang Carl Severings aufgreifen. Severing war unter anderem als Stadtverordneter in Bielefeld tätig und galt als aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters. Im Jahr 1920 wurde er jedoch zum Preußischen Innenminister berufen und wechselte damit direkt auf die Landesebene.

Die Darstellung des Bockspringens lässt sich als bildhafte Anspielung auf diesen Karrieresprung verstehen: Anstatt die kommunale Spitze zu erreichen, überspringt Severing die lokale Ebene und steigt unmittelbar in ein deutlich höheres politisches Amt auf. Die Szene fügt sich damit in die für das Bielefelder Notgeld typische Mischung aus zeitgenössischem Kommentar, Symbolik und feiner Ironie ein.
1 Mark – Motiv: Der Schmied von Bielefeld (1921)
Diese Banknote wurde zum 700-jährigen Stadtjubiläum rausgegeben. Sie zeigt auf der Vorderseite die Stadt mit ihren bekannten Kirchen und der Sparrenburg. Auffällig bei dieser Darstellung ist, dass die Neustädter Marienkirche hier mit Spitzdach dargestellt ist. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte sie jedoch ein Dach in Zwiebelform.
Dieses Zwiebeldach wurde stattdessen auf den Turm der Sparrenburg gezeichnet. Der Künstler, dessen Signatur „Pohl.“ auf der Rückseite des Scheins zu finden ist, hatte anscheinend begrenzte Stadtkenntnisse.

Auf der Rückseite ist das Hauptmotiv, der Schmied von Bielefeld, abgebildet. Dabei handelt es sich um eine Sage, in der der Schmied einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Eine „Notgeld-Version“ dessen hat Hanke in seinem Text verfasst.
Ganz oben sind Einwohnerzahlen von Bielefeld zu finden, diese sind wie folgt angegeben:
- 1798=5581 Köpfe
- 1825=6707 Köpfe
- 1849=10082 Köpfe
- 1871=22033 Köpfe
- 1900=63046 Köpfe
- 1921=81400 Köpfe
Diese rasante Steigung der Zahlen war eine Auswirkung der Industrialisierung.
Entgegen Paul Hankes Angaben im Text sind auf diesem Schein im Übrigen keine Hausmarken abgebildet. Diese sind nur dem 2-Mark-Schein zu finden.
2 Mark – Motiv: Heilquelle am Kesselbrink / Hausmarken / Jérôme Bonaparte (1921)
Zum 700-jährigen Stadtjubiläum brachte die Bielefelder Stadtsparkasse auch diesen 2-Mark-Schein heraus. Als Hauptmotiv wurde die Heilquelle auf dem Kesselbrink in Szene gesetzt, die dort im 17. Jahrhundert für kurze Zeit existierte.
Im Mittelpunkt der Vorderseite ist ein Reprint eines Stichs aus dem Jahr 1666 zu sehen, auf dem die Heilquelle dargestellt ist.
Bezogen auf die Angaben Paul Hankes zur Heilquelle auf dem Kesselbrink im obigen Text ist dieser Schein nicht mit dem 25-Mark-Schein zu verwechseln.
Auf dieser Seite der Banknote auch ist zu lesen:
Heilquelle in Bielefeld am Köttelbrink. 438 wunderbare Heilungen in elf Wochen v. 4. Juli bis 22. September 1666.
Gesundbrunnen war Heimittel gegen offene Beine, Podagra, Blindheit, krumme Daumen, gelähmte Glieder, Wunden und Epilepsie, Arznei gegen Hühneraugen.
Magere Pferde, die kurze Gräser neben der Heilquelle abnagten, wurden rund und gesund.
Dr. med Redecker
Die Darstellung verbindet medizinische Vorstellungen der frühen Neuzeit mit lokaler Überlieferung. Gottvertrauen, Glaube, Fantasie und nicht zuletzt Humor bildeten dabei zweifellos einen wesentlichen Teil der Grundlage dieser Erzählung.

Die Rückseite des 2-Mark-Scheins bringt weitere Motive
Dreht man den Geldschein herum, sieht man viele Details, die es sich lohnt, genauer anzusehen.
In der Mitte steht eingerahmt folgendes geschrieben:
Syndikus Hoffbauer stellte bei seiner Festbeleuchtung für den Franzosen-König Jérôme nur ein Taglicht aus.
Inschrift:
Die Größe gibt sich selbst ihr Licht, bedarf der vielen Lichter nicht, drum leucht ich auch so wenig, für meinen großen König.
Hier wird auf Jérôme Bonaparte angespielt, den jüngsten Bruder Napoleons. Er war von 1807 bis 1813 König von Westfalen – und in der Bevölkerung ausgesprochen unbeliebt.
Als Jérôme im September 1808 auf einer Reise durch sein Königreich auch Bielefeld besuchte, soll er im Vorfeld eine prächtige Illumination für seinen Aufenthaltsort angeordnet haben. Tatsächlich begnügte man sich jedoch mit einer einzigen Kerze und brachte den oben zitierten satirischen Spruch an. Die demonstrative Bescheidenheit der Beleuchtung wurde so zu einem stillen, aber deutlich lesbaren Zeichen bürgerlicher Distanz und ironischer Kritik an dem als fremd empfundenen Herrscher.
In die Umrahmung des Motivs ist zudem eine Tormarke integriert, die inhaltlich in diesen Zusammenhang gehört. Tormarken fungierten als eine Art Zahlungsmittel oder Berechtigungszeichen, mit dem etwa das Passieren eines Stadttors erlaubt wurde. Ihre Darstellung lässt sich hier als zusätzliche Spitze verstehen: sinnbildlich als Aufforderung, zunächst „Eintritt zu bezahlen“, bevor man Anspruch auf Aufmerksamkeit oder Anerkennung erhebt. Auch dieses Detail fügt sich damit in die insgesamt spöttische und bewusst doppeldeutige Bildaussage ein.
Die Hausmarke und die Sparkassenfiliale
Paul Hanke erwähnt in seinem Text die Hausmarken, die keineswegs nur in Bielefeld verbreitet waren. Auf dem 2-Mark-Schein sind solche Zeichen ebenfalls dargestellt. Das unten gezeigte Bild verdeutlicht dies exemplarisch am Haus Consbruch, dessen Hausmarken im Giebel angebracht waren.

Das Consbruch-Haus wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Der historische Giebel konnte jedoch geborgen und eingelagert werden. 1975 fand er eine neue Verwendung: Er wurde in den Neubau der Sparkassenfiliale in der Obernstraße 36 integriert.
Sowohl der Giebel als auch die daran angebrachte Hausmarke sind bis heute erhalten geblieben und erstrahlen nun – ausgerechnet an einem Sparkassengebäude – wieder sichtbar über der Filiale. Damit schließt sich ein bemerkenswerter historischer Kreis zwischen Stadtgeschichte, Baukultur und Geldwesen.
5 Mark – Motiv: Leineweber und Landwirt, Krieg und Frieden (1920)
Eine ganz besonders interessante Banknote ist der 10-Mark-Schein. Ganz oben auf der Vorderseite steht das Datum 10. Januar 1920, gefolgt von „Friede“. Links und rechts findet man dazu „Kriegsanfang 1914“ und „Kriegsende 1920“.
Hier wird also das Datum des Kriegsendes, das heutzutage auf den 11. November 1918 – dem Waffenstillstand von Compiègne –datiert wird, um zwei Jahre nach hinten verschoben. Grund dafür ist, dass hier die Unterzeichnung des Versailler Vertrags, die am 10. Januar 1920 stattfand, als Kriegsende gesehen wird. Formell gesehen ist das auch richtig so, denn völkerrechtlich gilt der Krieg erst mit der Unterzeichnung als beendet.
So empfanden es anscheinend auch die Bielefelder Bürger, denn das heutige offizielle Kriegsende findet auf dem Gelschein zwar auch Erwähnung, jedoch nur untergeordnet, oder „zweitklassig“ als „Kriegsweihnachten 1918“.
Inmitten der Grafiken findet sich als Kürzel des Künstlers ein „durchgestrichenes E“, das wie beim 25-Pfennig-Schein auf Fritz Eich schließen lässt.

Die Rückseite des 5-Mark-Scheins
Auf der Rückseite sind die Hauptmotive ein Leineweber und ein Landwirt. Dazwischen befindet sich zum einen eine Auflistung aller Länder, mit denen Deutschland im Krieg war. Zum anderen aber auch die Daten, wann mit welchen Ländern Frieden geschlossen wurde oder auch wann der Kaiser abdankte. Dies entspricht der Beschreibung in Paul Hankes Text.
5 Mark – Motiv: Esel bockt und steht still (1921)
Dieser 5-Mark-Schein war eine aufwendig realisierte Sonderausgabe zum 700sten Stadtjubiläum von Bielefeld. Gestaltet hat ihn der Grafiker Hans Landwehrmann, der später auch als Schöpfer der Diebes-Figur in der Energiespar-Kampagne Kohlenklau überregionale Bekanntheit erlangte.
Hans Landwehrmann – eigentlich Johannes Theodor Walter Landwehrmann – wurde am 13. Oktober 1895 als Sohn des Küsters und Rendanten der Neustädter Marienkirche Hermann Heinrich Paul Landwehrmann und seiner Gattin Johanne Wilhelmine Friederike in Bielefeld geboren. Er starb am 9. November 1976.

Der Geldschein behandelt mehrere Themen auf humoristische Weise, in dessen Mittelpunkt die Anekdote steht, die Paul Hanke im oben zitierten Nachtrag seines Artikels beschrieb. Kässken Brand, ein „altes Bielefelder Original“, soll dem Apotheker am Alten Markt um Hilfe gebeten haben, weil sein Esel bockte und nicht laufen wollte. Dieser verabreichte dem Vierbeiner der Erzählung nach ein Zäpfchen, worauf der Esel weglief. Brand soll den Apotheker daraufhin mit trockenem Humor gefragt haben, ob er auch so eine Pille bekommen könne, damit er seinen Esel nun nachlaufen und einfangen kann.
Links und rechts dieses Hauptmotivs geht es mit Bilderrätseln um die Bielefelder Industrie. Auf der linken Seite ist ein Fahrrad mit Fahrer abgebildet, hier geht es um den Bielefelder Fahrrad-Bau. Die acht Speichen des Vorderrads sind mit den Buchstaben A bis H beschriftet. Dies könnte dabei als Folge von Arbeitsschritten oder auch als Bestandteile des Fahrrads interpretiert werden.

Auf der rechten Seite geht es um August Oetker bzw. dem von ihm erfundenen Backpulver. Dargestellt wird dies durch eine rot hervorgehobene Backe eines Gesichts und einem durchgestrichenen „e“ daneben – zusammen ergibt sich hier also also „Bielefelder Backe Pulver“.

Die Rückseite des 5-Mark-Scheins
Wie im obigen Text bereits erwähnt, sind die Ecken der Rückseite mit humoristischen Sprüchen versehen, die an Bielefelder Häusern zu finden waren:
- Hier ruht der Küster und Organist, Warum? Weil er gestorben ist. Er dankte Gott in vielen Stunden. Der Stein liegt oben und er liegt unten. (Altstädter Kirche)
- Setzt sich ein holdes Mägdelein, so ganz allein auf diesen Stein, im selben Jahr wird Braut sie sein. (Waldkrug)
- Geht Dir Rat aus, Geht aufs Rathaus. Dein Kopf wird heller, im Ratskeller. (Rathaus)
- Als Pumpgenie kannst Du gesunden, Merkst du dir unsre Kassenstunden 8½ – 3½ (Stadt-Sparkasse)
In der Mitte ist die Bielefelder Wäscheindustrie als Geburtstagskind abgebildet, das ein großes Blumengesteck mit beschrifteten Schärpen hält. Hier findet sich auch die Künstlersignatur LDWM, also Landwehrmann.
Interessant sind auf dieser Seite auch die hellgrauen Texte im Hintergrund, die mit bloßem Auge schwer zu lesen sind. Hier finden sich viele Bielefelder Firmen, Gründungsjahre weitere Fakten der Industriegeschichte Bielefelds. Zu lesen ist:
Grosse Kurfürst Friedr. Wilhelm förderte das Spinnen und Weben in der Grafschaft Ravensberg.
In Bielefeld entstand:
- 1735 Tabakfabrik Crüwell
- 1770 Damastweberei
- 1824 Wäschefabrikation Ludwig Heidsiek
- 1835 Velhagen und Klasing
- 1845 Seidenweberei C. A. Delius und Söhne
- 1854 Ravensberger Spinnerei
- 1857 Plüschweberei
- Ende der 50. Jahre: Erste Nähmaschine in Bielefeld gebaut von Werkmeister Karl Baer im Gehrenberg
- 1864 Mechanische Weberei
- 1867 Duerkopp
- 1874 Göricke Werke
10 Mark – Motiv: Ehret die Frauen (1918)
Die Vorderseite des 10-Mark-Scheins zeigt zwei Frauen in traditioneller Ravensberger Tracht. Die eine sitzt an der Spindel und verrichtet textile Arbeit, die andere kümmert sich um ein Kind. Das Bild steht sinnbildlich für die doppelte Verantwortung vieler Frauen während des Ersten Weltkriegs: Sie hielten nicht nur Haushalt und Familie aufrecht, sondern übernahmen zugleich Aufgaben, die zuvor den Männern vorbehalten waren.
Der Titel des Scheins, „Ehret die Frauen“, ist daher mehr als eine moralische Floskel. Er würdigt ausdrücklich den Beitrag der Frauen zur wirtschaftlichen, sozialen und finanziellen Stabilisierung der Heimatfront. Während die Männer im Feld standen, trugen Frauen maßgeblich dazu bei, Produktion, Versorgung und Fürsorge aufrechtzuerhalten.
Diese Anerkennung wird durch den links neben dem Bild abgedruckten Text konkretisiert. Dort werden die sogenannten Liebesgaben der Stadt Bielefeld während der Kriegszeit aufgeführt:
60.000 Feldpakete für die Front, zweieinhalb Millionen Mark freiwillige Spenden – und schließlich die Ausgabe von 100.000 Sparbüchern durch die Stadtsparkasse am 4. November 1918.
Gerade dieser letzte Punkt erklärt die Verbindung zum Motiv. Die massive Ausgabe von Sparbüchern verweist auf das Spar- und Zeichnungsverhalten der Bevölkerung, das während des Krieges gezielt gefördert wurde. Frauen spielten dabei eine zentrale Rolle: Sie verwalteten Haushaltsgelder, legten Ersparnisse an, zeichneten Kriegsanleihen und sorgten dafür, dass finanzielle Mittel gebündelt dem Staat und den Kommunen zur Verfügung standen. Die Sparbücher stehen somit stellvertretend für eine stille, aber tragende Form der Kriegsunterstützung.
Der Schein verknüpft auf diese Weise Bild, Text und Titel zu einer geschlossenen Aussage:
Die Frauen werden nicht nur als Mütter oder Arbeiterinnen geehrt, sondern auch als aktive Stützen des kommunalen und staatlichen Finanzsystems in einer Zeit äußerster Belastung.
Am unteren Bildrand befindet sich die Signatur „ST.“. Eine eindeutige Zuordnung zu einem bekannten Künstler oder Gestalter der Bielefelder Notgeldscheine ist bislang nicht möglich. Weder in Paul Hankes Text noch in den bekannten zeitgenössischen Quellen zur Gestaltung des Notgeldes taucht ein entsprechender Name eindeutig auf.

Die Rückseite ist mit Lebensmittelmengen der Kriegsjahre gefüllt. Zu Beginn ist der im Text von Paul Hanke bereits zitierte Spruch zu lesen:
Der Krieg ist kein Schlaraffenland,
Mit Brot und Fleisch war’s knapp bestellt,
Doch half der Hausfrau Meisterhand
Durchhalten, in dem Krieg der Welt.
Insgesamt zeigt der 10-Mark-Schein damit exemplarisch, wie das Bielefelder Notgeld nicht nur Zahlungsmittel, sondern zugleich Bildträger, Zeitdokument und bewusste Würdigung gesellschaftlicher Leistungen war – mit einem klaren Fokus auf jene, deren Beitrag im Alltag oft unsichtbar blieb.
25 Mark – Motiv: Heilquelle auf dem Kesselbrink und Färberei im Bach (1921)
Der bekannte Bielefelder Künstler Karl Muggly gestaltete den 25-Mark-Schein, auf dem er – ganz im Sinne von Paul Hankes Beschreibung – zwei Themen in bewusst humorvoller Weise aufgreift. Gedruckt wurde er nicht auf Papier, sondern als Stoffgeld.
In den vier Ecken der Vorderseite erzählt Muggly die Geschichte von Hennerken Puls, der allmorgendlich in die Lutter stieg. Eines Tages jedoch war das Wasser blau gefärbt, da die Färbereien der Stadt ihre Abwässer in den Bach eingeleitet hatten. Hennerken Puls verließ daraufhin das Wasser – selbst vollständig blau gefärbt, was zur Belustigung einiger Schaulustigen beitrug. Diese Szene ist sicherlich auch eine ironische Anspielung auf Umweltbelastung und Industrialisierung, verpackt in eine volkstümliche Anekdote.
Das zweite Motiv findet sich auf der Rückseite des Scheins. Hier thematisiert Muggly die Heilquelle auf dem Kesselbrink, die im Jahr 1666 für wenige Monate existiert haben soll. Dargestellt sind Frauen und Männer an Krücken, die in die Quelle hinabsteigen und sie – der Legende nach – als gesunde Menschen wieder verlassen. Auch dieses Motiv verbindet historische Überlieferung mit augenzwinkernder Überzeichnung und fügt sich damit nahtlos in die erzählerische Bildsprache des Bielefelder Notgeldes ein.
100 Mark – Motiv: 700 Jahrfeier der Stadt Bielefeld (1921)
Der 100 Mark Schein ist ein gutes Beispiel für das Bielefelder Stoffgeld, also Banknoten, die nicht auf Papier gedruckt wurden, sondern aus Textilien hergestellt wurden. Er wurde anlässlich der 700 Jahrfeier Bielefelds herausgebracht.

In der Leineweberstadt Bielefeld lag es nah, Zahlungsmittel aus Stoffen herzustellen. Nicht nur durch die Nähe zu Textilien wie Leinen und Seide, sondern auch durch die Nähmaschinen-Industrie, die hier ebenfalls ansässig war. Man konnte so sein Können unter Beweis stellen und nahezu fälschungssichere Geldscheine herstellen.
Den 100-Mark-Schein gibt es in verschiedenen Versionen. Die abgebildete besteht aus zwei Bahnen Stoff, die zusammengenäht sind. Eine Seite ist von der Firma Gundlach bedruckt worden. Die zweite Seite war kunstvoll bestickt. Paul Hanke nennt die Kunststickerei Käte Mitte-Bartling als deren Hersteller. Über diese Firma konnte ich bislang jedoch keine Einzelheiten oder – überhaupt – Belege finden. Ferner ist direkt auf dem Schein vermerkt, dass dieser von „Niedieck u. Lindemann“ gestickt wurde, und zwar auf Koch’s Adler-Stickmaschinen. Da auch für eine Firma mit diesem Namen kein Nachweis vorliegt, ist davon auszugehen, dass es sich dabei um Angestellte handelt – möglicherweise bei Käte Mitte-Bartling.
Auf der bestickten Seite findet sich als Hauptmotiv ein „Rübengesicht“ mit etwas verklärtem Gesichtsausdruck. Dies ist wie bei vielen anderen Scheinen des Bielefelder Notgelds eine Anspielung auf die Knappheit der Kartoffeln und den Ersatz durch Rüben, die niemand mochte, die jedoch zur Verfügung standen. Rundherum sind neben dem Schriftzug „Stadtsparkasse Bielefeld“ und der Wertangabe viele Schnörkel und Verzierungen aufgebracht.
Die bedruckte Seite des 100 Mark Scheins aus Stoff
Die bedruckte Seite der Banknote enthält jedoch eine Vielzahl an Informationen, wie sie auch beim Papiergeld vorlag. Der Rand ist rundherum mit einigen „lustigen“ Grabinschriften versehen, die vermutlich in Bielefeld real existierten. Diese sind:
- Nichts Schrecklicheres gibt’s auf der Welt als Bürgermeister von Bielefeld. (Grabsteininschrift des Bürgerm. Burggrebe)
- Hier liegt begraben, Johann Merkel, in der Jugend war er ein Ferkel, doch im Alter war er ein Schwein, na, was mag er nun wohl sein? (Grabinschrift hinter der Altstädter Kirche)
- Hier liegt mein Weib, Lob, Preis und Dank, mit jedermann hatte sie gezankt, drum Wanderer eile fort von hier, sonst steht sie auf und zankt mit dir. (Grabinschrift hinter der Altstädter Kirche)
Das Zentrum des Scheins ist wieder die Abbildung eines Scherenschnitts, der zweigeteilt ist. Auf der linken Seite ist eine Rune zu finden, die sich ebenfalls auf dem 1000 Mark Schein (s. Update Oxford) abgebildet ist – dort direkt neben der Klarschrift-Signatur von Fritz Schreiber. Daher ist davon auszugehen, dass hier derselbe Künstler am Werk war.
Die linke Seite des Scherenschnitts
Auf der linken Seite sehen wir scharfe Kritik am Kaiser. Darunter ist folgender Text zu lesen:
Was die grosse Wurst unter den Würsten, das ist der Kaiser unter den Fürsten!!!
Bereits dieser Satz setzt den Ton: Er verbindet volkstümlichen Humor mit politischer Ironie und greift bewusst zu einer drastischen, leicht derben Metapher.
Im Zentrum der Darstellung steht ein Mann hinter einer Fleischertheke, vor ihm hängen und liegen Würste in deutlich unterschiedlichen Größen. Die Szene erinnert an einen Marktstand und verweist damit auf Handel, Versorgung und Verteilung – zentrale Themen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Würste werden dabei zu Sinnbildern für Macht, Rang und Bedeutung: groß und klein, begehrenswert und knapp.
Vor der Theke steht eine einzelne männliche Figur mit auffälliger Kopfbedeckung. Die Mütze, ebenso wie seine hervorgehobene Position, legt nahe, dass es sich um eine karikierte Darstellung des Kaisers handelt. Er erscheint hier nicht erhaben oder distanziert, sondern als Teil des Markttreibens – abhängig von Angebot und Zuteilung. Der ehemals höchste Herrscher wird damit auf eine Ebene mit alltäglichen Bedürfnissen herabgezogen.
Um die Szene herum sind mehrere Hundegestalten angeordnet, die begehrlich zu den Würsten blicken. Sie lassen sich als Allegorien für konkurrierende Interessen deuten: hungernde Mitbewerber, Staaten, Machtgruppen oder Profiteure, die auf ihren Anteil lauern. Der Hund als Symbol für Gier, Instinkt und Opportunismus verstärkt diesen Eindruck.
Im Hintergrund schließlich erhebt sich die Silhouette von Bielefeld mit deutlich erkennbaren Kirchtürmen und der Sparrenburg. Sie verankert das Geschehen eindeutig im lokalen Raum und macht klar, dass es hier nicht um abstrakte Weltpolitik geht, sondern um deren Auswirkungen auf das alltägliche Leben in der Stadt. Die vertraute Stadtkulisse steht in scharfem Kontrast zur Groteske im Vordergrund.
Insgesamt entfaltet das Motiv eine vielschichtige Kritik an Monarchie, Machtverlust und sozialer Realität. Der Kaiser ist nicht länger unangefochtener Mittelpunkt, sondern eine Figur unter vielen – eingebettet in eine Welt knapper Ressourcen, begehrter „Würste“ und lauernder Interessen. Der Scherenschnitt verbindet damit politischen Kommentar, Lokalkolorit und beißenden Humor zu einer prägnanten Bildsatire.
Die rechte Seite des Scherenschnitts
Die rechte Seite des Scherenschnitts widmet sich einer zeitgenössischen Selbstkritik und ist betitelt mit:
Mit Frauen und Teufeln ist’s schlecht bestellt, seit Leinwand und Seide bedruckt wird als Geld!
Darüber ist ein alter sitzender Mann zu sehen, der von mehreren nackten Frauen bezirzt wird. Er symbolisiert die Geldnot und ist entsprechend auch so beschriftet. Die Figur steht sinnbildlich für den verarmten, zugleich aber verführbaren Menschen, der in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit zwischen Bedürftigkeit und Begierde schwankt.
Die nackten Frauen sind dabei nicht als individuelle Personen zu verstehen, sondern als Allegorien für Verlockung, Scheinwohlstand und moralische Versuchung. Sie verkörpern jene Versprechen, die gerade in Zeiten knapper Mittel besonders verführerisch erscheinen, tatsächlich jedoch häufig in die Irre führen.
Hinter dieser Szene erhebt sich eine teuflische Gestalt, die mit dem Begriff „Wucher“ bezeichnet ist. Sie fungiert als eigentliche treibende Kraft des Geschehens: als personifizierte Ausbeutung, die aus Geldnot Profit schlägt. Während die Geldnot sichtbar leidet und verführt wird, agiert der Wucher im Hintergrund – lenkend, verstärkend und zerstörerisch zugleich.
In der Zusammenschau entsteht eine vielschichtige Bildaussage über die wirtschaftlichen und moralischen Verwerfungen der Nachkriegszeit. Das Motiv kritisiert nicht nur Inflation und Spekulation, sondern auch die sozialen Folgen einer Geldordnung, in der bedrucktes Papier den Platz verlässlicher Werte eingenommen hat. Das Notgeld wird so selbst zum Spiegel der Krise, die es eigentlich lindern sollte.
Update: Der 1000-Mark-Schein in Oxford (1922)
Auf einer Reise 2025 habe ich im Pitt Rivers Museum in Oxford einen Schein gesehen, den ich hier als Nachtrag zum Blog-Post vorstelle.

Der Schein stammt aus dem Jahr 1922, also ein Jahr nach Hankes Artikel. Unten rechts ist die Künstlersignatur „Schreiber 22“ zu lesen. Demnach handelt es sich bei dem Urheber also um den oben bereits erwähnten Fritz Schreiber (1887 – 1956), Mitinhaber der Kunstdruck Firma Klocke & Schneider. Auch dieses im für das Bielefelder Notgeld typischen Scherenschnitt-Design gehaltene Kunstwerk ist voll beladen mit Botschaften. Gedruckt ist er von der Firma E. Gundlach AG aus Bielefeld, und zwar nicht auf Papier, sondern auf Stoff.
Hankes oben erwähnter Weltruhm für das Bielefelder Notgeld im Scherenschnitt-Design ist hier also ein Stück weit in Erfüllung gegangen.
Der Völkerbund als Monster
Insgesamt geht es um den Völkerbund, also um die Nachkriegszeit und ihren Regulierungen. Der Völkerbund wird als bedrohliches, schwarzes Monstrum dargestellt. Links und rechts schauen zwei dunkle Gestalten heraus, dazu später mehr. In ihm reißen sich Soldaten um Tiere und Menschen, wetzen ihre Messer und drohen mit Pistolen. Der „Deutsche“ wird hier auch mit Schlafmütze dargestellt, also als „Deutscher Michel“, der sich betrügen lassen hat. Weiterführend dazu verweise ich auf einen weiteren Artikel hier im Blog, der sich dem sogenannten „Bielefelder Michel“ widmet, eine aufwendig gestaltete Medaille aus der Zeit.
Die Soldaten sind beschriftet mit „England“ und „Frankreich“, ein weiterer „feiner Herr“ mit „Dollar“. Er stellt sicher die Rolle der USA dar. Sie waren nicht Mitglied des Völkerbunds, hatten aber von außen agiert – auch mit ihrem Geld. Zwischen den Soldaten ist noch „Deutschland Zahle!“ zu lesen. Ganz links steht ein uniformierter Mann, vielleicht ist es auch ein Zirkusdirektor, auf dem „Polen“ zu lesen ist. Zirkusdirektor könnte insofern passen, da Polen damals an mehreren Schauplätzen agieren musste. Neben ihm steht ein Monster, auf dem ein Bibelspruch referenziert wird: „Offenbarung Joh. Kap. 6, Vers 10.“, dieser lautet „Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen?“.
Das Konzert der Tiere in der Fest-Viehhalle
Ganz oben ist eine Art Konzert der Tiere dargestellt, darüber ist zu lesen „Morgenkonzert in der Bielefelder Fest-Viehhalle am 31. Februar 1988“. Da hier ein Datum genannt wird, dass es nicht gibt nehme ich an, dass dass soviel bedeutet wie „zahlen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag“. Die Tiere, also das Vieh, steht wahrscheinlich für wirtschaftliche Werte oder Kapital. Das Konzert selbst stellt vermutlich die aktuelle unübersichtliche Lage dar, in der alle durcheinander spielen.

Auf dem Schein sind noch zwei weitere Bibelzitate untergebracht. Links ist „Offenbarung Joh. Kap. 12, Vers 12“ zu lesen, dieser lautet „Darum jubelt, ihr Himmel / und alle, die darin wohnen. Weh aber euch, Land und Meer! / Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, / weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt.“. Und auf der rechten Seite steht schließlich noch „Offenbarung Joh. Kap. 18, Vers 11“, was bedeutet: „Auch die Kaufleute der Erde weinen und klagen um sie, weil niemand mehr ihre Ware kauft“.

Nicht verkneifen konnte sich Schreiber dann noch die Worte: „Französische Plage Clemenceau“, womit er den Franzosen Georges Clemenceau meinte. Aufgrund der Nähe auf dem Schein ist die dunkle Gestalt, die links aus dem Völkerbund-Symbol herausschaut, vermutlich auch sein Konterfei. Der sogenannte „Tiger“ von Versailles war 1919 Vorsitzender der Pariser Friedenskonferenz. Sein Hauptziel war Frankreichs Sicherheit vor Deutschland dauerhaft garantieren, was ihm in Bielefeld wohl keine Freunde einbrachte.

Böse Mächte und teuflische Mittel
Die dunkle Gestalt auf der rechten Seite ist mit Kraut auf dem Kopf dargestellt. Das deutet auf Reymond Poincaré hin, der wegen seiner Kopfform, manchmal als Rübenkopf verspottet wurde. Das darüber liegende rote M ist ebenso wie das auf der linken Seite mit kleinen Buchstaben ergänzt, so dass sich die Wortfolgen „Böse Mächte“ und „Teuflische Mittel“ ergeben.
Schließlich hat der Schein noch ein Spruchband außen herum, es sind Zitate aus Goethes Faust II. Unten steht – vermutlich mit Druckfehler:
Froh [eigentlich „Solch“] ein Gewimmel möcht’ ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Fortgesetzt wird mit:
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn.
Beide Zitate stammen aus dem Teil „Großer Vorhof des Palasts“.
Diese Banknote gibt es in den Grundfarben grün (wie hier) und gelb. Die im Museum verdeckte Rückseite ist ebenso spannend und auf ihr gibt es noch viel zu entdecken. Beispielsweise sind dort viele alkoholische Getränke aufgelistet und dazu, was sie zu der Zeit kosteten. Auch dieser Schein ist also ein faszinierendes Zeitzeugnis, das zurecht einen Platz im Pitt Rivers Museum gefunden hat.
Vom Zeitdokument zur Erinnerung – Einordnung
Mit dem 1000-Mark-Schein aus dem Jahr 1922, der heute im Pitt Rivers Museum in Oxford erhalten ist, erreicht das Bielefelder Notgeld noch einmal eine besondere Verdichtung. Die gestalterischen Mittel, die politische Bildsprache und der satirische Ton führen hier vieles zusammen, was Paul Hanke Jahre zuvor programmatisch beschrieben hatte: Notgeld als Kommentar zur Zeit, als Spiegel gesellschaftlicher Spannungen und als bewusst gestaltetes Gedächtnis einer Stadt.
Zugleich markiert dieser Schein einen späten Höhepunkt – und einen Übergang. Die unmittelbare Notzeit wich, das Geldsystem veränderte sich erneut, und das Bielefelder Notgeld trat zunehmend aus dem Alltag in den Bereich der Erinnerung, der Sammlung und der historischen Einordnung über.
Zum Abschluss folgen daher Antworten auf häufige Fragen zum Bielefelder Notgeld und Stoffgeld. Sie fassen zentrale Aspekte unabhängig von einzelnen Scheinen zusammen und bieten einen kompakten Überblick für alle, die sich vertiefend, vergleichend oder erstmals mit diesem außergewöhnlichen Kapitel der Bielefelder Stadt- und Geldgeschichte befassen möchten.
Häufige Fragen zum Bielefelder Notgeld
Was ist das Bielefelder Notgeld?
Das Bielefelder Notgeld bezeichnet Geldersatzmittel, die zwischen 1917 und 1924 von der Stadt und der Stadt-Sparkasse Bielefeld ausgegeben wurden, um den lokalen Zahlungsverkehr während Inflation und Geldmangel aufrechtzuerhalten.
Warum gab es in Bielefeld eigenes Notgeld?
Wie viele deutsche Städte reagierte Bielefeld auf Münzknappheit und Inflation, indem eigenes Geld ausgegeben wurde, um den täglichen Zahlungsverkehr sicherzustellen.
Wurde das Bielefelder Notgeld tatsächlich benutzt?
Der größte Teil des frühen Notgelds wurde im Zahlungsverkehr verwendet. Aufwendig gestaltete Serien, etwa zum 700-jährigen Stadtjubiläum 1921, waren formal gültig, gelangten jedoch meist nur selten in den alltäglichen Umlauf.
Was ist das Bielefelder Stoffgeld?
Als Stoffgeld bezeichnet man besonders gestaltete Notgeldscheine aus Seide, Samt oder Leinen, die ab dem 15. Juli 1921 ausgegeben wurden und an die textile Tradition Bielefelds anknüpften.
Wer war der Initiator des Bielefelder Notgelds?
Initiator war Paul Hanke, Direktor der Stadt-Sparkasse Bielefeld, der das Notgeld auch gezielt als Einnahmequelle durch Sammler nutzte.
Warum sind die Stoffscheine heute so bekannt?
Die Stoffscheine erlangten durch ihre ungewöhnlichen Materialien, künstlerische Gestaltung und internationale Sammlernachfrage große Bekanntheit.

Schreibe einen Kommentar